Release Gestöber 34 (Samantha Crain, Pure Bathing Culture, Night Beds, Foyn Trio!)

In Zeiten allgegenwärtiger Hiobsbotschaften liefern sich die Medien ein Wettrennen, jede Nachricht mit möglichst viel Depri-Touch zu versehen. Der Einzelne hat gar nicht mehr die Möglichkeit, sich in ein biedermeiernes Idyll zu flüchten. Weil uns die Außenwelt dank Internet und Fernsehen schon längst in den eigenen Wohnräumen auflauert. Natürlich ist die Mehrheit zu dumm, um dieser Belagerung mit der nötigen Psychohygiene zu begegnen. Man ergibt sich, wird Teil der Hysterie. Musik jedoch ist eine der wunderbarsten Möglichkeiten, den alltäglichen Wahnsinn auch einmal Wahnsinn sein zu lassen. Doch natürlich befördert manch Art von Musik auch den Irrwitz. Nicht jedoch jene, die wir dem werten Leser auch heute wieder gern ans Herz legen.

Samantha Crain

Die aus Oklahoma stammende Singer-Songwriterin Samantha Crain ist eine der faszinierenden jungen Stimmen der Americana- und Folk-Szene. Nicht zuletzt deshalb haben wir im Rahmen unseres diesjährigen Weihnachtsspecials bereits zwei ihrer vorzüglichen Tracks vorgestellt. Selbstredend lohnt sich die Beschäftigung mit Crains Schaffen zu jeder Jahreszeit. Für Februar ist die Veröffentlichung ihrer dritten LP angekündigt. Kid Face wurde von John Vanderslice, seines Zeichens selbst ein über die Maßen begabter Liedermacher, produziert. Die Voraussetzungen für ein starkes Album scheinen somit fraglos erfüllt. Als erster Beleg für die fruchtbare Zusammenarbeit dient der mit countryesker Violine akzentuierte Track Never Going Back. Einen kostenlosen Download dieses Tracks gibt es auf dem Rolling Stone. Wer Samantha Crain noch nicht kennt, sollte diese musikalische Bildungslücke schleunigst nachholen.

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Kid Face erscheint am 19.02.2013 auf Ramseur Records.

Pure Bathing Culture

Pure Bathing Culture, was für ein Bandname! Oft genug scheinen Bands bei der Namensgebung herrlich unspiriert. Wobei gerade die Formationen mit den uninspiriertesten Bandnamen große Dinge vollbracht haben. Man denke an The Who, The Cure, The Doors, The Smiths. Alles keine Bandnamen, die einem poetisch auf der Zunge schnalzen! Das US-Duo Pure Bathing Culture hingegen hat einen ausgesucht stilvollen Namen gewählt, der sich in die Hirnrinde einbrennt. Die vor wenigen Wochen erschienene EP gleichen Namens vermag sich also mit diesen Vorschusslorbeeren zu schmücken, aber durchaus auch musikalisch noch den einen oderen lichternen Glanz zu setzen. Den 4 Tracks haftet eine durch den Schleier der Erinnerung wahrgenommene Sentimentalität an. Die gelungensten Momente sind hell, ein Zurück in die Achtziger. Solch tagträumerisch entschleunigter Pop mit viel Seele, wie man ihn etwa bei Ivory Coast oder Gainesville fühlt, gefällt mir gut. Gerade an grauen Tagen.

Pure Bathing Culture ist am 16.11.2012 auf Memphis Industries erschienen.

Night Beds

Photo Credit:  Aubrey Swander
Photo Credit: Aubrey Swander

Die tagtägliche Getrimmtheit auf Superlative stellt uns oftmals vor das Problem, dass wir den Glauben an die Sensation verloren haben. Jeder Hinz und Kunz vermeldet Sensationen, der inflationäre Gebrauch führt dazu, dass sich die echten Knüller keine Bahn brechen können. Die Scheibe Country Sleep hingegen verdient ohne alle Abstriche jedwede Lobhudelei. Was Winston Yellen unter dem Namen Night Beds ersonnen hat, ist faserschmeichlerisch bis fragil im Gesang und atemberaubend melodisch und feingliedrig im Sound. Wir haben es mit überwiegend sanftem Folk zu tun, unverbrüchlich direkt und authentisch, mit Reflexionen und Sentiment behaftet, mitunter von sakraler Andächtigkeit durchwirkt. Ob das rockige Ramona, das zärtliche Cherry Blossoms oder das intensive 22, man kommt bei dieser Platte aus dem Staunen kaum heraus. Großartig!

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Country Sleep erscheint am 08.02.2013 auf Dead Oceans.

Foyn Trio!

Ich habe in den letzten Wochen mehrere Mails zum Foyn Trio! bekommen. Das skandinavische Trio um die norwegische Sängerin Live Foyn Friis wird dabei manchmal mit Ausrufezeichen bedacht, manchmal wiederum wird selbiges unter den Tisch fallen gelassen. Diese Handhabung scheint im Sinne der Künstlerin, denn auf ihren offiziellen Seiten – sei es nun Facebook oder auch SoundCloud – drängt sich das Ausrufezeichen auf, fehlt hingegen an anderer Stelle. Ich glaube, dass jede Band heutzutage auch eine wiedererkennbare, bis ins kleinste Detail ausgestaltete Marke darstellen muss. Man könnte das nun als Pedanterie abtun oder sich hingegen vor Augen halten, dass das kleingeschriebene „i“ in iPhone oder iPad wohl nicht aus einer Schlamperei heraus exisitert. Im Falle von Foyn Trio! erscheint mir das Ausrufezeichen besonders angebracht, weil es diesem Jazz-Pop eine vorwitzige Note verleiht. Diese Keckheit wird noch durch den Albumtitel verstärkt. Denn eine Platte mal einfach so Joy Visible zu nennen, für sich in Anspruch zu nehmen, dass Freude sichtbar gemacht werden kann, das zeugt von Selbstbewusstsein. Und in der Tat ist dieses Werk ein Genuss, vor allem wenn man sich der Gepflogenheiten von Jazz-Trios entsinnt, zu denen eben auch der gute alte Kontrabass gehört. Im Falle dieses Trios freilich trifft Tradition auf Moderne, verbinden sich elektronische Spielereien wie Loops mit der altmodischen Ausgangslage, begegnet Pop dem einen oder anderen Experiment. Das Foyn Trio! hat letztlich auch ein in seiner Abgründigkeit wie Lieblichkeit sehr skandinavisches Album gemacht. Wer also die Prämissen des Werks verstanden hat, wird dem Noir-Track She Hides, dem hoffnungsvollen Refrain von Make Me Smile oder einer mafiösen Dramatik bei Bold Old Men schwerlich die kalte Schulter zeigen. Auch einen Song wie There’s a Girl, der Exzess und Zerbrechlichkeit gegenüberstellt, sollte man gehört haben. Live Foyn Friis besitzt mit jeder Faser das nötige Charisma, um die sehnende, scheiternde, starke, sich über Widersprüche defininierende Frau zu geben. Joy Visible ist ein schönes Album für musikalische Nonkonformisten.

Konzerttermine:

03.01.2013 Berlin – Antje Øklesund
04.01.2013 Magdeburg – Blue Note
05.01.2013 Dresden – Ostpol

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Joy Visible erscheint am 04.01.2013 auf Yellow Records/TimeZone.

SomeVapourTrails

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