Release Gestöber 35 – Teil 1 (Das Beste des Jahres mit Wintersleep, Marissa Nadler, Toddla T)

Wie jeder verdammte Blogger erachte ich den Zwang, eine selbstredend möglichst meilensteinige Jahresbestenliste zusammenzustellen, als unbedingte Pflicht. Solch Listen gehören einfach zur Job-Beschreibung eines jeden Musikenthusiasten. Während ich gerade das Jahr 2012 musikalisch Revue passieren lasse, bin ich auf ein paar Alben gestoßen, Platten, die ich bislang auf diesem Blog noch nicht gewürdigt habe, obwohl sie mit das Beste sind, was dieses Jahr zu bieten hatte. Es sind solche, die man nicht so auf der Rechnung hat, weil sie bei kleineren Labels erschienen sind oder einfach nicht dem Zeitgeist entsprechen. Der werte Leser sollte auch ein zusätzliches Detail bedenken. Musik präsentiert sich nämlich auch als Fetisch. Sie hält jung, weshalb auch der gestandene Mittvierziger noch an den Lippen von Halbstarken hängt. Musik formt Erinnerungen, darum vergöttert der graumelierte Fünfziger die Idole glorreicherer Zeiten, auch wenn solch Bands heutzutage oft nur ein Schatten früherer Tage sind. Bestenlisten sagen also im Grunde wenig über die musikalische Gegenwart aus, machen jedoch den Ersteller zum offenen Buch. Noch sind es freilich ein paar Tage, bis ich meine Listen preisgebe. Diese noch schnell erwähnten Alben – oder zumindest manche Tracks – werden sicher auch darauf vertreten sein.

Wintersleep

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Photo Credit: Scott Munn

Ich kenne ja schon die eine oder andere Bestenliste, ein Album aber finde ich nirgendwo: Hello Hum von der kanadischen Formation Wintersleep. Die überraschend wenigen Besprechungen, die ich zu dazu vernommen habe, schätzten es bestenfalls durchschnittlich ein. Ja, sind denn alle taub wie Bohnenstroh? Hello Hum bietet mit Nothing Is Anything (Without You) so en passant auch einen heißen Anwärter auf den Track des Jahres. Dieser Rhythmus ist zum Niederknien, Gitarre und Percussion schlichtweg ein Gedicht, dazu noch diese jugendliche Liebesschwüre („You forgot your love today/ Remember I would do anything/ No one can ever take your place/ And I can’t live my life without you babe/ Nothing is anything without you babe„). Mit Resuscitate folgt unmittelbar darauf ein quirlig vorwärtshuschender Rocksong, der sich spleenig auswringt. Nicht minder beeindruckend wirkt Permanent Sigh, ein komplexer, zwischen Hymne und Drama schwankender Track („On the bright side, you did your best/ The story of your life will be your death„). Fast jeder Song auf Hello Hum verdient eine Lobspende, so auch das mit psychedelischem Touch versehene Someone, Somewhere oder ein vor Verlangen vergehende Zones.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich Hello Hum beim ersten Hören für fein befunden und dann doch im Wust der Veröffentlichung aus den Augen verloren habe. Das ist das Problem mit dem Überfluss an Veröffentlichungen, das Wesentliche ist in seiner Entfaltung von Nichtigkeiten bedroht. Ständige Promo-Mails und Überschriften bedeutender Musikmagazine gaukeln stündlich Relevanzen vor, die mal in Augenschein genommen das Versprechen nicht einzulösen vermögen. Doch verdrängen sie das, was wirklich zählt. Etwa dieses schlichtweg wunderbare, von A bis Z stimmige Album von Wintersleep. Da können Zeitgeistler mit anderslautenden Expertisen noch so viele Purzelbäume schlagen.

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Hello Hum ist am 21.09.2012 auf Affairs Of The Heart erschienen.

Marissa Nadler

Emotionale Pein verliert an Bedrückung, wenn sie in den Mantel der Unwirklichkeit gehüllt wird. Wenn Seelenqualen mit Spinnweben behangen durch den Äther schallen, vorgetragen mit dem Zauber einer Circe, dann lässt sich allerlei Abgründiges bestens ertragen. Der Dream-Folk der US-Singer-Songwriterin Marissa Nadler scheint einem Albtraum entsprungen und dennoch fühlt der Hörer keinen Kloß im Halse. Nadlers Lieder sind ein faszinierender Spuk, geistern durch pittoreske wie spartanische Kulissen. Ihr Anfang Juni erschienenes Album The Sister muss zu den großartigen Veröffentlichung dieses Jahres gezählt werden, weil es mit überschaubaren Mitteln eine Atmosphäre ausstaffiert, in welcher man sich in einem eisigen, irrealen, entschleunigten Refugium zu verlieren vermag. Nadler besticht als Sirene des Leids. Wie Your Heart Is A Twisted Wine in einer von einer galliger Süße getragenen Erinnerung an die einstige Liebe schwelgt, das tönt beeindruckend. Diese begnadetete Liedermacherin gaukelt uns keine Schicksalschläge vor, um Narben des Fühlens zu erklären. Ihre Figuren scheitern am einfach nur am Leben, versuchen Schutzwälle ums Herz zu errichten, kerkern sich ein. Doch sind es gerade auch solch Mauern, die eine Rettung aus dem eigenen Gefängnis verhindern (The Wrecking Ball Company). Nadlers Songs sind in magische Verträumtheit gebettete Abgesänge, Kapitulationen von kühler Schönheit. So auch das in seiner Traurigkeit überwältigende Constantine.

Auch in diesem Fall habe ich mich doch sehr gewundert, dass The Sister generell keine Erwähnung erfährt, wenn es darum geht, das musikalische Jahr Revue passieren zu lassen. Aber vielleicht ist der versponnen-avantgardistische Zugang einer Julia Holter in Kritikerkreisen eben mehr gefragt. Das ist zwar legitim, zumindest wenn man hinsichtlich anstrengender Klänge geeicht ist. Da ich es jedoch mit dem Liebreiz des Mysteriums halte, mich gern durch ein reizvolles Tal des Weltschmerzes führen lasse, komme ich 2012 an Marissa Nadler nicht vorbei.

The Sister

The Sister wurde am 01.06.2012 auf Box Of Cedar Records veröffentlicht.

Toddla T

Ich habe fraglos ein Faible für Downtempo und allerlei Electronica-Schnickschnack, je mehr es jedoch in Richtung Club-Sound (EDM) geht, desto mehr stehe ich auf dem Schlauch. Ich bin also sehr ungeeignet, den Reiz von meinetwegen Dubstep zu vermitteln. Und eine Kultur behagt mir eher wenig, das ganze Remix-Getue nämlich begreife ich nicht. Ein Stück weit ist das ungefähr so, wie wenn ich an der Mona Lisa herumkritzle. Wie groß sind die Chancen, dass sie dadurch interessanter wird? Eine Ausnahme von dieser These bildet allerdings Watch Me Dance: Agitated by Ross Orton & Pipes. Das ursprünglich 2011 erschienen Album Watch Me Dance von Toddla T wird hier von zwei Sheffielder Produzenten, Ross Orton und Pipes nämlich, zu einer starken Platte aufgemotzt. Als Resultat zeigt sich eine bunte Mischung aus Hip-Hop, Dancehall und Soul, die mit großartigen, griffigen Beats zum Dance bitten. Zu meinen Highlights zählt der Dub-Reggae-Track Fly, weiters das zwischen hooliganesker Rohheit und sophisticated Coolness wabernde Watch Me Dance oder Badder Man Runs mit seiner comichaften Durchgeknalltheit. Diese Scheibe hat mir 2012 tatsächlich die sinnstiftende Wirkung von Remixen nähergebracht, vor allem wenn wie hier gleich an ein gesamtes Album kompetent Hand angelegt wird. Prima!

watchmedanceagitated

Watch Me Dance: Agitated by Ross Orton & Pipes ist am 10.08.2012 auf Ninja Tune erschienen.

Der zweite Teil unterschätzter Alben von 2012 folgt während der Feiertage.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Release Gestöber 35 – Teil 1 (Das Beste des Jahres mit Wintersleep, Marissa Nadler, Toddla T)

  1. Nicht das ich Wintersleep nicht hörenswert fände, aber ob ich die älteren Werke der Burschen höre oder das Neueste, macht keinen Unterschied. Will sagen, lohnt nicht, die vorhandenen Alben reichen allemal. Vielleicht ein Grund warum sie immer noch als zwar netter, aber eben auch eher harmloser Geheimtipp durchgehen. Und dieser Jahresbestenzwang ist schon ein echter Fluch.

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