Stippvisite 18/12/12 (Von der Schwere der Paranoia abhängig!)

Musikblogs haben sich als Gegenstück zu etablierten Musikmagazinen behauptet. Was die Blogger anfangs ausgezeichnet hat, das flexible Posten von Neuigkeiten sowie der mangelnde Wille, einen jeden Clip mit vielen Worten zu sezieren, darin haben die Magazine längst aufgeholt. Wir finden heute oft die paradoxe Situation vor, dass sich die Amateure wie Profis gebärden, die Fachmänner – und frauen es dagegen easy angehen lassen, die Leichtigkeit der Schlamperei für sich entdecken durften. Das Resultat dieser Erkenntnis ist ein je nach Schwere der Paranoia geäußertes „Traue niemandem“ bis hin zu „Traue jedem“. Man kann und soll es dem Musikkonsumenten gar nicht abnehmen, sich zumindest für den Bruchteil einer Minute zu überlegen, welche Quellen man so nutzt – und was dahintersteckt. Der Hörer ist das letzte Glied in einer Reihe von Reflexionen. Der Musiker sinniert über die Aussagekraft seiner Musik, das Label grübelt über die Erfolgschancen (In den meisten Fällen ist dies mit dem Überschreiten der Gewinnschwelle gleichzusetzen.), die Promo-Agenturen denken über die Art der Vermarktung (per Streufeuer oder doch lieber auf ausgewählte Kontakte vertrauend) nach und Blogs und Magazine schielen auf ihre Zielgruppen. Musik erreicht uns auch im Internet nie willkürlich, sie durchläuft Filter. Als Hörer kann man sich zumindest einzelne Filter aussuchen, Blogs und Magazine nämlich. Wer sich bewusst für Magazine entscheidet, die Musik mit Klatsch und Tratsch verbinden, der negiert gehaltvollen Journalismus. Wer sich hingegen in Indie-Gefilde begibt, darf sich dann auch nicht über eine latent vorherrschende Miesepetrigkeit wundern, weil Indie-Bands in aller Regel nicht im Schlaraffenland leben. Reguliert das Angebot die Nachfrage oder dirigiert die Nachfrage das Angebot? Diese Frage gilt es sich erst einmal zu stellen, dann kann jeder Freund der Musik daraus seine Schlüsse ziehen. Und vielleicht 2013 bewusster Musik konsumieren. Die Vielfalt ist nämlich weniger verwirrend, als man gemeinhin denkt, und Google ein begriffstutziger Lotse.

Hier nun auch heute wieder ein paar Empfehlungen von ausgewählten Seiten.

Entdeckertipp:

GUSBYHEART_selfportrait
Photo Credit: GUSBYHEART_selfportrait by singleline (flickr)

Singer-Songwriter gibt es bekanntlich wie Sand am Meer. Aber erst die Fülle von Sandkörnern macht einen Strand zum Badeparadies, zu einem Ort, an welchen man sich in die Sonne fläzen mag. Als jüngst an mein persönliches Uferidyll hinzugespültes Sandkorn möchte ich heute Gus By Heart begrüßen. Dem Projekt des Schweden Gustav Svedung ist bislang die Oktober veröffentlichte EP Rather Be Singing Than Thinking entsprungen. Die vier Lieder sparen nicht an Dramatik, sind von Finsternis umgeben und sehen sich nach Licht. Gus By Heart verhaftet das lyrische Ich in der Krise, gibt ihm zugleich eine Sehnsucht. Tracks wie The Last Place oder der Titelsong Rather Be Singing Than Thinking sind wunderbar stimmige, fein gefühlsträchtige Stücke. Eine tolle Entdeckung, die ich Nicorola zu verdanken habe!

Durchbruchtipp:

Anscheinend braut sich da etwas zusammen. Wer auf der BBC-Liste Sound of 2013 steht, hat keine schlechte Chance auf den ganz großen Durchbruch. Was Kritiker und Größen im Musikbusiness auf die Umfrage der BBC antworten, besitzt durchaus Hand und Fuß. Dabei sind es gar nicht immer die Sieger dieser Erhebung, welche die ganz große Karriere ansteuern. 2009 etwa gewann Little Boots die Umfrage, vor mittlerweiligen Superstars wie Florence + the Machine oder Lady Gaga. 2005 wiederum wurden die Bands Bloc Party oder Kaiser Chiefs von The Bravery geschlagen. Wenn nun eine mir bis dato unbekannte Formation wie Kodaline auf der Liste für das kommende Jahr steht, sagt eine etwaige vordere Platzierung wenig aus. Dass sich die Iren darauf befinden, das hingegen spricht Bände. Und wenn ich mir den Clip zu ihrem Song All I Want ansehe, fällt mir schon auf, dass hier kein iPhone-Dilettantismus greift, eine ergreifende, herzenswarme Story ansprechend gefilmt wurde. Wenn man weiters bedenkt, dass das Debütalbum In A Perfect World erst im März 2013 erscheint, darf man sich angesichts der Vorschusslorbeeren auf einen Erfolg gefasst machen. Hier wird zielbstrebigst der große Wurf angepeilt. Und das nicht zu Unrecht! (via Schallgrenzen)

Dänentipp:

CODY pr 2012 foto af Christian Klintholm
Photo Credit: Christian Klintholm

Gehört, geliebt, so gehört sich das auch. Wenn der musikalische Funke der Freude im Hirn zündet, hat eine Band alles richtig gemacht. In diesem Falle spreche ich von der dänischen Gruppe Cody. Laut Eigenbeschreibung ist Cody „a Danish seven-piece band playing folk inspired pop melodies with hints of post rock and nordic gloom“. Der aus ihrem früher im Jahr veröffentlichten Album Fractures stammende Song Mirror besticht als stimmungsvoll-dramatischer Folk-Pop. Ein perfekter Song, wie ich meine, eingängig und zugleich nuanciert. Die werte Kollegin Eva-Maria vom Polarblog bringt es auf den Punkt: „Violinen schwelgen, Banjos puckern und Sänger Kasper Kaae klingt so, als ob ihm das Herz ein Mal zu viel gebrochen wurde. Die Dänen zeigen, dass ein gewisser feierlicher Ernst keineswegs die Grundleichtigkeit des Pop tötet.„. Ich jedenfalls bin begeistert, seid ihr es auch!

Frickeltipp:

Ich bin ja nicht unbelehrbar. Wenn man mir oft genug einen Bandnamen unter die Nase reibt, dann werde auch ich schwach und höre rein. Sogar bei deutschen Bands. Irgendwann dieser Tage fand sich eine E-Mail mit dem Hinweis auf ein neues Video von Electric Ocean People in meinem Postfach, kurz darauf sah ich einen Post dazu auf dem Blog Song des Tages, schaute also mal rein. Ich habe durchaus ein Problem mit deutschen Indie-Acts, besonders wenn sie englischzungig singen. Das klingt oftmals verkniffen, sehr unentspannt. Vielleicht ist es schlicht ein Mentalitätsproblem, möglicherweise können Deutsche die Leichtigkeit des Seins – und damit auch der Musik – nicht wirklich ausleben, ist die hiesige Kulturnation noch immer dank Schopenhauer und Goethe herrlich gehemmt. Gegen Musik mit Denkerstirn und Willen zu Experimenten ist überhaupt nichts zu sagen, solang solch Bands nicht gebündelt auftreten. Das freilich ist in Deutschland der Fall. Nachdem ich nun diese meine Vorbehalte artikuliert habe, will ich jedoch nicht verhehlen, dass die Hamburger Formation Electric Ocean People durchaus zu den ansprechenderen Gruppen gehört. Weil ihr Sound verfängt, nie nervt. Kopfgebürtig anmutet und dennoch nicht zum Easy Listening für Mensa-Mitglieder verkommt. Die Songs der Band sind ein ständiges Schrauben und Frickeln, mal in Richtung hibbeliger Electro-Pop, mal gen gebläuten Indie-Pop, auch ein Lounge-Lack lässt sich erkennen. Dem Getüftel steht ein klarer, lebendiger Gesang gegenüber, quasi als Fels in der Unruhe. Es lohnt also, das bereits vor einem Jahr erschienene Album Belly of a Whale für sich zu entdecken. Das neue Video zu Prince of Whales bietet einen guten Einstieg.

Schmackestipp:

VedeTT EP

Meine werte Co-Bloggerin und ich sind Freunde der französischen Küche und auch ein wunderbares französisches Chanson findet gelegentlich den Weg durch unsere Boxen. Aber zeitgenössische Klänge, da könnten wir uns nicht unbedingt als frankophil outen. Warum eigentlich? Nun letztlich macht ja die Gelegenheit Liebe, wir werden nicht gerade mit fantastischen Bands bombadiert. Ich wüsste auch keinen französischen Musikblog, bei dem ich meine vor Jahren stillgelegten Französischkenntnisse wieder reaktivieren könnte. Vielleicht würde sich genau dies aber lohnen. Dieser Gedanke kam mir, als ich bei Coast Is Clear über VedeTT gestolpert bin. Die Band hat mich mit dunklem Electro-Pop sofort überzeugt. Einem Song wie Marry Me stehe ich begeistert gegenüber, er hat Schmackes. Auch die restlichen Lieder der im November veröffentlichten EP treffen ins Schwarze. So zum Beispiel das gitarrenlastigere Manoir. Also anhören, Vive la France! rufen, enthusiasmiert sein. (Die EP ist auf Bandcamp erhältlich, für Pfennigfuchser sogar umsonst.)


Das soll es für dieses Mal auch wieder gewesen sein. Viel Vergnügen mit den Empfehlungen!

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Stippvisite 18/12/12 (Von der Schwere der Paranoia abhängig!)

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