Wenn man hinter dem Mond lebt, sieht man die Sonne nicht – Zu Feminismus und Pop

Manche Themen fallen einem nicht spontan bei Kaffee und Kuchen ein, manch Sujet lauert beim Flanieren im Park nicht einfach fröhlich winkend am Wegesrand. Die eine oder andere Misere wird einem quasi vor den Latz geknallt und dann steht man da wie ein begossener Pudel mit Scheiße an der Pfote, brütet und grübelt, warum sich diese vermeintlich brennende Angelegenheit der eigenen Gedankenwelt bislang völlig verschlossen hat. So erging es mir, als ich auf Facebook auf den Artikel Feminismus im Pop auf dem Affekt Blog hingewiesen wurde. Im Kern moniert der Beitrag zwei Dinge, nämlich dass das feministische Missy Magazine mehr Leserunterstützung braucht, um dauerhaft zu reüssieren, und solch ein Magazin auch deshalb ganz wichtig ist, weil der Chauvinismus im Musikgeschäft nach wie vor grassiert. Was dem aufgeklärten Zeitgenossen zunächst als wichtig und richtig erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Sturm im Wasserglas. Denn man kann Probleme auch konstruieren, herbeireden, die gegenwärtigen Zustände fahrlässig verzerren, somit von tatsächlichen Missständen ablenken. Dies tut die Autorin auf geradezu reaktionäre Weise.


Wir Sind Helden – Denkmal von WirSindHelden-Official

Ein Blick in die Charts und natürlich mehr noch in die führenden Bestenlisten von Indie-Gazetten fällt verräterisch aus. Frauen, wohin das Auge reicht! Ob solo die Frau stehend, in Bands mit ausschließlich weiblichen Mitgliedern wirkend oder als Kopf einer gemischten Formation. In der Musik spielen Frauen schon lange nicht mehr die zweite Geige. Und dabei lässt sich der Preis, den sie zahlen mussten, nicht etwa auf eine Reduzierung der Rocklänge oder das Anlegen eines Wonderbras verkürzen. Denn obwohl der Sex eine häufige Trumpfkarte im Pop darstellt, ist er letztlich nur eine von vielen Möglichkeiten, dem Erfolgsbestrebungen auf die Sprünge zu helfen. Und letztlich eine von beiden Geschlechtern genutzte. Nein, Frauen sind vielfach allein durch ihr Talent und Durchsetzungvermögen zum Star geworden. In den letzten 20 Jahren habe Singer-Songwriterinnen wie Tori Amos oder PJ Harvey großen Zuspruch erhalten, hat auch hierzulande eine Judith Holofernes von Wir sind Helden als charismatische Frontfrau große Aufmerksamkeit bekommen. Oder man denke an Annette und Inga Humpe, die den Weg für viele deutsche Sängerinnen geebnet haben. Nur verbohrte Geister würden die schiere Masse starker Frauen in der Popmusik negieren.

Natürlich gibt es sie noch, die elitären, männlich dominierten Riegen im Business. Doch suchen sie die Musik hinterrücks heim, über den Umweg von Wirtschaft und Medien. Die großen Plattenlabels werden noch immer von Männern geleitet, da sind Frauen oft nur die fleißigen Bienchen im Promo-Bereich. Und natürlich ist der Musikjournalismus noch immer ein überwiegend maskulines Metier. Doch sind diese Baustellen wohlbekannt, die Diskriminierung scheint nun wirklich kein Geheimnis. Aber abseits der den eigenen Besitzstand wahrenden Zirkel haben augenscheinliche Veränderungen Einzug gehalten. Das musikaffine Publikum erlebt in beachtlicher Breite die starke Frau als Selbstverständlichkeit. Die Frage, ob Frau kann, was Mann kann, wird höchstens noch von Neanderthalern geäußert. Man sollte diese Attitüde auch nicht auf eine jüngere Generation begrenzen. Auch gesetzte ältere Semester werden nach einem Konzert von Anne-Sophie Mutter nicht ungläubig tuscheln. Die drastisch gestiegene Akzeptanz von Gleichberechtigung ist das Ergebnis der in den letzten 40 Jahren deutlich verbesserten Bildung.


Björk — Army Of Me – MyVideo

Doch hat sich auch die Methodik, die Aufgabenstellung des Feminismus den neuen Zeiten angepasst? Beim Missy Magazine ist davon nichts zu spüren. In den FAQs ist dort auf die Frage: „Ich bin ein Mann. Kann ich trotzdem bei Missy mitarbeiten?“ als Antwort „Wenn Popkultur-Journalismus ein Spielplatz ist, dann sind 80 Prozent dieses Spielplatzes ohnehin schon von euch Jungs besetzt. Ihr sitzt auf der Schaukel, der Wippe, dem Klettergerüst, ihr blockiert die Rutsche und den Sandkasten. Weil wir keine Lust haben, euch immer nur beim Spielen zuzusehen, bringen wir jetzt also unser eigenes Gummitwist mit. Und nun wollt ihr auch noch Gummitwist spielen. Könnt ihr verstehen, dass wir da nicht als erstes begeistert Yeah schreien?“ zu finden. Nun spricht absolut gar nichts gegen ein von Frauen für Frauen produziertes Magazin, solange es sich keine Fortschrittlichkeit auf die Fahnen heftet. Denn die Zeiten, in welchen ein kleiner Kreis von Außenseiterinnen die Emazipation in die Gesellschaft tragen musste, sind lange vorbei. Es braucht keine rechtliche Gleichstellung mehr erstritten werden, es gilt die alltäglichen Widrigkeiten auszumerzen. Das muss in der gesellschaftlichen Mitte erfolgen, nicht aus dem Abseits heraus. Und in dieses begibt sich das Missy Magazine, wenn es den eigenen Blickwinkel einseitig dimensioniert. Das, was Mann alleine tun konnte, um Frauen zu unterdrücken, hat er über Jahrhunderte getan. Das, was Frau für sich tun konnte, um diese Unterdrückung zu überwinden, hat sie in einigen wenigen Dekaden geschafft. Ein neuer Feminismus, der die nächste Etappe in Angriff nimmt, sollte noch verbleibende Aufgaben im Zusammenwirken der Geschlechter in Angriff nehmen. Und keinesfalls das Gummihüpfen zur reinen Frauensache proklamieren.

Doch wie sieht denn nun der Alltag aus? Werden Frauen bei Konzerten auf einen Status als Sexobjekt reduziert? Wird bei ihnen tatsächlich immer noch die notorische Minderleistung vorausgesetzt? Glaubt man dem Artikel im Affekt Blog, hält ein nicht zu verachtender Prozentsatz der Männer das weibliche Geschlecht für putzige Wesen, die ab und an mit ungeahnten Talenten überraschen. Doch ist auch diese Annahme der Autorin hoffnungslos überholt. Denn wenn wir uns die Mühe machen, von Frauen geschriebene Songtexte zu studieren, dann werden wir bald schon merken, dass Liedermacherinnen vieles auf der Seele brennt, das chauvinistische Publikum in ihrer Musik keine Rolle spielt. Das Bestehen in der Gesellschaft, das Ringen in und um Beziehungen sind immer ein Thema, vielleicht auch noch die Mechanismen des Musikgeschäfts, die geschlechterunabhängig teuflisch anmuten. Die mangelnde Wertschätzung des Publikums oder innerhalb von Bandgefügen wird man mit der Lupe suchen müssen. Gerade das lyrische Element von Liedtexten erlaubt einen stark persönlichen Ausdruck, Gefühle müssen hier nicht zwangsläufig hinter eine Geschichte zurücktreten. Wenn das Problem des Chauvinismus im Pop ein markantes, eklatantes wäre, könnte es hier bestens kanalisiert werden. Wird es das? Ich sage nein.

Fraglos bahnen sich auch sowohl im Mainstream-Pop als auch in Indie-Gefilden Klischees den Weg. So wird im Pop etwa dem willigen Püppchen gehuldigt oder die erotische Diva abgefeiert, während den Indie weniger massentaugliche Stereotypen (etwa die Kindsfrau) bevölkern. Doch sollte man bedenken, dass in diesen Fällen neben der Musik auch ein Image komponiert wird. Dass neben der mehr oder weniger vorhanden künstlerischen Leistung noch eine vermarkterische erbracht wird. Und diese hält sich beinhart an die Regel „Sex sells“. Das lehren uns Castingsshows, dass Musik in diesem Falle reines Business ist. Ein Business, welches sich gehorsame, willige Opfer sucht. Teenager beiderlei Geschlechts auf ihr Äußeres fokussiert. Wenn nicht völlig windschief geträllert wird, ist alles gebongt, das schnelle Geld möglich. Solch Prinzip jedoch unterjocht nicht etwa nur Mädchen, es presst auch Jungen gnadenlos aus. Es existiert als ein den Chauvinismus weit übersteigendes System. Weil es alles vermarktet, was einen geilen Body, ein pickelfreies Gesicht und eben auch Titten hat.

Doch kehren wir zurück zum Ausgangspunkt der Überlegungen. Man sollte die Errungenschaften in der Musik nicht bagatellisieren, indem man die schiere Anzahl an Gegenbeispielen ignoriert. Hierzulande würde niemand auch nur eine Sekunde vermuten, dass die Band Wir sind Helden ohne ihr Herzstück Holofernes das wäre, was sie ist. Eine Instanz nämlich. Von Jennifer Weist von Jennifer Rostock über Eva Briegel (Juli) und Alina Süggeler (Frida Gold) bis hin zu Mietze Katz von MIA., die Liste erfolgreicher deutscher Frontfrauen, die keinesfalls ein Püppchen am Mikrofon sind, die Lieder vielmehr selbst (mit-)komponieren, diese Aufzählung jedenfalls ließe sich beliebig fortsetzen. Starke Frauen sind eine Konstante in der Musik, keine Zufälligkeit. Auch international flattern einem die selbstbestimmten Künstlerinnen nur so um die Ohren. Björk natürlich! Florence Welch von Florence + the Machine oder eine nun wirklich nicht den Normen der Schönheitsideale entsprechende Adele. Auch ist eine Amy Winehouse wohl nicht daran zerbrochen, dass das männerdominierte Feuilleton ihrem Talent nicht voll ehrlicher Begeisterung gehuldigt hat. Im Indie-Bereich wäre etwa auch ein Ani DiFranco zu nennen, die mit Gesellschaftskritik wahrlich nicht spart. Ob Regina Spektor, Joanna Newsom oder eine Newcomerin wie Anna Calvi, es mangelt und mangelt nicht an Beispielen. Aus dem Bandbereich seien auf die Schnelle Beth Gibbons von Portishead, Ladytron (Mira Aroyo und Helen Marnie) und eine Emily Haines (Metric) genannt. Wer diesen Blog verfolgt, wird zuhauf auf weniger bekannte, hochveranlagte Singer-Songwriterinnen stoßen.

Wer nörgelt, dass Frauen im Pop so schlecht behandelt oder schlichtweg verniedlicht werden, ignoriert die gegenwärtigen Verhältnisse völlig. Wenn man hinter dem Mond lebt, sieht man die Sonne halt nicht. Wenn sich die Zeiten ändern, müssen auch emanzipative Ansätze weiterentwickelt werden. Zweifelsohne existieren himmelschreiende Ungerechtigkeiten, muss weiter dafür gekämpft werde, dass Frauen in Führungspositionen gelangen, Diskrimierungen abgebaut werden. Aber es bringt nichts, die Kampfzone auszuweiten, indem immer und überall mit der geballten Faust herumgehampelt und Skandal geschrien wird, wo es die Situation gar nicht verlangt. Wäre die Gesellschaft in emanzipativer Hinsicht bereits derart weit fortgeschritten, wie es die Popmusik und besonders die Indie-Szene vorexerzieren, gäbe es einen guten Grund mit den Sektkorken zu knallen. Die Missstände im Geschäft liegen – wie teilweise bereits erwähnt – anderswo.

(Disclosure: Ich hatte mit der Autorin des Artikels einen eher unerfreulichen Wortwechsel auf Facebook, was für mein Wohlwollen gegenüber ihrem Beitrag nicht eben förderlich war.)

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Wenn man hinter dem Mond lebt, sieht man die Sonne nicht – Zu Feminismus und Pop

  1. Da konnte ich Dir nun gut folgen. Ich finde es beachtlich und sehr gut, dass Du dich des Themas noch einmal so ausführlich angenommen hast. Zumindest bin ich durch Luises Artikel und Deine Ausführungen sensibilisiert, soll heißen aufmerksamer geworden, wobei ich gar nicht so recht weiß oder auch wissen muss, finde ich, wem ich nun zustimme. Ich halte nun einfach Augen und Ohren offen. Zu welcher Einschätzung, denn zu mehr bin auch ich als nicht Betroffener nicht fähig, ich am Ende kommen werden, weiß noch nicht, und ich denke, das davon auch nicht so viel abhängt, das grundsätzliche Problem des Sexismus ist mir immerhin geläufig.

    In diesem Sinne: vielen Dank!

    (Ah, und aus irgendeinem Grund konnte ich nicht bei FB kommentieren. Nicht schlimm, aber komisch.)

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