Aus dem Sumpf des Lebens – Eels

Manch scheinbares Erfolgsgeheimnis offenbart sich bei näherer Betrachtung als bar aller Rätsel. Man neigt öfter dazu, Kunst mit dem Funken einer außerhalb der Alltagswirklichkeiten angesiedelten Inspiration zu verklären. Die Wahrheit über gelebte Kreativität entpuppt sich als wesentlich trivialer. Im besten Falle reflektiert sie die Ängste, Wünsche und Erkenntnisse des Künstlers. Werke sind gelebte Träume, durchkomponierte Lebensweisheiten, Szenarien des Glücks und der Furcht. Mehr auch nicht. Das Wirken von Mark Oliver Everett bekräftigt diese These. Was er mit seinem Projekt Eels seit Mitte der Neunziger vorexerziert, zeigt die menschliche Kreatur geschunden, am Abgrund, im Wahn, nach Liebe dürstend. Doch so sehr E. sein lyrisches Ich auch oft in den Seilen hängend verortet, findet sich kaum ein Album in seinem Schaffen, welches sich nicht aus dem Sumpf des Lebens zieht. Schicksal ist, was man daraus macht. Auch die neue Platte Wonderful, Glorious wandelt am Rande von Hoffnung, balanciert über dem Abgrund, hofft, sehnt, verzweifelt, hampelt herum. Wer Licht und Schatten versteht, das Elend von gestern als Hoffnung für ein Morgen interpretiert, der muss sich nicht erst bemühen, ein Fan von Eels zu werden. Eels sind für solch Daseinsgrübler quasi Bestimmung.

© EWorks/Cooperative Music
© EWorks/Cooperative Music

Wonderful, Glorious ringt sich wieder die vielen Spielarten des Fühlens ab, von minnesanglicher Zärtlichkeit bis hin zu einer gestandenen Portion Rohheit ist alles vertreten. Die Platte schließt nahtlos an die vorangegangene Trilogie (Hombre Lobo, End Times und Tomorrow Morning), Wem sich das Eels’sche Sicht der Dinge in diesen Werken erschlossen hat, darf sich berechtigte Hoffnung machen, auch Wonderful, Glorious zu durchdringen. Wer Eels bislang als aufgebauschte Freak-Musik begriffen hat, wird von diesem Irrglauben auch diesmal nicht bekehrt werden. Der ungezügelt-ungehobelte Sound bleibt nach wie vor Markenzeichen, wer peppigen wie bluesigen Alternative Rock liebt und zugleich emotionale und erkenntnishafte Reife auf dem Buckel hat, darf sich die Serviette um den Hals binden und auf ein deftiges Mahl freuen.

You’re all gonna be sorry/ When I leave town/ And get it together/ For the turnaround/ Six bucks in my pocket/ And the shoes on my feet/ The first step is out the door/ And onto the street“ sind die Zeilen dieser Platte, die als Dreh- und Angelpunkt fungieren. Spätestens mit dem Track The Turnaround stellt sich der Aha-Moment dieser Platte ein, zieht sich E. aus dem Morast der menschlichen Existenz. Wo Peach Blossom zunächst die Fenster öffnet und den Duft der Welt ins Zimmer lässt, On The Ropes schonungslos offen die gegenwärtige Schwäche analysiert und dennoch von Kapitulation nichts wissen möchte („I’m not knocked out but I’m on the ropes/ I’ve got enough fight left inside this tired heart„), geht The Turnaround nun hinaus in die Welt, lässt alles hinter sich. Wenn uns dieses Album etwas schenken möchte, dann wohl eine kämpferische Zuversicht, eine Redlichkeit ohne jedweden resignativen Zynismus. Dazu passt auch der Song New Alphabet, welcher sich nicht dem Wahn auf Erden beugen möchte, einen ganz persönlichen Sinn in einer durchaus feindseligen Welt kreiert. Und doch dreht sich die Platte nicht etwa um die eigene Befindlichkeit, beschwört keinen eigenbrötlerischen Egoismus, wie das Lied True Original belegt. Hier erleben wir eine prototypische Ballade der Eels, die sich für die Liebe aufopfern möchte, darin Erfüllung findet, sogar wenn die Erwiderung keine ausgemachte Sache scheint. Gerade dieser Teil seines Schaffens spricht Bände, offenbart einen unerhört verletzlichen, von Menschlichkeit und Zuneigung durchwirkten Zeitgenossen, dessen raue Schale den sprichwörtlich weichen Kern beinhaltet. In dieselbe Kerbe schlägt You’re My Friend als Ode an die Selbstlosigkeit von Freundschaft („Just when I think I’ve handed you too much/ You always find a way to come through in the clutch/ And you don’t make me feel I owe you but I do„). Es zeugt von Größe, wenn man sich die Abhängigkeit und Dankbarkeit anderen gegenüber eingestehen kann. Als letztes Hightlight der Platte stellt sich I Am Building A Shrine dar, wenn Liebe abermals als maximalster Wert idealisiert wird.

Everett tönt direkt, ohne Umschweife, lakonisch, ungeschönt. Hinter seinem knarzigen Gesang und schrulligen Auftreten entlarvt sich eine zähe wie zartbesaitete Gesinnung, ein anrührender Charakter, der Aufmerksamkeit verdient. Und wegen seiner Offenheit zur Bewunderung einlädt. Darin liegt letztlich das Erfolgsgeheimnis begründet, dem die Eels eine treue Fangemeinde vordanken. Man mag die schroffe Herzenswärme, den kantigen Sound, man kann in E. weder selbstzerstörischen Genius noch egomanischen Künstler erkennen. Sein Talent ist sein wundes wie unendlich hoffendes Herz, davon kann Wonderful, Glorious das eine oder andere Liedchen trällern.

wonderfulglorious

Wonderful, Glorious erscheint am 01.02.2013 auf E-Works/Cooperative Music.

Konzerttermine:

07.04. Hamburg, Große Freiheit 36
08.04. Berlin, Tempodrom
22.04. München, Tonhalle

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