Release Gestöber 35 – Teil 2 (Das Beste 2012 mit Grimoon, Lindi Ortega, Tiny Ruins)

Musikblogger sind wie Kaninchenzüchter. Wenn ein Karnickelexperte einen Rammler im Stall hat, dann will er diesen selbstverständlich Gleichgesinnten voll Stolz vorführen. Auch dem Blogger brennt es auf der Seele, wenn er ein Album bislang unerwähnt gelassen hat. Daher seien kurz nach Jahresende noch ein paar tolle Platten von 2012 mit einem kräftigen, wenngleich späten Ausrufezeichen versehen.

Grimoon

Es gibt Platten, die zu schön für diese Welt sind. Sie wirken viel zu elegant geschnitten, um sich in hektischen Zeiten wie diesen prollig vor dem Hörer aufzubauen und mit mächtigen Kurven Eindruck zu schinden. Die italienisch-französische Formation Grimoon etwa hat mit ihrem im Frühjahr 2012 veröffentlichten Album Le déserteur ein sehr hintergründiges, atmosphärisch dichtes Werk erschaffen. Es weist eine starke chansonesque Note auf, dazu gesellt sich Folk sowie ein wenig Rock. Alles wirkt auf den ersten Blick unspektakulär, wie es sich für eine subtile Platte auch geziemt! Wer unbrachial übermittelte Botschaften zu schätzen weiß, der wird bei Le déserteur fündig. In der Literatur gehört die Beschäftigung mit vergangenen Gräueln zum guten Ton, auch das europäische Kino hat sich um die Aufarbeitung der Geschichte verdient gemacht. Hier hinkt moderne Musik oftmals hinterher, bleibt hoffnungslos gegenwartsbezogen, verloren in das eigene Ich hofierende Gefühlswelten. Und wenn es mal doch um den Krieg geht, dann wird meist eine die Geschichte der Menschheit ignorierende Naivität zur Schau gestellt. Nun haben Grimoon mit diesem Album das Thema Krieg nicht gedankenschwer seziert, aber sehr wohl eine interessante Facette hervorgehoben. Das Leben nach dem Krieg nämlich. Die Überwindung von Leid wird bei Tango de guerre vorgetanzt, Monument aux déserteurs wiederum taucht in die Gedankenwelt derer ein, die sich dem Kampf verweigerten. Allerdings wird man dieser Platte nicht gerecht, wenn man sie auf ein Thema reduziert. Denn Le déserteur forscht auch nach dem Sinn des Lebens, erkennt, dass man sich bei seinem Leben nicht einfach auf eine GPS-Navigation verlassen kann (Directions). Die Flucht in die Fantasie, die Abkehr von der Realität wird im ebenfalls famosen Song Draw On My Eyes ersehnt.

Grimoon werden mit diesem Album zwar weiterhin nur Geheimtipp bleiben. Dem Connaisseur jedoch liefern sie ein paar sehr gute Gründe, Le déserteur in die Liste der besten Platten 2012 aufzunehmen. Viel Inhalt, keine moralinsauren Botschaften, Musik dürfte ruhig öfter so tönen.

deserteur_cover

Le déserteur ist am 13.04.2012 auf Solaris Empire erschienen.

Lindi Ortega

Ich mag Country-Musik, und zwar nicht nur die knarzig-düstere eines Johnny Cash. Gerade die frühen Lieder von Dolly Parton halte ich für großartig. Country entzückt mich dann, wenn geschmachtet und gelitten wird. Country beschert mir Ekel, wenn es heile Welten propagiert. Die kanadische Singer-Songwriterin Lindi Ortega beherrscht die Kunst des Schmachtens und Leidens hingegen perfekt. Ihr jüngstes Album Cigarettes & Truckstops macht vor, wie Country ohne jegliches Gesülze, aber mit einer guten Portion Schwung auszusehen hat. Mehr noch, die Platte darf sich des Umstands rühmen, dass sie von Anfang bis Ende überaus kompakt wie vielfältig klingt, niemals bieder, oft mit Hang zur Verruchtheit. Zu den Highlights zählt die Drogenverklärung High, alleine schon wegen einer Zeile wie „I’m not into razorblades so I’m trying something new„. Nicht minder politisch unkorrekt präsentiert sich Use Me. Wie Ortega sämtliche nur erdenkliche Drogen aufzählt, von ihnen abrät, sich stattdessen zum Angebot „If you wanna get your fix, Darlin‘ use me“ hinreißen lässt, das mag vielleicht kein feministisches Lehrstück sein, hat aber zweifelsohne große Klasse. Der Titeltrack Cigarettes & Truckstops hingegen ist eine sehnsüchtige Reise durch allerlei schmuddelige Orte hin zum Liebsten. Geradezu ohrwürmern klingt die trotzige Liebeserklärung The Day You Die. Ortegas Verve ist stets zum Niederknien. Wer ein tolles, pfiffiges, gefühlsintensives Country-Album erlauschen möchte, ist mit Cigarettes & Truckstops bestens beraten.

cigarettes & truckstops

Cigarettes & Truckstops ist am 2.10.2012 auf Last Gang Records erschienen.

Tiny Ruins

Die unter dem Namen Tiny Ruins wirkende Neuseeländerin Hollie Fullbrook hat ein veritables Problem. In an Indie-Folk schwangeren Zeiten kommt zu kurz, was besonders wenig Rabatz macht. Das hoffnungslos ruhige, maßlos reduzierte Album Some Were Meant For Sea hat letzten Juni seine hiesige Veröffentlichung erfahren. Dieser Scheibe haftet eine wahrlich seltene Intimität an. Man fühlt sich mit Tiny Ruins allein in einem Raum, während Fullbrook einem ganz sacht und leise Geschichten ins Ohr trällert. Some Were Meant For Sea wirkt durch jene Vertraulichkeit, besticht als Poesie, die jedem einzelnen Hörer persönlich überbracht scheint. Tiny Ruins lebt von dieser Gabe, von Nuancen und kleinen Gesten, welche man sehr bereitwillig und interessiert studiert. Profaner formuliert könnte man auch zu dem Ergebnis kommen, dass Tiny Ruins die Hörerschaft mit einem zarten Hauch von Nichts um den Finger wickelt. Fullbrooks charaktervolle Stimme schmiegt sich in die Gehörgänge, dazu treten noch Gitarre oder Piano auf, andere Instrumente findet man bestenfalls in homöopathischen Dosen. Als Glanzlichter dieser Platte seien Old As The Hills, Death Of A Russian, Adelphi Apartments und Pigeon Knows hervorgehoben. Wer Musik als nachhallendes, bezauberndes Flüstern erfahren will, hat 2012 kaum ein besseres Album finden können.

someweremeantforsea

Some Were Meant For Sea ist am 01.06.2012 auf Cooperative Music erschienen.

SomeVapourTrails

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