Vorstellungsreichtum zum Quadrat – Villagers

Manch Textzeile verrät erst auf den zweiten Blick, wes Geistes Kind sein Verfasser ist. Mogelpackung oder Mehrwert trennen Welten, mitunter aber auch nur ein nachlässig gesetztes Komma. Und dann existieren noch Sätze, hinter deren hervorstechender Schlichtheit ohne jeden Zweifel die gesamte Erkenntnistiefe des menschlichen Intellekts steckt. Mit „I waited for something and something died. So I waited for nothing and nothing arrived.“ hat der Ire Conor O’Brien, Mastermind der irischen Formation Villagers, der Welt den ersten genialen Refrain dieses noch jungen Musikjahres geschenkt. Dank des Albums {Awayland} sehen wir uns bereits jetzt einer dichterischen Ausnahmeleistung gegenüber, welche durch den intelligenten, unberechenbar kreativen, oftmals orchestralen Sound trefflich ergänzt wird. Ob in sich überschlagenden Erzählströmen oder bei auf wenige Worte voller Kraft gestauchten Aussagen, stets vermittelt O’Brien ein existenzielles Grübeln, dessen Erkenntnisse über Augenscheinlichkeiten hinausgehen. {Awayland} ist das gelungene Gegenstück zur sich aufplusternden Geschwätzigkeit unserer Zeit, brillanter Vorstellungsreichtum zum Quadrat!

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Photo Credit: Rich Gilligan

Bereits das Stück Earthly Pleasure sprengt den Rahmen des Gewöhnlichen, wenn ein ordinärer Aufenthalt auf der Toilette („Naked on the toilet with a toothbrush in his mouth„) in eine Zeitreise mündet, die den Protagonisten zunnächst wohl in ein vergangenes Kriegsgeschehen führt, wo er die Finger am Abzug hat, das Töten für sich entdeckt („And though he don’t like to admit it, it was sensual and pure/ And he changed that day, though he can’t be sure/ If it’s the sickness or the cure„). In der Folge begegnet er in aller Unwirklichkeit einer Esperanto sprechenden und Ingwertee schlürfenden Göttin („And so he frantically described to her, the kingdom at her feet/ As she continued with her manicure and poured another tea/ As he recounted tales of misery and suffering and pain/ She was yawning at the ceiling, so he had to up his game„). Man ringt bei dieser zusammenhanglosen, logikfreien, traumgleichen Fantasie um Fassung, nur um immer wieder begeistert zusammenzuzucken, etwa bei der pointierten Schilderung eines von gleichgültiger Dekadenz geprägten Teestündchens. Und in all dieser obskuren, spleenigen Herrlichkeit sind der fiebrige Rhythmus und der Sprechgesang noch gar nicht eingepreist. The Waves wiederum beginnt morsend, pulsiert vor sich hin, während O’Briens Gesang Wellen gegen die Küsten schickt. Doch schon bald schlägt der Song jeglicher Beschaulichkeit ein Schnippchen, schält sich aus seiner zwischenzeitlichen Verträumtheit, findet den Höhepunkt in krautiger Dynamik. All dies gleicht einer sanft dahinstreichende Woge, die sich allmählich weltuntergangshaft, unheilvoll auftürmt.


Villagers – Nothing Arrived (Official Video) von domino

Kommen wir nochmals bereits zum eingangs zitierten Nothing Arrived zurück. Dieser hymnische Indie-Rock-Track zählt zu konventionellsten Stücken der Platte, die um keine überraschende Wende verlegen scheint. Doch ist es gerade jene Geradlinigkeit, die diesen Refrain derart glänzen lässt. Man täte {Awayland} nämlich Unrecht, wenn man es auf seine Exzentrik reduzieren würde. Auch die Piano-Ballade In A Newfound Land You Are Free erlaubt sich keinerlei Schrägheit, bleibt völlig auf den fast brüchig vorgetragenen Text fokussiert. Diese Ode an das neugeborene Kind läuft keine Sekunde aus dem Ruder, kennt nie Verkitschung, lässt angesichts der Zeilen „But for now I am burned by a lifetime too brief/ And with this newfound land comes a newfound grief“ eher einen Kloß im Halse zurück. Solch Intimität gibt dem Werk eine Kontrastnote, schiebt die geniale Cleverness, das genreübergreifende Spiel für einen Augenblick beiseite, setzt der Flut der Bilder und Töne innehaltende Momente entgegen. Ähnliches darf auch von dem folkigen Lied My Lighthouse behauptet werden („In the violent moonlight I am searching the tide/ In a vessel in the storm/ And you’re the kind host in the port/ My lighthouse„). Es ist gerade dies Bild, das einer verstörenden, mit mächtiger Feder sinnierenden Platte eine versöhnliche Wärme gibt.


Villagers – The Waves (Official Video) von domino

Man ist natürlich versucht, Vergleiche und noch mehr Vergleiche zu ziehen, allerlei Einflüsse zu erspähen. Doch so sehr ich mich auch an diesem Puzzle versuche, einzelne Teilchen zu einem Bild pressen möchte, es sieht verschusselt aus. Man tut Villagers respektive Mastermind Conor O’Brien Unrecht, wenn man dieses Album auf etwaige Vorbilder abklopft. Denn es ist in seiner Vielschichtigkeit nie wirklich greifbar, keinen Schubladen einordbar. Indiefolkpoprocktronica mag die Chose noch am ehesten umreißen. {Awayland} bleibt so vage, wie es sich für ein Meisterwerk gehört, beinhaltet jedoch auch ungemein inspirierende, erleuchtende Passagen, wie man diese jedem Hörer nur wünschen kann. Ein hochgradig originelles Glanzstück eben!

{Awayland}

{Awayland} ist am 11.01.2013 auf Domino Records erschienen.

Konzerttermine:

23.02.2013 Köln – Gebäude 9
25.02.2013 Zürich (CH) – Mascotte
26.02.2013 München – Club Strom
27.02.2013 Berlin – Festsaal Kreuzberg
04.03.2013 Hamburg – Uebel & Gefährlich

Link:

Offizielle Homepage

SomeVapourTrails

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