Warum mir die re:publica auch 2013 gestohlen bleiben kann!

Man kommt als Blogger einfach nicht umhin, den digitalen Raum immer wieder neu zu vermessen, vielmehr die Kampfzone abzustecken. Denn letztlich ist das Netz Hort größtmöglicher Geborgenheit, wohingegen nur eine Tür weiter eines der unzähligen Gemetzel seinen Lauf nimmt. Während man in dem einen Tab noch mit der Hirnverbranntheit des typischen Kommentators auf Spiegel Online konfrontiert wird, sieht man schon im nächsten Tab ein anrührendes Musikvideo und in einem dritten dann einen schlechte Nachrichten verkündenden Facebook-Post eines guten Freundes. Nebenbei poppt eine E-Mail, welche man schon sehnsüchtigst erwartet hat. Das Internet versetzt Nackenschläge, nadelstichelt unentwegt, während es zugleich Trost, Freude und Erkenntnis liefert. Diese intensive Abfolge nährt die Faszination, macht uns immer noch staunen. Hollywood hätte diese Ansammlung krimineller Energie, großer Zuneigung, wundersamer Überraschungen und heftiger Enttäuschungen in kein besseres Drehbuch kleiden können. Wirklichkeit und Fiktion unterscheiden sich jedoch an einer entscheidenden Stelle. Die Fiktion wählt sich ihre Protagonisten sorgfältig aus. Erfundene Geschichten nehmen nicht den erstbesten Schreihals und stellen ihn auf ein Podest, sie konstruieren und desavouieren Helden mit Bedacht. Die Realität dagegen lässt dem Zufall freien Lauf, forciert mit dem Holzhammer. Das Internet ist auf Krawall gebürstet, weil es die Krawallbrüder nicht in die Schranken zu weisen versteht.

Das Dasein im Netz mag vielleicht mitunter auch trivial anmuten, doch spiegelt es im eigentlichen Kern den hoffnungslosen Dualismus von Gut und Böse wider. Alle Religionen und Weltanschauungen verzweifeln daran. Weil der Stachel der warmherzigen Tat dem Bösen nie in jenem Maß zusetzt wie etwa Gewalt oder Niedertracht dem Guten. Alle Intentionen, das Netz insgesamt freundlich zu gestalten, schaffen am Ende des Tages neues Ungemach, führen zur Beengung derer, die edler Absichten sind. Wenn wir etwa gegen die Anonymität vorgehen, weil sie denen Vorschub leistet, die aus dem Schatten Steine werfen, machen wir uns dadurch nur noch antastbarer. Da sich auch die Verletzbarkeit des Menschlichen nicht länger unter dem Mäntelchen von Pseudonymen verbergen kann. Wir stehen weiters vor dem Problem, dass wir jedem eine Meinung zugestehen müssen, leider auch denjenigen Zeitgenossen, welche Anschauungen und Standpunkte als Waffen begreifen. Die Freiheit im Internet wird stets an Interessen gekoppelt, für Egoismen missbraucht, unsolidarisch verstanden. Und doch ist der Ruf nach Restriktionen gefährlich, weil er nur neue Gefahren herbeischreit, Hysterie sich nie nur an ein Mindestmaß an Regeln hält.

Der Blogger hätte das nötige Anforderungsprofil, um als engagierter Netzbürger aufzutreten und Akzente zu setzen. Als Vorbild zu dienen, gestalterische Verantwortung zu übernehmen. Das Bloggerdasein ist ein Ehrenamt, kein elitäres Kaffeekränzchen oder gar Berufsbezeichung für allgegenwärtige Schlauberger. Idealerweise füllt ein Blog die Lücke zwischen Tagebuch und Journalismus. Verfolgt keine großartigen geschäftlichen Interessen, trägt sein Scherflein zum Gemeinwohl bei, bildet ein Gegengewicht zum Firmenfilz. Ein Blog ist beredtes Beispiel dafür, was Privatpersonen im Netz leisten können, wenn sie nur wollen. Natürlich unterhalten viele Medien und Firmen Blogs, doch wird der Begriff des Bloggers eben noch immer mit Privatpersonen verknüpft. Zu Recht! Mögen etwa Verlage das informelle Element des Bloggens noch so schätzen, ihm nacheifern, ihre Interessen stehen der vermeintlich etablierten Unabhängigkeit des Bloggers entgegen.

Wir müssen an dieser Stelle also durchaus entgeistert darüber rätseln, warum sich das Internet noch immer als der eingangs beschriebene Wilde Westen darstellt. Vielleicht hängt es auch mit dem Versagen der Blogkultur zusammen. Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, werden eben nicht alle satt. Oft begreifen sich Blogger als Crème de la Crème, als Aktivisten mit einer vom Netzpöbel losgelösten Agenda. Aus diesem Selbstverständnis heraus entstehen dann auch Veranstaltung wie die re:publica, die seit 2007 mit jeder Neuauflage in größere Dimensionen wächst. Die Crux solcher Treffen liegt weniger in der Wichtigkeit ihrer Protagonisten, vielmehr in der Entkoppelung von Netzrealitäten. Das Programm der 6. re:publica las sich wie das Vorlesungsverzeichnis einer Hochschule, hatte nur noch wenig mit dem Treffen von Gleichgesinnten zu tun. Auf einer Zusammenkunft von ehrenamtlich für die Caritas arbeitenden Menschen wird ja auch nicht ohne Unterlass Bibelexegese betrieben. Die mit Feuereifer bloggende Community isoliert sich somit vom durchschnittlichen Nutzer, pfercht sich in ein subkulturelles Ghetto. Die Bloggergemeinde mobilisiert hauptsächlich in den eigenen Reihen. Als intellektuelle Schwergeburten entstandene Forderungen werden von der Allgemeinheit lediglich wahrgenommen, wenn man sie mit kräftigem Populismus in die Welt hinausposaunt und dadurch ein mediales Echo erzeugt. Es ist schiere Ironie, dass die breite Öffentlichkeit die Blogkultur erst dann wahrnimmt, wenn Verlage und Medienhäuser eine Thematik aufgreifen. Erst sie machen aus einer kleinen Welle einen Tsunami.

Die Bloggerei ist folglich völlige Narretei. Weil die Intentionen der Bloggerszene das Netz in keinster Weise weiterbefördern. Die Alphatiere der Zunft kraulen sich gegenseitig die Eier, blasen etwaige durch Bloggergefilde wabernde Impulse bis zur Unkenntlichkeit auf. Eine spezifische Kritik an digitalgesellschaftlichen Vorgängen wird rasch zur Revolution hochgejazzt. Aus Konstruktivität erwächst ein Shitstorm, der erst auf der Spitze des Irrsinns massentauglich wird. Damit wären wir auch schon wieder am Ausgangspunkt der Überlegungen angekommen. Das Internet gehört den Krawallbrüdern. Das Gros der Blogosphäre trägt ein wenig zum alltäglichen Netzwahnsinn bei, vermag nie und nimmer entgegenzusteuern. Sie borgt sich ihren Ruhm von den Massenmedien, die ja quasi dazu verpflichtet sind, jede Katastrophe gebührend zu würdigen. Zunehmende Prominenz korrumpiert Blogger ebenfalls, manche der Aushängeschilder in puncto Klickzahlen entdecken eine ungesunde Käuflichkeit, interpretieren diesen Schritt folgerichtig als Gang in die Professionalität. So werden aus alternative Konzepten die neuen Vorzeigegesichter eines altbekannten Systems.

Wenn ich mir das Internet in all seinen Facetten vergegenwärtige, sind Blogs uneingelöste, oftmals unbeachtete Versprechen. Daran vermag auch das im Mai einsetzende Getöse rund um die re:publica nichts ändern. Jeder Orthopädenkongress hat mehr Einfluss auf das Leben der Menschen als irgendein Bloggertreffen. Leider! Oder auch nicht!

SomeVapourTrails

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