Wenn der Anspruch aus allen Poren schwitzt – Supermutant

Manchmal fühle ich mich wie ein krampfhaft junggebliebener Vater, der sich mit der Mucke seiner pubertierenden Tochter konfrontiert sieht. Vor allem dann, wenn ich versehentlich deutschem Nachwuchs-Indie-Rock lausche. Das ist in aller Regel nichts für den fest in seinen Dreißigern verankerten Zeitgenossen. Musik bildet vor allem Lebenswirklichkeiten ab. Und ungestümes Fühlen, hymnisches Erleben, ungelenke Impulsivität sind nun eher Attribute pausbäckiger Jugendlichkeit. Als mir unlängst das Album FRVR ins Haus flatterte, spürte ich förmlich, wie sich kleine Fältchen zu durchfurchten Kratenlandschaften vertieften. Was mir die aus NRW stammende Formation Supermutant hier serviert, ist so intensiv wie gelungen. Und doch gibt es Platten, die auf einen gewissen Lebensabschnitt zugeschnitten scheinen. Ich erachte mich schlichtweg als zu alt, um durch die Gefühlswelten von Supermutant zu hopsen.

Oder liegt etwa ein strukturelles Problem vor? Deutscher Indie-Rock-Pop scheint im letzten Jahrzehnt kaum neue Impulse erfahren zu haben, die Heroen der Hamburger Schule haben allesamt schon die Vierziger überschritten, nachfolgende Musikergenerationen konnten in diesem Genre kaum Akzente setzen, geschweigen denn an die Erfolge anknüpfen. Gitarrenmusik mit cleverem Anspruch bleibt Altmeistern vorbehalten. Seit Tocotronics Hochblüte haben zwar Bands wie Tomte und Kettcar durchaus reüssiert, aber auch diese kamen nie aus dem Nichts. Erfolgreiche, von Kritik geschätzte, grob als (Indie-)Rock titulierte Musik wird von Leuten gemacht, die altersmäßig und im Ausdruck weit von der eigentlichen Zielgruppe entfernt sind. Der normalsterblicher Hörer giert kaum nach knackigen Klängen von Jungspunden.

Doch zurück zu Supermutant. Das größte Manko der Formation liegt keineswegs im holprigen Gesang begründet. Im Gegenteil, Sänger Yann Thönnessen besticht mit seiner Inbrunst, wirkt dabei stets wie ein von der Musik Getriebener. Das ist eigentlich auch das Geheimnis, weshalb man sich mit der rauen Dynamik von FRVR sofort anfreunden kann. Das wirkliche Defizit des Albums liegt in den Texten begründet. Wie gut, dass der alte Goethe schon vor lange Zeit in seinem Grab angekettet wurde, um angesichts der vorherrschenden Qualität deutscher Songtexte nicht in dauerrotierendem Unfrieden untot in seiner Gruft zu berserkern. Auch Supermutant hätten die eine oder andere Rotation zu verantworten. Windschiefe Vergleiche, bar jeder Logik, verklausulierte Poesie, der der Anspruch aus allen Poren schwitzt, an diesen Mängeln hat die Platte zu knabbern. „Ein Ego ist ein Diamant, der nach neuem Glanz verlangt.“ mag auf den ersten Blick gewichtig klingen, substantiell in der Erkenntnis. Aber letztlich ist dies doch nur eine auf Reim getrimmte Worthülse. Das macht das Lied Diamant zwar keineswegs zum Rohrkrepierer, es funktioniert in seiner Hymnenhaftigkeit durchaus, solange man nicht über Bedeutungen grübelt. Denn das führt zwangsläufig zu einem Knoten in den Gedankensträngen. So erging es mir spätenstens bei Brady Cardia mit den Zeilen „Und zu viel flüssiger Mut und zu viel Angst vor Worten, die Wahrheiten bedeuten. Und die Wahrheit mit Worten zu deuten, hätte bedeutet, zu sagen, wie am Ende wir sind.„. Wenn man sich freilich allein auf diesen spritzigen Power-Pop konzentriert, will man gerne Nachsicht üben. Doch ein Fragezeichen sei noch aufgeworfen, was zum Teufel soll mir der Satz „Luft ist nicht nur im Wasser, auch zwischen Eitelkeiten knapp.“ mitteilen (Luft ist nicht nur)?

Wir halten also fest, dass Supermutant in ihren Texten den undurchschaubaren Schein dem Sein vorziehen. Was smart anmutet, muss längst nicht smart sein. Aber die Formation hat einen anderen Trumpf im Talon, sie vermittelt gekonnt ein Lebensgefühl! Es mag nicht meines sein, das liegt wohl auch an der Ungnade meiner frühen Geburt. In den stärksten Momenten brennt das Album tatsächlich Lichterloh, ist die adoleszente Verwirrung der Gefühle (Im Rausch der Liebe) zum Greifen nah. Wenn sich die Band auch noch von der Verkrampftheit in den Lyrics verabschieden würde, noch Zeit zum Reifen erhält, könnte hier tatsächlich wieder eine feine Indie-Rock-Band entstehen. Jugendlicher Überschwang ist manchmal eben mehr Hemmschuh denn Erfolgsgarant. Vielleicht ist diese Weisheit aber auch lediglich der Wunschglaube eines Mittdreißigers.

FRVR_cover

FRVR ist am 14.12.2012 auf Comude/Zeitstrafe erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Supermutant auf Facebook

Sehr pointierte Rezension von FRVR auf heartcooksbrain

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Wenn der Anspruch aus allen Poren schwitzt – Supermutant

  1. Hallihallo.
    Ich hab das hier grade mal gelesen und ich weiß nicht warum, aber ich habe das Bedürfnis hier mal meinen Senf bezüglich der Textinterpretationen dazu zu geben. Ich will mir eigentlich nichts anmaßen und man kann bestimmt über alles diskutieren, aber großartige Verwirrung haben zitierte Zeilen bei mir jetzt nicht ausgelöst. Einige Ecken und Kanten sind wahrscheinlich auch der künstlerischen Freiheit der Songwriter zuzuschreiben, andere wohl auch dem beschriebenen divergenten Lebensgefühl, aber im Grunde, so denke ich, ist doch die Aussage der meisten obigen Zeilen verständlich. Zu der Zeile : „Luft ist nicht nur im wasser, auch zwischen Eitelkeiten knapp“ hätte ich jetzt gesagt luft ist nicht nur im wasser knapp sondern auch zwischen Eitelkeiten, also wie z.b. bei Dingen die man sich aus Eitelkeit an den Kopf wirft oder tut, ohne darüber nach zu denken, also in dem Sinne „Luft zu holen“, nur weil man nicht zugeben kann oder will wie gekränkt man ist. Bezogen auf das gesamte Lied ist da sicherlich noch wesentlich mehr raus zu holen. Das wären so meine bescheidenen Gedanken dazu.

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