Wer fühlen will, der fühle! – Kyla La Grange

Man hyperventiliert seine Gefühle heutzutage ja gerne, speziell in Extremen. Alles erscheint entweder großartig, völliger Anbetung würdig oder aber als einzige Katastrophe, in seiner Furchtbarkeit unübertroffen. In hysterischen Zeiten ist eine neue Form von Beleidigung besonders gefinkelt, sie verortet im Mittelmaß, im emotionalen Niemandsland. Wenn ich mir so durchlese, was die britische Presse zu dem Album Ashes so geschrieben hat, dann erscheint mir das Debüt der Singer-Songwriterin Kyla La Grange in der Summe als ziemlich durchschnittlich beurteilt. Das wiederum überrascht mich schon, denn man kann diesem Drama-Pop nicht mit relativer Gleichgültigkeit begegnen. Er zwingt förmlich zur Betrachtung in Schwarz-Weiß. Man erachtet ihn entweder als musikalische Pestilenz, ober aber man fällt der Vergötterung anheim. Ashes eignet sich nicht für Grautöne.

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Photo Credit: Debbie Scanlan

Wer Ceremonials von Florence + the Machine in all seiner Großartigkeit ins Herz gebannt hat, dem vor 2 Jahren erschienen Debüt von Anna Calvi voll Begeisterung aufgesessen ist, darf sich nun glücklich schimpfen, dass das im Sommer auf der Insel erschienen Ashes endlich auch hierzulande eine Veröffentlichung erfährt. Große Melodien, kräftige Gefühle, atemberaubender Pathos geben dem Werk die Würze. Kyla La Grange überrascht mit stupender Präsenz, sie beherrscht, was all den Ikonen des Plastik-Pops, überkandidelten Soul-Diven und misslaunigen Krawallgörenbands fehlt, sie gibt ihren Songs eine in Hemdsärmeligkeit verpackte Seele. Die Britin füllt die Lieder mit derart viel Inbrunst und Leben, dass sie im Herzen des Hörers Flammen schlagen. Entweder als Leuchtfeuer wärmen oder aber eben verbrannte Erde hinterlassen. Ein bisschen Glut geht nicht.

Wer fühlen will, der fühlt. Dieses Album gewinnt den ewigen Menschheitsthemen Lieben, Sehnen, Trauern keinen neue Seiten ab, überwältigt freilich mit einer raren Intensität und ausgesprochener Wortgewandtheit. Ein Song wie Courage etwa verschluckt sich nicht an Schluchzern, sondern stemmt die Hände in die Hüfte, spricht sich Mut zu. Das Wirrwarr gegenseitiger Gefühle wird geradezu schmerzlich präzise analysiert („You hide a hundred implications under your skin/ And you don’t love me/ You run your fingers through my hair, and hurt the heart I have laid bare/ And everybody sees„), nur um im Refrain geradezu unter Kriegsgeheul ein „Courage will you come to my aid“ anzustimmen. Gitarrensatt, verlärmt rumst dieser wuchtige Track voll auf die Zwölf. La Grange begegnet allen widrigen Sentimenten mit Kampfgeist, steht nicht wie ein begossener Pudel im Blümchenkleid da und zieht Gott und der Welt die Schnute. Liebe ist letztlich Krieg, die Ehe dann der irgendwann hart erfochtene Waffenstillstand. Doch für letzere Erkenntnis ist die Musikerin noch zu jung.

Man tut sich bei dieser Platte mit der Aufzählung der Highlights schwer. Weil jeder Song ein Treffer ist. Das sage ich keineswegs leichtfertig. Aber ich könnte mich eben endlos an einem Lied wie Lambs ergötzen, „We kissed so warm that my skin it smiled/ I watched your face through my half-closed eyes/ The day was new but the story old“ sind mit die zärtlichsten Zeilen, die La Grange auf Lager hat. Wenn die Sängerin einen Gang zurückschaltet, sich balladesk zum Piano verbittert, kommt ein symphonischer Tränendrücker wie Heavy Stone dabei heraus („We were never made a perfect piece to fit/ We will remain unfinished puzzles as we sit„). Die Souveränität, mir der sie sich durch die Songs bewegt, fasziniert ungemein. Wo andere sich von Ton zu Ton hanteln müssen, röhrt Kyla La Grange darauflos, nur um kurz darauf wieder in raue Sanftheit oder gar erregten Schauer zu verfallen. Ashes imponiert als starkes Album einer starken Frau. Es strotzt vor Potential, sowohl Charts-Fuzzi als auch Indie-Kenner in gleichem Maße zu bezaubern. Ob das verruchte Folk-Pop-Stück Vampire Smile oder ein verwunschenes Woke Up Dead mit seinen verhallten Gitarren, ob das düstere, schicksalbestimmte I Could Be oder das in Feist’scher Art gehaltene Catalyst, man kommt aus dem Schwärmen nicht mehr heraus.

Dass Ashes keinen lang herbeigesehnten Karrierehöhepunkt darstellt, eben doch ein Erstlingswerk bedeutet, mag man keine Sekunde lang glauben. Zu perfekt und mitreißend mutet die Scheibe an. Obschon Vorbilder durchschimmern, ist die Britin keine junge Nacheiferin. In den gelungensten Momenten überflügelt sie alle und jeden, manch Refrain ist derart großartig dimensioniert, dass man sein Glück kaum fassen möchte. Solch grandios dargebotenes Melodrama wärmt das Gemüt des Hörers, brennt Feuerwerke der Empfindung ab. Kyla La Grange tritt mit Siebenmeilenstiefeln in die Fußstapfen einer Florence Welch! Und sie passen in der Tat wie angegossen.

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Ashes ist am 18.01.2013 via ioki/Sony Music erschienen.

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