Der Feind im Inneren – Where Did Nora Go

Man neigt ja allgemein dazu, der Intention eines Künstler ganz und gar auf die Schliche kommen zu wollen. Je etablierter das Wirken, desto detaillierter werden im Feuilleton Motive und Einflüsse zerpflückt. Bei aufstrebenden Musikern freilich müssen Pressetexte auf Absichten hinweisen, die Richtung der Deutung vorgeben. Etwa eine Anekdote zu einem lebensgroßen Anlass aufbauschen, die Überwindung des künstlerischen Schweinehundes abfeiern, die Zusammenarbeit mit irgendeinem legendären Produzenten hervorheben, der den Geist kultischer Bands im Werk spuken lässt. Im Falle der dänischen Sängerin Astrid Nora verweist der Pressetext darauf, dass sich der Projektname Where Did Nora Go von dem Theaterstück Nora oder ein Puppenheim des norwegischen Dramatikers und Schriftstellers Henrik Ibsen herleitet. Das ist natürlich ein dankbarer Aufhänger, Ibsen kennt man zwar als Teil des literarischen Kanons, allermeist jedoch nur vom Hörensagen. Ob Where Did Nora Go nun tatsächlich die Inspiration aus der Ibsenschen Dichtung zieht, wird daher vom typischen Blogger und Musikrezensenten ungeprüft angenommen.

Where Did Nora Go möchte uns also mit dem gleichnamigen Album wohl etwas von Belang mitteilen. Eine denkende und empfindende Essenz darbieten. Sich nicht in süß verzierten, naiven, zeitgeistigen Gefühlen erschöpfen. Solch Ansinnen erscheint ehrenwert, zugleich heikel, weil es dem Hörer gar viel abverlangen könnte. Hehre Anstrengungen entpuppen sich oft als unheimlich anstrengend. Where Did Nora Go hingegen vermag die Befreiung von Zwängen, das Ende der Unterdrückung von Wünschen und Bedürfnissen mit wunderbar dramatischer Attitüde auszudrücken. Mit großem Gespür wird das Innenleben des lyrischen Alter Egos an die Oberfläche gestülpt. Der Feind lauert im Inneren, in der Mutlosigkeit der eigenen Einstellungen, in der Negation von Bedürfnissen, in überbordender Rücksichtnahme. Und genau hier setzt die Platte an, konfrontiert uns mit dem Zeitpunkt, an dem die selbst auferlegten Fesseln letztlich gesprengt werden. Die eigene Emanzipation auch zu einem neuen Umgang mit der Außenwelt führt. Bereits der Opener And The Day Came gibt mit den Zeilen „And the day came/ When fear no longer would scare/ But be part of the quest/ And the day came/ When freeing ourselves/ Was no longer an intimidating fantasy“ die Devise vor. Astrid Nora zelebriert dies mit andächtiger Eleganz, stimmlich intensiv wie sinnlich. Präsentiert einen Augenblick zwischen von kostbarem Staunen erfülltem Wispern und angedeuteter Ekstase. Auch bei The Continuing Story Of The Maiden Who Went Out To Change Her Luck findet sich dieser Moment der Überwindung der Passivität, die geschärften Sinne beschäftigen sich mit der zupackenden Frage nach dem weiteren Tun. „I trip and fall but I rise again/ I slip and tumble but I won’t give in/ My eyes wide open in the dark“ deutet in seiner sirenesken Ausdruckskraft auf die Titelsongs von Bond-Filmen hin, verschmäht jedoch jedwede Übertreibung. Das lebensbejahende The Beacon wirft der Welt keinen rosaroten Schleier über, gibt sich vielmehr mit liebevoller Leidenschaft zum Leben mahnend. Made Of Clay wiederum zeigt eine für dieses Werk ungewöhnliche Leichtigkeit, exotisch-entspannt im Rhythmus fordert es die Vergebung der eigenen Unzulänglichkeit ein, möchte eine von den Widrigkeiten des Alltags gefrorene Seele tauen lassen. Besonders traumatisch, die Erziehung zur Marionette thematisierend erweist sich Good Girl als von Qual und Pein erfüllter Höhepunkt des Albums. Eine hasserfüllte Abrechnung mit elterlicher Bevormundung, die den Anspruch, welchen Astrid Nora wohl an diese Platte stellte, bravourös einlöst. Dieser Song – aber längst nicht nur dieser – begeistert als melodramatischer Pop der Extraklasse.

Where Did Nora Go beschert uns einen ausgebufften Pop voll Souligkeit und fein in Szene gesetztem Cello. Diese Qualität springt dem fortgeschrittenen Hörer früher oder später ins Auge. Unter diesem Gesichtspunkt scheint der Verweis auf Ibsen vielleicht sogar kontraproduktiv, mag er doch suggerieren, dass das Motiv dieser Platte eventuell ein unzeitgemäßes wäre. Die Versöhnung mit der persönlichen Lebenswirklichkeit, das Ringen um eine gesunde Psyche wirkt allerdings aktueller denn je. Wer skandinavische Tiefe mit einem zarten Hauch Shirley Bassey verknüpft hören möchte, kann und soll sich dieser Platte nicht entziehen!

wheredidnorago

Where Did Nora Go ist am 25.01.2013 auf Für Records erschienen.

Konzerttermine:
(Where Did Nora Go tritt zusammen mit Forest & Crispian im Rahmen der Reihe Nordlicht Klub auf)

11.02.2013 Berlin – Aufsturz
12.02.2013 Nürnberg – MUZclub
13.02.2013 Rostock – MAU-Club
14.02.2013 Dortmund – Herr Walter
15.02.2013 Göttingen – Pools
16.02.2013 Osnabrück – Glanz & Gloria

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Der Feind im Inneren – Where Did Nora Go

  1. Die Musik klingt wirklich interessant – da werde ich mir das Album mal bei Spotify zu Gemüte führen.

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