Hält mehr, als sie verspricht – Ólöf Arnalds

Natürlich liegt in der Vergnüglichkeit eine große Qualität von Musik. Allerdings schätzen nicht wenige Zeitgenossen das kontemplative Element des Folks. Im Wesenskern predigt die Folkmusik ein gedankenvolles Außenseitertum, bleibt dabei weltnah, schalmeit nicht vom Elfenbeinturm herab. Folk kann bitter und traurig klingen, ebenso jedoch von Zuversichten und Sehnsüchten berichten, nahes und fernes Glück schildern. Wo viele Genres die Vorzüge des Augenblicks genießen, ringt sich Folk immer eine Vergangenheit ab. Die Protagonisten haben ihre Geschichten, tragen Erinnerungen so schwer wie leicht mit sich, sie kristallisieren sich nicht im Jetzt, wie es etwa bei der Popmusik üblich. Wer sich also zu der Frage „Warum Folk?“ aufschwingt, dem kann man aus vielerlei Gründen ein lautes „Darum Folk!“ erwidern. Dass Island eine gute Adresse für Folk ist, weiß der ausgemachte Fan schon länger. Mit dem Werk Sudden Elevation bestätigt die Singer-Songwriterin Ólöf Arnalds diese Einschätzung einmal mehr.

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Photo credit: Hulda Sif Ásmundsdóttir

Sudden Elevation ist in seiner instrumentalen Spärlichkeit mit Haut und Haar auf eine Stimme zugeschnitten, die man schwer in Worte fassen kann. Weil die gängigen Beschreibungen allesamt nicht ins Schwarze treffen. Dieser Gesang tönt verschroben – aber nicht gestelzt, er besitzt eine große Klarheit – dennoch kann ihn ein Wässerchen trüben, ihm haftet eine verhexte Unwirklichkeit an – ohne aus Zeit und Raum zu fallen, er wirkt tiefgründig – dabei jedoch so unglaublich lieblich, die Stimme klingt mädchenhaft – zugleich wissend und bar jeder Naivität. Bereits der Eröffnungstrack German Fields forciert die beschriebene Rätselhaftigkeit, hinterlässt trotz melodischer Verspieltheit einen bitteren Nachgeschmack. Bei Zeilen wie „Secret backgrounds don’t belong in playgrounds“ schrillen die Alarmglocken. Hier wird eine Kindheit beschrieben, deren Abgründe man nur vermuten kann („Some things remain a mystery/ Her cry/ Oh well/ That no one heard but now we hear it„). Es schwant in all diesen Andeutungen nichts Gutes und doch spürt man eine abgefallene Last, wenn am Ende „The news that freed us suddenly/ We all dissolved from fear into fear of laughter“ von geradezu ungläubiger Erleichterung zeugt. Dieser vermeintlich fröhliche Song zeigt bei näherer Betrachtung seine Krallen! Treat Her Kindly wiederum gerät zur Aufforderung, die vor Liebe Entflammte mit Anstand zu behandeln („Since you don’t feel the same/ Find a way, there are ways/ Out of this confusing game/ It’s not love, it’s just a chase/ Show her a way out of your maze/ Let her cool her flame/ Can you spare a little grace?„). Wo Musik die Liebe nur als siebten Himmel oder tiefstes Jammertal darstellt, wird hier die Kunst der Ablehnung kultiviert. Arnalds nestelt nie die üblichen abgedroschenen Sentimente aus dem Köcher. „Is there a love song/ That has not be sung before?/ So many sung of love before“ stellt sie im Lied Call It What You Want fest, doch entkommt man dem Wunsch nach Zuneigung einfach nicht: „There’s no aim no reason/ When we long to care/ Unaware of where it may lead us„. Die Isländerin legt viel Ratio in ihr Werk, sie präsentiert sich nie als wirres, emotionsgetriebenes Häschen, das mit zitterndem Näschen aufgeschreckt durch die Vegetation des Lebens hoppelt. Im Gegenteil, Fear Less erkennt, dass wir oft ängstlich sind, obwohl es dazu keinen triftigen Grund gibt. Eine weitere Erkenntnis ohne jedweden Schnörkel!

Sudden Elevation wirkt so ungeschminkt im Ausdruck, ohne den Pomp vieler Instrumente. Es ist von karger Prägnanz getragen, stark auf zärtlich-koboldige Melodien und diese unnachahmliche Stimme vertrauend. Manchmal möchte man doch den Vergleich wagen, Numbers and Names etwa klingt nach einer luftigeren, tänzelnderen Ausgabe von Vashti Bunyan. Arnalds Leichtigkeit im Ausdruck steht jene ruhige narrative Kraft gegenüber, wie man sie besonders bei den Größen des Folks erleben darf. Das Werk schillert so lebensklug wie poetisch, leise und bannend. Erfüllt von einem ernsthaften Zauber, der nie zu einem akademischen Brüten über Sinn und Sein verkommt. Ob Onwards and Upwards oder der Titeltrack Sudden Elevation, diese Songs sind in ihrer entschleunigten Intensität überaus betörend.

Folk ist anschaulich dargebrachte Beschäftigung mit existenziellen Dingen. Ein Genre, das Gedanken und Gefühlen gleichberechtigt. Prädestiniert für tiefschürfende Betrachtungen und unverfälschtes Sentiment. Ólöf Arnalds vermag all diese Ansprüche einzulösen, in einem sogar für isländische Standards eindrucksvollen Album zu fokussieren. Sudden Elevation hält sogar mehr, als es zunächst verspricht. Weil die Lieder Mal für Mal an Charisma gewinnen. Tiefgründigkeit braucht ihre Zeit. Nehmen wir sie uns!

Sudden Elevation

Sudden Elevation ist am 08.02.2013 auf One Little Indian erschienen.

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