It’s easy to be strange – Big Harp

Musiker lernt Musikerin kennen und lieben, man lebt unbeschwert, bekommt ein Baby, dann ein weiteres. Beschließt irgendwann als Duo gemeinsam durch das musikalische Leben zu schreiten, veröffentlicht Alben, zuerst eins und nun das zweite. Der Pressetext zu Big Harp liest sich wie eine fleischgewordene Liebesgeschichte, schreit förmlich nach einem Happy-End, wenn sich zum privaten Glück auch beruflicher Erfolg einstellt. Ob die dieser Tage erschienene Platte Chain Letters solchen beschert, wage ich zu bezweifeln. Wer Roots Rock mag, es dreckig, ruppig, bluesig und zugleich kunstfertig schätzt, wird dem Werk Zuneigung entgegenbringen. Als Verkaufsschlager wird sich Chain Letters dennoch nicht entpuppen, dazu ist das Werk zeitgeistfrei und nicht von der Retro-Sorte, die allgemeine Jubelschreie entfacht. Doch scheint jener Umstand bei derart viel Familienglück wohl verschmerzbar, zumal Stefanie Drootin-Senseney als weiblicher Part des Duos ohnehin an vielen Alben der Label-Kollegen auf Saddle Creek mitgewirkt hat und sich über mangelnde Arbeit kaum beklagen kann.

Schon mit dem Opener You Can’t Save ‚Em All verfängt der Sound dieser Platte im Ohr des Hörers. Rau, verzerrt und dennoch quirlig mutet die Chose an, dazu gibt Chris Senseney den Crooner. Some People Are Born Strange dagegen kündet vom Blues zur vorgerückten Stunde, stilvoll krächzig, mit dem Teufel hadernd und eine Sintflut fordernd, Good News lässt es dank einer Portion Südstaatenrock derb krachen, ehe mit Bar All The Doors Folk die Bühne betritt. Letzterer Titel ist das heimliche Highlight des Album, denn so überzeugend all die Deftigkeit auch ausfällt, gerade dieser Akustiktrack begeistert mich über alle Maßen. Die zweite Hälfte des Albums fällt keinen Tick weniger inspiriert aus, Micajah With His Hands Up oder das nicht zuletzt wegen eines starken Refrains großartige Outside In The Snow bleiben nachhaltig im Gedächtnis.

Chain Letters ist ein mehr als nur künstlerisches Sahnehäubchen einer Liebesgeschichte. Es zeigt Ecken und Kanten, hat hymnische Wucht, gibt sich nonkonformistisch, verkündet mit rauchiger Stimme It’s Easy To Be Strange. In Zeiten, in denen Indie-Rock jedwede Exzentrik durch wohlklingende Beliebigkeit eintauscht, wirkt diese Scheibe sehr kräftig, geschliffen ungestüm. Big Harp ist ein wuchtiges Statement gelungen, welches musikalische Traditionen mit großer Leidenschaft kultiviert, nichts durch den Häcksler des Zeitgeists schreddert, sich allerdings stets über Altbekanntes erhebt. Wie mutig, wie fein!

ChainLetters

Chain Letters ist am 08.02.2013 auf Saddle Creek erschienen.

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