Jenseits manieriertem Mädchentums – Diane Weigmann

Die deutschen Fräulein mit einem Faible für Gesang sind oft aus den gleichen Schablonen gestanzt. Ihre Kleider ertrinken in Gänseblümchenmuster, das mädchenhafte Gesicht wird mit einer Falte auf der Denkerstirn geschmückt, sie sind lieblich und empfindsam, zugleich patent und weltklug. Sie sind ein Gegenentwurf zu all den Tussis dieser Welt, treten jedoch in ihrer Sprache zu gewollt, üben sich in kalkuliert linkischer Anmut, die Hände in die Hüfte gestemmt. Solch Attitüde darf man mögen, oder aber mehrheitlich recht langweilig finden. Diane Weigmann jedenfalls ist wirklich schon lange genug am Start, um die Fallstricke des Säusel-Pops zu kennen und zu meiden.

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Das gerade erschienene Album Kein unbeschriebenes Blatt geht dennoch ab und an auf Tuchfühlung mit ein paar Fettnäpfchen. Mal wird gedämpfter Pathos groß geschrieben (Wie klingt das letzte Lied), aber gefühlschwangeres Sinnieren läuft leider stets Gefahr in Plattitüden abzugleiten („Hast du ein letztes Mal gefühlt, dass man dich liebt? Hast du nicht ein Leben lang gekämpft und jetzt gesiegt?„). Dann wieder trällert sich Weigmann gen belanglosiger Telenovelaschnulze (Tief): „Verliebt ins Leben, was haben wir gelacht, haben verrückt nach Freiheit, die Nacht zum Tag gemacht.“. Und trotzdem, diese Platte strotzt vor Charme! Weil Weigmann viel, viel mehr richtig als falsch macht, oft die Balance zwischen Verspieltheit und Tiefgründigkeit wahrt. Das zusammen mit Blockflöte des Todes aufgenommene Duett Ein Zimmer in Berlin beschreibt die Unsicherheit des Erwachens nach einer Liebesnacht. One-Night-Stand oder nicht? Dieser zwischen Rockigkeit und zärtlichem Pop tingelnde Track stellt eines der Highlights dar. Immer schon ein Teil von mir ist eine erstaunlich unkitschige Liebeserklärung an ein Kind, Singer-Songwriter-Pop als hochsympathisches Wiegenlied mit Klingeling! Sieben Leben präsentiert sich als flotte, fröhliche Country-Nummer, die man gern immer wieder im Radio hören möchte. Wenn man spürt, wie Weigmann durch die Boxen hindurch lächelt, schließt man dies Album endgültig ins Herz. Etwa bei dem von warmer Großstadtpoesie erfüllten Lied Fast zu schön um wahr zu sein. „Es ist ein einzigartiges Gefühl, verborgen unter Alltagsmüll, orchestergrabentief, wo die Violinen spielen. Ich hab dich schlafen gesehen, nie so was schönes gesehen, im Großstadtmief dieses Abteils ist dein Bild, das was bleibt.“ sind Zeilen voll Wärme und Freude. Auch wenn Solange wie musikalisch gar arg nach Schema F der leicht schwülstigen Ballade gestrickt ist, macht Weigmann dennoch eine gute Figur. Sie zählt fraglos zu den talentierten Singer-Songwriterinnen, die mehr als eingangs beschrieben Fräuleinhaftigkeit im Köcher haben. In ihren stärksten Momenten transportiert sie Emotionen mit lebensfroher Zuversicht. Und deshalb stellt man die Ohren auf.

Mit Kein unbeschriebenes Blatt hat die Berlinerin ein einnehmendes, geradezu reizendes Album vollbracht, dem man den einen oder anderen Schönheitsfehler nachsieht. Diane Weigmann wird mit diesem Werk das Feuilleton nicht für sich erobern, Kritikerlob bleibt der manischen Gestelztheit einer Anna Depenbusch vorbehalten. Viel eher mag die weitgehende Unverkrampftheit dieser Scheibe den einfachen Hörern zu Herze gehen. Vor allem denen, die Musik jenseits manieriertem Mädchentums und weit vor der frustierten Enttäuschtheit einer reiferen Frau suchen und finden wollen.

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Kein unbeschriebenes Blatt ist am 08.02.2013 auf Rotschopf Records erschienen.

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