Polaroids vor dem Sturm – ear

Auch nach all der Zeit des Bloggens über Musik ertappe ich mich dabei, dass ich Künstler gewisser Label automatisch mit regem Interesse begegne, während ich Musik im Eigenvertrieb mit einem Quäntchen Skepsis betrachte. Das ist ohne Zweifel auf die vom Kulturbetrieb angestrengte Indoktrinierung zurückzuführen. In der Literatur und natürlich auch bei der Musik haben sich Verlage und Plattenfirmen als Filter installiert. Die Mehrheit der Konsumenten meint noch immer, dass diese zwischengestaltete Instanz nach Qualitätskriterien aussiebt, ferner Kreativität auf ein solides Fundament der Wirtschaftlichkeit stellt. Das ist mitunter ein Irrglaube. Dennoch meldet sich ein wenig Argwohn, wenn eine Band stolz verkündet, dass sie in völliger Unabhängigkeit ohne jegliches Label arbeitet. Im Falle des deutschen Duos ear möchte ich jedoch durchaus attestieren, dass die Unabhängigkeit wohl eine selbstgewählte, nicht auf Verschmähungen von Plattenfirmen zurückzuführende ist. Das unlängst ins Postfach geflatterte Album Out In The Open erfreut als angenehm unaufgeregter, fein ausgestalteter Singer-Songwriter-Pop.

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Out In The Open zeigt sich melodisch, überwiegend dezent, irgendwie heimelig. Die Stärke der Platte liegt in einem sanften wie munteren Sound, ohne Drama und Krawall bestrickend. Dazu gesellen sich Texte, die in ihrer nüchternen Konsequenz die Ruhe vor oder nach dem Sturm thematisieren. Ein Durchschnaufen zwischen Orientierungslosigkeit und vollzogener Desillusion, ein Hoffnungsschimmer, der einem vermeintlich ungewissen Ausgang vorangeht, vage Intention hin zum Glück. ear gönnen sich die Gemütlichkeit der Reflektion, vergegenwärtigen Emotionen ohne Hysterie oder feierliche Traurigkeit. Highlights der Platte sind das aufseufzende Winter Favorites, der geschmeidige Indie-Pop-Track Love’s Not Here, bei welchem die Suche nach Liebe von Beginn an zum Scheitern verurteilt scheint („Love’s not here tonight/ I’ve been checking every corner in the fading light„), oder auch das von sehnsüchtiger Einsamkeit und Überfixierung bestimmte Hold. Es sind vor allem jene Lieder, in denen das Duo nach ganz viel Band klingt. Songs mit reduziert-akustischen Arrangements wirken dagegen ein wenig dröge. Da lobe ich mir etwa einen Track wie Situation, der am Ende der Unbeschwertheit die völlige Resignation setzt „She said she tried but now she’s done/ Struggling through like everyone/ I guess being poor’s no longer fun/ We got a situation here in the heart of hipster town/ And its further complications might just bring everybody down„. Schluss mit lustig, lakonische Nachricht auf der Mobilbox. Eine authentische Alltäglichkeit. Auch All We Want To Be ergründet mit seinen Fragen und Beziehungszweifeln allgegenwärtige Sentimente, ringt um Glück, kämpft mit der Bürde von Jugend und Freiheit und dem damit verbundenen Wunsch nach mehr.

Günther Harder und Raphael Tschernuth haben als Köpfe von ear ein unaufdringliches, ab und an fast zu schüchternes Werk geschaffen. In den starken Momenten freilich ist Out In The Open ein besonders warmes, auch gesanglich außerordentlich empathisches Album mit subtilem Pep gelungen. Es ist eine Scheibe, die fokussiert driftet, Polaroids des Ungewissen knipst. Das gefällt mir in seiner unprätentiösen Hintergründigkeit ausgesprochen gut. Belegen doch ear damit vorbildlich, dass Einzelkämpfer und Systemverweigerer keineswegs an den Zuständen gescheitert sein müssen, nicht wegen mangelndem Talent ausgesiebt wurden. Label scheinen mindestens so oft Zaun zwischen Hörer und Künstler wie eben auch Brücke. Man sollte diese feine CD daher umgehend beim Duo selbst ordern. Heute noch!

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Out In The Open ist am 23.11.2012 im Eigenvertrieb erschienen.

Konzerttermine:

28.02.2013 Dortmund – Subrosa
01.03.2013 Dortmund – Rasthaus Fink
16.03.2013 Berlin – Intersoup
17.05.2013 Bremen – Kito

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2 Gedanken zu „Polaroids vor dem Sturm – ear

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