Von melodiöser Zärtlichkeit, grundanständiger Traurigkeit und poetischer Rastlosigkeit – Night Beds

Nach all den Jahres des Bloggens über Musik juckt mich ein gewisses Erstaunen nach wie vor gleich Ausschlag auf der Seele. Dass sich Legionen von Musikern nämlich mit ihren Kreationen tagtäglich einer Öffentlichkeit stellen, trotz der lediglich vagen Hoffnung Anerkennung zu finden, das erscheint mir ein ausgesprochen mutiger Schritt. Die Masse der Konsumenten nimmt künstlerische Produktivität mit derselben Selbstverständlichkeit wahr, mit der man eine Dose Tomaten aus dem Supermarktregal holt. Diese Zeiten kennen keinen Mangel an Lebensmittel und auch die Verfügbarkeit musikalischer Werke wurde längst zur Selbstverständlichkeit. Doch ist unsere Herzensbildung leider so ausgerichtet, dass wir Alltäglichkeiten schlichtweg akzeptieren und bloß das Außergewöhnliche verehren. Das erscheint verständlich, allzu menschlich. Doch lauert darin auch die Gefahr. Was erleben wir noch als eminent spektakulär? Hinsichtlich der Musik befinden wir uns in einem Spannungsfeld zwischen den steten Lobeshymnen des Marketings und dem verzopften Denken der Musikrezension, die möglichst viel auf Durchschnittsniveau trimmt, um Ausreißer nach oben und unten dann mit dem Sabber der Sensation zu bedenken. Welche Tönen können uns aber noch wirklich becircen? Wie viele Popowackler brauchen wir als optischen Anreiz? Dazu gibt es leider keine Antworten. Ich will aber an dieser Stelle ein Plädoyer für Night Beds halten, möchte begründen, weshalb die Platte Country Sleep Aufsehen erregen sollte, obwohl sie aus keinerlei Sensationen gestrickt ist.

Photo Credit: Jarrod Renaud
Photo Credit: Jarrod Renaud

Was Winston Yellen unter dem Projektnamen Night Beds ersonnen hat, ist nicht auf Spektakel getrimmt. Das Album empfiehlt sich vielmehr als Gegenentwurf, als andächtiger, introspektiver Folk von melodiöser Zärtlichkeit, grundanständiger Traurigkeit und poetischer Rastlosigkeit. Country Sleep ficht den Alltag an, sorgt für eine geradezu tröstliche Andächtigkeit, erlaubt ein Sehnen, gestattet sich stille Tränen. Alles klingt nach einer zartbesaiteten Kontemplation, die menschliches Fühlen in pastellfarbener Empfindsamkeit und düsterer Einsamkeit zeichnet. Night Beds verkörpert somit ein Außenseitertum von fragiler Erhabenheit. Der Song Cherry Blossoms verdichtet all das auf nicht ganz vier Minuten, bricht das Herz mit Zeilen wie „In my soul I’m aching to grow/ Longing for a love I’ve never known„, nur um später ein versöhnliches „Play me a simple song, so I can sing along/ Cherry Blossoms in spring, and all the joy that it brings/ I’ve been out on the road, driving with no place to go/ From Cheyenne out to Frisco, I’m dying to find me a home“ zu intonieren. Solch mit den Händen greifbare Wehmut durchzieht das gesamte Werk. Auch das rockigere Ramona beklagt „With a heart that always fails/ My love’s gone off all the rails/ Like a ship without a sail/ Sinking underneath the waves„. Dennoch versinkt nicht alles in ein endgültiges Schwarz, ist die Aufgeregtheit eines Aufbruchs zu spüren. Wie überhaupt die Ruhelosigkeit des Suchenden ein wiederkehrendes Thema dieser Platte ist, etwa bei Borrowed Time, wenn ein hadernder Yellen „I’m living on some borrowed time/ And I never understood why/ Paltry signs led me from my homestead state/ Now I’m racing west in some faint malaise“ in bester Country-Seeligkeit zum Besten gibt. Manches Mal drücken all die Klagen schwer auf die Seele, mutet ein Satz wie „I am doing fine but man I’m just tired“ dann doch als Kapitulation vor dem Leben an (Lost Springs). Eine Existenz, an die man sich mit dem Mantra der Verzweiflung klammert! Es sind kurze Momente, in denen man die Authentizität fühlt, zur felsenfesten Überzeugung gelangt, dass diese Sentimente schweren Herzens selbst erfühlt wurden. Sie wirken fern jedweder Fiktion, keine undefinierbaren Häufchen an Emotion, die man nicht und nicht deuten kann. Wenn Yellens lyrisches Ich im letzten Lied der Platte (TENN) davon singt, dass Kummer seine Jugend stahl, er jedoch das, was von ihr übrig blieb, hergeben möchte, dann begreift man sofort, welch kostbares Geschenk diese CD doch darstellt.

Sobald der Song Even If We Try eine nachgerade sakrale Andacht entfaltet, sollten jedem für subtile Gefühle empfänglichen Zeitgenossen Schauer der Erregung über den Rücken kribbeln. Country Sleep begegnet uns mit einer Ehrlichkeit, Herzenswärme und Betrübtheit, die man in solch gelungenem Rahmen nur selten findet. Mit dieser Außergewöhnlichkeit lässt sich vielleicht schwer hausieren gehen, das Prädikat „gefühlsecht“ mag auf Kondomenverpackungen besser wirken. Eine bescheidene Platte taugt leider zu keinen promotionalen Verrenkungen. Und doch werde ich nicht müde, Night Beds für dieses lautere Kunstwerk zu preisen. Weil intensive Musik eben nie zur Selbstverständlichkeit werden sollte.

Country Sleep

Country Sleep erscheint am 08.02.2013 auf Dead Oceans.

Konzerttermine:

09.04.2013 Frankfurt – Brotfabrik
10.04.2013 Köln – Gebäude 9
11.04.2013 Hamburg – Knust
12.04.2013 Berlin – Bi Nuu

Link:

Offizielle Webseite

SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Von melodiöser Zärtlichkeit, grundanständiger Traurigkeit und poetischer Rastlosigkeit – Night Beds

  1. Danke für diesen schönen Text.
    Ich denke, dass gute Musik manchmal kaum auszuhalten ist – gerade weil sie subtil, mehrschichtig und vielleicht sogar auch nach mehrmaligen Hören nicht entschlüsselter ist. Sie benötigt Zeit und Raum. Und den wollen viele ihr nicht geben. Musik konsumieren – die beiden Worte in Kombination klingen schon grausam und despektierlich. Musik kann gut gemacht sein und berühren, aber am „schlimmsten“ wird es doch dann, wenn man das Gefühl hat, da macht sich jetzt jemand nackig und kehrt das Innere nach Außen. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass Beyoncé das nicht macht, auch wenn ich Respekt vor ihrer Leistung als Gesamtkunstwerk haben kann.

  2. Wunderbar geschriebener Text und wunderbare Empfehlung. perfekt um sich in jede situation mental reinzusteigern aber gleichzeitig rauszuholen und aus den durchdachten lyrics und den angenehmen unaufdringlichen melodien neue hoffnung zu schöpfen. das ist eben nicht spektakulär und gesellschaftliche prostitution sondern hat zeitlosen charakter.

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