Tausend Wasser tief – Sans Parade

Es ist schon fast eine ausgemachte Sauerei, dass die finnische Formation Sans Parade ein derart famoses Debütalbum vorlegt und die Welt nicht einen einzigen, winzigen Augenblick innehält, ehe sie sich wieder dem spröden Alltag des Weiterdrehens zuwendet. Das gleichnamige Erstlingswerk entzückt nämlich als prächtiger, ausladender Ohrenschmaus, der orchestralen Pop mit Post-Rock-Elementen zu bombastischen, mächtigen Songs auftürmt, dabei immer schön am Indie-Boden bleibt und nicht in schwülstige Gefilde abdriftet. Ein Track wie The End of the World 1964 vermag in seiner hymnischen Gefälligkeit den Independent-Olymp zu erklimmen. Der Gesang Markus Perttulas kann sich in puncto Schönheit und Kunstfertigkeit des Ausdrucks tatsächlich mit den Größten zu messen.

Auch für The Last Song Is a Love Song kommen im Grunde nur Ehrerbietungsbekundungen in Betracht. Ein eindringlich erfahrener Segen der Liebe („I put my arms around you/ We walk away like lovers do/ Lovers in the night/ Solemn steady heartbeat/ Shining eyes say it all, loud and clear„) wird inmitten einer Endzeitkulisse zelebriert („Waltz with me, ‚cos this is the last song/ Waltz with me, it’s so cold outside/ Waltz with me, ‚cos soon it’s too late„). Dieser emotionale Wall an Musik türmt sich mit geradezu zärtlicher Ekstase vor dem Hörer auf. Mit den drei Zeilen „And when I see your naked back/ In the morning light lying in my bed/ Then all is new“ wird eine Zärtlichkeit des Glück entwickelt, zu der manch Autor auf hunderten Seiten nicht befähigt. Bereits erwähntes The End of the World 1964 schwelgt in der kräftigen Ausgestaltung einer intensiv prickelnden, keinesfalls hysterischen Apokalypse. Welch großes Kino aus dem kleinen Finnland! Diese beiden Lieder aus der Feder Jani Lehtos, seines Zeichens zusammen mit Perttula Mastermind der Formation, heben dies Album bereits in den Olymp. Doch auch nachfolgende Nummern sind mit allen Wassern gewaschen, wobei Perttulas Songwriting stets eher die balladeske Wehklage in den Vordergrund rückt (Dead Trees), während Lehto für epische Breite und eruptive Sehnsucht steht (In a Costal Town). In der Traurigkeit von From Leytonstone to Canary Wharf erfühlt man die unprätentiöse Wirkkraft der erzählten Geschichten, wenn die Augen der Kassiererin im Supermarkt an ein aufgescheuchtes Tier erinnern und „All the hope in the world/ Is discarded like yesterday’s news„. Doch entzündet sich in aller Tristesse oft auch ein erlösender Funke, ein Trost, ein aufbäumendes Verlangen. Sans Parade verkriechen sich nicht in die Deprimiertheit eines Kellerverlieses. Ihr engelhaft kühler Sound wirkt zwar tausend Wasser tief, doch sämtlicher elegischer Schmerz pufft ätherisch hoch, glüht gleich Sternschnuppen. Oder entfaltet sich als pittoresk geschaltetes Schauspiel wie bei On December 13th.

Nun gut, Musik vermag die Welt nicht aus den Angeln zu heben. Damit muss sich der Musikfan leider abfinden. Warum sich jedoch nicht mehr Hände nach Sans Parade ausstrecken, entzieht sich meinem Begreifen. Jeder diplomierte Schornsteinfeger bringt es auf mehr Likes auf Facebook. Das sei dem Herrn (oder der Dame) zwar gegönnt, spricht zugleich jedoch auch Bände, nämlich dass die Schar der Liebhaber von Indie-Musik leider doch überschaubar ist. Dabei hätten sich Sans Parade jedes nur erdenkliche Publikum verdient, sie sind einfach übermäßig gut. Ach was rede ich, diese Finnen sind schlichtweg brillant! So genial, dass zumindest meine Welt stillsteht, wenn ich dies Album höre.

Den Track On December 13th gibt es als kostenlosen Download via SoundCloud.

sansparade_cover

Sans Parade ist am 15.02.2013 auf Stargazer Records erschienen.

Links:

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