Unaufgeregter Freigeist – Son Volt

Folk wirkt jung, hip, gänzlich zeitgemäß, grummelt mitunter rebellisch-lieblich. Country hingegen erscheint überholt, gerne mit Kitsch glasiert, außerhalb der USA nicht selten Fremdkörper. Lediglich altersweise, vom Leben gezeichnete Country-Legenden vermögen auch in Europa zu reüssieren. Und natürlich werden auch manche Protagonisten des Alternative Country geschätzt, wenn sie in durchaus knatschiger Manier das vermeintlich Reaktionäre mit der Moderne versöhnen. Die Formation Son Volt rund um Mastermind Jay Farrar besinnt sich mit dem soeben erschienen Werk Honky Tonk einer längst abgehalfterten Tradition, taucht in eine Vergangenheit ein, die längst keine Zukunft mehr zu haben scheint. Widerstrebt somit dem Zeitgeist – und wird deshalb hierzulande keine besondere Erwähnung finden. Schade!

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Photo Credit: Emily Nathan

Seit sich die legendären Uncle Tupelo Mitte der Neunziger aufgelöst haben, sind die zwei daraus resultierenden Formationen sehr unterschiedliche Wege gegangen. Während Jeff Tweedy mit Wilco zum Kritikerliebling avancierte, sich einer riesige Anhängerschar rühmen darf, stehen Farrars Son Volt im Schatten. Der Rezensionsaggregator Metacritic errechnet für die letzten 3 Alben von Son Volt einen Durchschnittswert von 66 (von 100 Punkten), Wilco dagegen dürfen für die vergangenen 6 Platten sogar 80 Punkte eintüten. Auch wenn die besten Tage des Musikportals Last.fm bereits zurück liegen, erscheint es dennoch aussagekräftig, dass Son Volt im Lauf der Jahre 158.000 Hörer auf sich versammeln konnte, während Wilco rund 1.050.000 Millionen Hörer aufweisen. Wilco sind also im Indie-Olymp, Son Volt hingegen dudeln ein Nischenprogramm. Daran wird Honky Tonk nichts ändern.

Jay Farrar scheint jedoch auch nicht auf Erfolg erpicht. Sein jüngstes Werk schielt auf den Sound von Bakersfield, der vor Jahrzehnten ein vorzeigbares Gegenstück zur Country-Hochburg Nashville war. Wir wissen alle, wer am Ende die Nase vorne hatte. Doch wirkt Honky Tonk in seiner Unaufgeregtheit wahre Wunder. Ein nostalgischer Hauch durchweht diese Platte. Sie bleibt meist im gemäßigten Midtempo verhaftet, vertraut der Pedal-Steel-Gitarre und allerlei Gefiedel. Son Volt geben sich einem guten Country stets innewohnenden Schmerz hin, suchen Halt und Hoffnung, klittern an gebrochenen Herzen herum, walzern sich durch Sehnsüchte. Down The Highway etwa durchwirkt eine lakonische, vorsichtig optimistische Erkenntnis, dass das Leben voll vager Verheißungen steckt („Throw this love down the highway/ See where it turns/ Life is a shell game/ Lessons lost lessons learned/ There will never be a time/ But that time that is now / To reach for the promise„). Ähnliches lässt sich auch für den abgekämpft anmutenden Track Angel Of The Blues konstatieren, wenn sich Farrar dem Sein gegenüber demütig zeigt. Die Zeilen „When the world around caves in/ Lights will shine, let your life begin/ Don’t let the barricades of life keep the wild spirit still“ offerieren uns ein weiteres Motiv des Album, das des Freigeistes nämlich, der sich vor den Widrigkeiten des Lebens nicht angstvoll verkriecht (Barricades). Auch die Liebeserklärung Wild Side greift jenes Thema der erstrebenswerten Unangepasstheit auf. Viele der übrigen Lieder dieser Platte üben sich in Herzschmerz und dem Hadern im Allgemeinen, „The world’s deserted and down/ Like there’s no love around/ The river of life cuts across/ Hearts no longer entwine“ heißt es beim traurigen Shine On, dagegen sieht Hearts And Minds die Liebe in all ihren Verlockungen und Gefahren. Honky Tonk wirkt im Ton keineswegs als geschundene Kreatur ohne Zukunft, vielmehr ringt Farrar um Seelenfrieden und Zuversicht. Vielleicht ist auch das ein Geheimnis dieses Album, dass es sich nicht in Verliererballaden manifestiert, der Welt stattdessen eine zähe Ungebrochenheit entgegenhält. Es sinniert, anstatt zu klagen.

Son Volt werden mit dieser Platte keine Lobeshymnen ernten, keineswegs zu den hochdekorierten Wilco aufschließen. Dennoch beweist Jay Farrar sein Gespür für amerikanische Traditionen. Auch für solche, die wiederzuentdecken als anachronistisches Tun verstanden werden könnte. Honky Tonk ist weder Abgesang noch Hymne, es überzeugt durch eine geradezu rührende Gelassenheit. Der musikalische Fokus liegt auf einem authentischen, handwerklich überaus soliden Sound, welcher auf sämtliche Sperenzchen verzichtet. Solch bodenständige Attitüde lässt Son Volt tief in die Seele des Country blicken. Dort eine stille, alte Schönheit finden, die zumindest manch europäischer Hörer zuvor noch nicht gesehen hat.

honkytonk_cover

Honky Tonk ist am 01.03.2013 auf Rounder Records erschienen.

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