Blumenzauber aus der Sahelzone – Kitty Solaris

Gibt es clever produzierten, ganz und gar ansprechenden Pop in Deutschland? Ich spreche nicht von deutschsprachigem Pop, schon gar nicht von der einen oder anderen Indie-Pop-Perle. Ich spreche von knallhartem, englischsprachigem Pop mit Chart-Appeal und Niveau, der weltweit reüssieren könnte und für den sich der deutsche Musikfan keine Sekunde lang schämen muss. Eher findet sich ein Blumenmeer im Wüstensand, gedeiht die Sahelzone in voller Pracht, bevor man in hiesigen Landen einige zarte Poppflänzchen ausmachen könnte. Eine Ausnahme freilich habe ich heute zu vermelden: Das neue Album We Stop The Dance der Berlinerin Kitty Solaris. Wer Liedern lauschen möchte, bei denen sogar gestandene Königinnen des Pop neidisch werden müssen, ist mit dieser Platte auf dem richtigen Dampfer.

Als musikalischer Feinschmecker sollte man ja stets mit zwei Hüten herumlaufen. Den einen setzt man auf, wenn man Musik als Kunstgenuss zu erfahren trachtet, als emotional aufwühlendes Versinken in kreativer Größe. Den zweiten Hut braucht es, wenn man Musik als bombige Unterhaltung, Ausbund an Lebensfreude erleben möchte. Kitty Solaris freilich bringt alles unter einen Hut. Ihre Platte genügt sämtlichen Ansprüchen. Bereits der Discotanzbodenstampfer We Stop The Dance gibt die Marschrichtung vor, auch wenn der Songtitel das Gegenteil suggeriert, energetischen Stillstand sucht man auf dieser Scheibe – und schon gar auf diesem Track – vergebens. Mit nachfolgendem 17 wird das erste Highlight eingeläutet. Dance-Pop par exellence und dabei wunderbar pfiffig, denn eine prominent eingesetzte Querflöte wird man in diesem Genre sonst nie und nimmer finden. So gewieft die Songs, so eingängig und wunderbar gefällig tönen sie zugleich. Take It Easy hingegen sattelt um, gibt sich entschleunigtem Western-Flair hin, zitiert im Refrain Unbelievable von EMF. Danach sorgt Heartbeat allerdings wieder für ein Rappeln im Karton, hier rotzt es gesanglich und lärmt es gitarrig, dass es eine Freude ist, man sich an eine gezähmte Version von Hole erinnert fühlt. Dieses Geplärre ist der herbe Moment des Albums, ein den Neunzigerjahren Tribut zollendes Highlight. Auch Flash And Thunder wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen, so hat kräftiger Pop weiblicher Prägung doch vor zwanzig Jahren gelungen. Vielleicht mag es an meiner Sozialisation liegen, aber dieses Lied hat es mir besonders angetan. Mit Fingertips verlässt Kitty Solaris die Retroschiene wieder, trumpft im Hier und Jetzt auf. Dieser Scheiß ist heiß, gibt sich gesanglich verrucht, beatpluckerig. Doch ehe man es sich versieht, ist dieses Album dann auch leider schon vorbei. Kurz vor knapp zaubert Hot Town Blues noch fetzigen Power-Pop aufs Parkett. Ein gesundes Popalbum muss den einen oder anderen Lückenfüller in petto haben, schon allein um die angestrebten Hits hervorzustreichen. Doch kommt Kitty Solaris mit höchstens drei eher unauffälligen Nummern aus, der Rest entpuppt sich als abwechslungsreich und voller Pep.

In Sachen englischsprachiger Pop wachsen hierzulande die Bäume wirklich nicht in den Himmel. Es fehlt an Raffinesse sowie an Lyrics, die über Pennälerniveau hinausgehen. Überspitzt formuliert könnte man Deutschland gar zur Sahelzone der Popmusik erklären. Umso erstaunlicher, We Stop The Dance erweist sich als rundum großartig produziertes, stimmiges Album, das den weltweiten Vergleich nicht scheuen muss. Der Berlinerin Kitty Solaris ist ein großer Wurf gelungen. Was zum Glück noch fehlt? Scharen an enthusiasmierten Hörern!

westopthedance

We Stop The Dance ist am 28.03.2013 auf Solaris Empire erschienen.

Konzerttermine:

04.04.2013 Kiel – Prinz Willy
05.04.2013 Wismar – Der Schlauch
06.04.2013 Hamburg – Hasenschaukel
24.04.2013 Berlin – Schokoladen (Record Release Party)
02.05.2013 Cottbus – Galerie Fango
03.05.2013 Chemnitz – Altra
04.05.2013 Leipzig – Horns Erben
11.05.2013 Potsdam – Hans Otto Theater
13.05.2013 Aachen – Domkeller
14.05.2013 Köln – Stereo Wonderland
15.05.2013 Oldenburg – Polyester
04.06.2013 Offenbach – Hafen 2
05.06.2013 Stuttgart – Cafe Galao
06.06.2013 Tübingen – Zimmertheater
07.06.2013 Freiburg – Swamp
08.06.2013 Offenburg – Spitalkeller
09.06.2013 Heidelberg – Kaffeehaus Ebert
12.06.2013 Köln – Blue Shell
29.06.2013 Lärz – Fusion Festival
16.09.2013 Weimar – C. Keller

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