Im Schwitzkasten der Ekstase – Letherette

Wir sollten uns davor hüten, alles und jeden in schief zusammengemurkste Schubladen zu stecken. Freilich wirkt die eigene Wahrnehmung dadurch immer penibelst aufgeräumt, lässt sich alles schnell einsortieren. Allerdings bleibt dabei die Differenzierung auf der Strecke, der Blick für das Detail weicht oberflächlicher Betrachtung. Dem ersten Eindruck nach eifert das britische Electronica-Duo Letherette natürlich der schwüle Tanzmusik französischer Prägung nach. Die Namen von Daft Punk oder Étienne de Crécy schleichen sich nicht von ungefähr ins Gedächtnis. Bevor man nun jedoch vorschnell zum Urteil gelangt, dass es hier wahrlich nichts Neues unter der Sonne zu bestaunen gibt, sollte man sich jedoch auch fragen, ob die Schönheit und Intensität solcher Klänge tatsächlich schon in dieser Form vernommen hat. Letherette mögen mit ihrem gleichnamigen Debüt das Genre nicht aufmischen. Und doch hopsen sie mit Siebenmeilenstiefeln gen Olymp, versprenkeln die Magie von Downtempo, nehmen den Hörer in den Schwitzkasten der Ekstase.

Das Pfund im Schaffen der Briten ist ihre spielerische Aufdringlichkeit. Ihr Sound pluckert nicht einfach dezent nebenher, flirrt nicht in loungiger Belangloskeit dahin. Letherette treffen den Nerv, sorgen für beschwingte Entzückung oder meditative Trance. Ihre Tracks durchfluten den Raum, füllen ihn, bescheren einen Rausch der Sinne. Doch dröseln wir die Platte mal kurz von hinten auf. Bei Say The Sun bekommen wir ein chillenden Märchen serviert, das in seiner Verträumtheit eher an den frühen Four Tet erinnert. Es ist das Stück, welches vor Entspanntheit prickelt, Beats über behutsame Synthie-Schwaden stapfen lässt. Auch Hard Martha schlägt in diese Kerbe, doch wuselt es, gleicht tausend Schweißtropfen, die wie Ameisen über die Haut laufen. Hier pulsieren noch die Adern von vorangegangen Anstrengungen, etwa dem rhythmische Zuckungen des von RnB beeinflussten Space Cuts. Bei dieser Nummer hat man wirklich das Gefühl, dass alle kleinen, grünen Männchen dieser Galaxie mit einem Michael-Jackson-Lookalike-Zombie um die Wette tanzen. Boosted wiederum atmet eingangs erwähnte französische Schwüle, lässt das Becken sinnlich und lasziv kreisen, nachdem sich Warstones als veritabler Disco-Stampfer entpuppt hat. Manchem Hörer wird jedoch bereits lange vor Warstones die Puste ausgegangen sein, obwohl es Letherette zur Halbzeit der Platte bereits entspannt angehen lassen. Den gemäßigten Groove des vorangegangen Cold Clam sollte man jedoch nicht unterschätzen, die Loops entbehren nicht einer gewissen Erregung, sie sorgen dafür, dass sich jedes einzelne Körperhaar elektrisiert sträubt. Gas Stations & Restaurants mag für viele der unscheinbarste Track des Albums sein, mir ist er in seiner Entrückung besonders lieb. Doch möglicherweise habe ich ihn auch nur als dringend notwendige Erholung ins Herz geschlossen, die man nach The One fraglos gebrauchen kann. The One wirkt als eine clevere, keineswegs vordergründige Clubhymne, zieht den Hörer in den Bann, „um ihn dann mit seinem tiefen Arpeggio hoch zu reißen und über den housigen Dub-Glitch nach vorne zu treiben“. Letztere Beschreibung entstammt dem Pressetext und auch wenn ich diese Worte nicht ganz begreife, kommen sie wohl dem nahe, was mir an dem Titel so gefällt. I Always Wanted You Back beschert einmal mehr gepitchte Vocals, bleibt jedoch sonst verhältnismäßig blass. Das kann man von Restless featuring Natasha Kmeto nun wirklich nicht behaupten. Wer von dieser Nummer nicht um den Finger gewickelt wird, sollte sich die CD besser ganz sparen. Bei D&T haben wir es mit dem Aufgalopp der Platte zu tun. Wie sich da Gitarren in diese funkige Nummer stehlen, das besitzt den Charme eines geglückten Experiments. Der Opener After Dawn dagegen kann das nicht völlig von sich behaupten, schlichtweg weil er alles will. Der Track versucht sich an einer Zusammenfassung der Dinge, welche da denn kommen. Er will die märchenhafte Gänsehaut mit dem warmen Dance-Flair verknüpfen, doch scheitert der Versuch gleichzeitigen Ein- und Ausatmens letztlich auf hohem Niveau.

Nur damit wir uns richtig verstehen, Letherette machen Musik für Zeitgenossen, die sich ihre Ekstase nicht von einem wummernden Humptata diktieren lassen. Wer Tanzakrobatik ohne Sinn und Verstand sucht, wird bei dieser immer mit dem Savoir vivre kokettierenden Platte nicht glücklich. Der Rest freilich darf sich an Klängen ergötzen, die bei Gott nicht auf eine fahle Kopie altbekannter Größen reduzieren lässt. In die Schublade der Imitatoren sollte man die Briten nie und nimmer stecken.

letherette_cover

Letherette ist am 12.04.2013 auf Ninja Tune erschienen.

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