In der Zwischenwelt der Kompromisslosigkeit – Anika

Eine der höchsten Qualitäten des Lobes besteht darin, dass man einem Sportler, Musiker, Erfinder attestiert, sein/ihr Ding ohne Kompromisse und Abstriche durchzuziehen. Das bedeutet letztlich aber auch, dass uns durchaus bewusst ist, wie sehr man sich für den Erfolg in der Regel verbiegen muss, Ideen samt und sonders zur Verwässerung freigibt, nur um ein Scheitern zu vermeiden. Wir räumen mit solch einem Lob ein, dass ein radikal ideebeseeltes Tun beim Marsch durch die Instanzen viele Ecken und Kanten verliert. Im Falle von Anika scheint die Integrität ihrer Vision unangetastet. Wer ihrem von Portishead-Haudegen Geoff Barrow produziertem Debütalbum gelauscht hat, durfte eine völlig unangepasste, schräge Künstlerin mit einem Kopf voller Experimente kennenlernen. Die dieser Tage erscheinende gleichnamige EP verstärkt diesen Eindruck weiter.

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Man braucht nicht besonders viel Fantasie gewisse Parallelen zwischen Anika und einer Nico zu ziehen. So könnte man in ihr die verstörende Muse sehen, welche diesem Projekt Barrows eine Düsterkeit und Unwirklichkeit einhaucht. Doch schwappt die gesangliche Aura Anikas derart durch die Boxen, dass man hier den absoluten Willen zum Brechen von Konventionen beinahe mit den Händen greifen kann. Anika ist nicht nur Muse, sie ist eine Erscheinung! Die in Berlin und Bristol beheimatete Sängerin macht aus Coverversionen eigenständige Lieder, verfremdet und schattiert sie durch ihren Antigesang, führt die Songs in eine von Schwaden umwölkte Zwischenwelt. Wer dem durch die Pretenders bekannten I Go To Sleep in Anikas Darbietung lauscht, wird zwangsläufig vom widerspenstigen Gefühlen beschlichen. Sie verweigert sich konsequent dem Bekenntnis zur klaren, unzweideutigen Emotion. Und diese eingangs erwähnte Kompromisslosigkeit lässt mich vor ihr den Hut ziehen. Anika könnte die Lolita geben oder auch die wissende Frau von Welt, doch bleibt sie eine nebulöse Erscheinung, welche sich dem Hörer nie andient, vielmehr entzieht. In dem in jeglicher Hinsicht infamen Track He Hit Me findet sich auch ein geeignetes Opfer, das sie wunderbarst desavouiert, ohne dabei moralinsauer zu wirken. Nicht minder gelungen fällt Love Buzz aus, das mit dem absoluten Minimum an Inbrunst dargereicht wird.

Anika ist nicht Göre, nicht Faserschmeichlerin, nie Bardin, nie Poetin. Sie ist sprechgesängelndes Irrlicht, in Trance geisternde Chanteuse. Das macht auch ihre EP zu einem radikal gestalten Erlebnis, hoffnungslos schwierige Kost für alle, die sich klar umrissene Botschaften künstlerischen Ausdrucks wünschen. Der Rest freilich wird in Bewunderung schwelgen. Und möglicherweise nicht einmal den genauen Grund dafür artikulieren können.

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Anika erscheint am 12.04.2013 auf Invada Records.

Das nicht auf dieser EP vertretene Fitter Happier (im Original von Radiohead) wurde von Doireann O’Malley filmisch umgesetzt und nun für den MuVi Award der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen nominiert. Ansehen lohnt! Abstimmen ebenfalls.

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