Release Gestöber 38 (Rover, Yasmine Hamdan, Jaga Jazzist)

Rover

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Wenn ein larmoyanter Sixties-Crooner, vielleicht ein wenig im Stile von Scott Walker, auf das kräftige Außenseiterum eines Meat Loaf trifft, wenn man sich diese Vorstellung im Kopf ein bisschen ausmalt, vermag man in den musikalischen Kosmos von Rover einzutauchen. Der Franzose Timothée Régnier hat unter diesem Alias ein ungeheuer markantes Debüt vorgelegt, eine Singer-Songwriter-Scheibe, die mit Leben und Liebe hadert, dabei nicht verzagt, sich vielmehr den Triumph der lauthals mit der Welt ringenden, geschundenen Seele gönnt. Das wuchtige Remember etwa erzählt von der Einsamkeit des mit einem Korb bedachten („Oh silly I, silly I/ I melted down and cried, alone/ We could’ve settled down on the seaside shore/ And carry the time/ Only you never showed up dear„). Rover macht aus Pathos eine Tugend, erschafft nebenbei einen veritablen Radiohit. Glück ist in seinen Songs generell ein wenig zuverlässiger Gefährte, eine im Leiden verblassende Erinnerung (Tonight). Bitterkeit wird zelebriert, die gierigen, scheuklappigen Lebensmodelle anderer Menschen wirken gnadenlos seziert. Beim melodramatischen Queen Of The Fools bricht dies besonders durch, wenn Zeilen wie „Thinking that you rise? You’re on the wrong ladder/ Sure if it’s money-wise, you’re queen of the fools“ als mitleidslose Abrechnung erschallen. Das gespenstische Wedding Bells versinkt in der Traurigkeit des Rückkehrers, der die Liebste in den Armen eines anderen wiederfindet („The name on doorbell had been changed/ A man had come to ruin the plan/ My expectations are in vain/ I stand alone to my old door„). Die dunkle Electro-Pop-Hymne Silver hebt das Unbehagen auf eine allgemeinere Ebene, malt ein hässliches Gesellschaftsbild. Keinesfalls unter den Tisch fallen sollen die Tracks Carry On und das geradzu ausufernd niederschmetternde Full Of Grace. Dessen Refrain ist der inbrünstige Höhepunkt dieses edlen Albums. Man sollte diese Platte unbedingt in der Deluxe Version erwerben, denn auch die nachfolgenden Bonustracks sind stark. Beispielsweise Silence To Navigate.


Rovers voller Sound und diese satte Stimme, die einerseits markant und rau, andererseits in höheren Lagen geschmeidig tönt, vermögen mich zu begeistern. An den Facetten seiner Düsterkeit darf man sich ergötzen. Was für ein eindrückliches, nachhaltiges, in jeder Hinsicht stimmiges Debüt! Es ist der Platte anzumerken, dass Régnier schon so einiges von der Welt gesehen hat. Französisches Temperament vermengt sich so mit kultiviert-britischer Alternative-Attitüde. Rover hat mit diesem Werk fraglos eines der besten Singer-Songwriter-Werke dieses Jahres geschaffen. Ein Pflichtkauf, wie ich meine.

Rover

Rover ist am 22.03.2013 auf Cinq7/Wagram erschienen.

Yasmine Hamdan

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Auch mit allen Wassern gewaschene Musikfans hören in aller Regel – abgesehen von instrumentalen Klängen – überwiegend englischsprachige oder muttersprachliche Lieder. Nur hartgesottene Verfechter von Weltmusik oder Fetischisten des französischen Chansons werden in ihren Regalen fremdzungigen Klängen ordentlich Platz einräumen. Dabei ist die Hemmschwelle gegenüber Fremdsprachlichkeit gänzlich unangebracht. Denn verstehen wir englische Texte wirklich? Ich für meinen Teil muss mich sogar bei glockenklaren Stimmen geschlagen geben, werde erst durch die Lyrics im Booklet erleuchtet. Betreiben wirklich viele diesen Aufwand oder zimmert man sich einfach irgendeine Bedeutung zusammen? Im Falle der gebürtigen Libanesin Yasmine Hamdan braucht es kein Verstehen, um dem Reiz ihres Gesangs zu erliegen. Ihr für 31.05.2013 angekündigtes Album Ya Nass verspricht viel. Wer dem Track Deny lauscht, wird so einige Regungen empfinden, Unverständnis gehört nie und nimmer dazu. Denn wer folkoresken Pop in edlem Gewand jenseits unsäglichen Ethno-Kitsches erfahren möchte, wird bei diesem Song vor Freude aufjauchzen! Großartig.

Ya Nass wird am 31.05.2013 auf Crammed Discs veröffentlicht.

Jaga Jazzist

Vor mittlerweile drei Jahren hat die norwegische Formation Jaga Jazzist mit ihrer fabelhaften Platte One-Armed Bandit ein Wunderwerk vollbracht. Nun sind drei Jahre eine sehr lange Zeit, im Stakkato zahlloser Veröffentlichungen läuft auch die schönste Platte Gefahr, Schnee von gestern zu werden. Dabei ist dies jazzige, funkige, zugleich dem Minimalismus huldigende Werk beispielhaft für eine alle Fesseln sprengende Experimentierfreude, die dem Hörer höchste Unterhaltung garantiert. Nun gibt es endlich Neuigkeiten zu vermelden. Jaga Jazzist haben genau das gemacht, was ich als Labelheini zum absoluten Unding erklären würde. Sie haben ihr Schaffen mit einem Sinfonieorchester neu eingespielt. Ich halte von solch Crossover-Geschichtchen rein gar nichts. Weil solch Zusammenarbeit nur selten eine gegenseitige Befruchtung verspricht. Warum muss ausgerechnet die Musik solch Wagnisse eingehen? Ich habe noch nie gehört, dass ein Comic-Zeichner und ein Landschaftsmaler gemeinsame Sache machen. Nun, Jaga Jazzist haben jedenfalls das Album Live with Britten Sinfonia fabriziert. Die gute Nachricht besteht darin, dass dezidierte Fans der Band auf alle Fälle auf ihre Kosten kommen, spannenden, wenngleich ab und zu langatmigen Versionen von Tracks wie Bananfluer Overalt oder Music! Dance! Drama! lauschen dürfen. Die Magie setzt vor allem dann ein, wo sich das Orchester in den Hintergrund verkrümelt. Live with Britten Sinfonia ist wahrlich nicht ungelungen, aber eben vor allem als konsequent experimentierende Ergänzung zu One-Armed Bandit zu verstehen. Wer die Genialität von Jaga Jazzist erfahren will, sollte sich zuerst die Vorgängerplatte einverleiben. Und staunen!

livewithbrittensinfonia

Live with Britten Sinfonia erscheint am 03.05.2013 auf Ninja Tune.

SomeVapourTrails

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