Bis in die innersten Eingeweide – Tante Doktor

Tante Doktor ist eine Band aus Gießen, die sich laut Eigenbeschreibung dem medizinischen Songwriting verschrieben hat. Was zunächst für einen Hypochonder wie meine Wenigkeit als Drohung anmutet, entpuppt sich bereits während des ersten Höreindrucks als erstklassig. Die EP Unsteril zeigt ein sichere Hand für smarte und elegante Songs in deutscher und englischer Sprache. Bereits der erste Track Mr Anaesthesia erinnert an so manches, was die notorisch unterschätzte Formation Mardi Gras.bb im Laufe ihres Schaffens fabriziert hat. Beschwingt und zugleich inbrünstig absurd gibt sich der Song im besten Sinne altmodisch, so als entstamme er einem in jeder Hinsicht schrägen Varieté. Im nachfolgenden Schwester vermag das direkt aus einer Intensivstation entsprungene Gefiepe den Hörer ordentlich einzuschüchtern. Diese Ballade steht durchaus in der grüblerischen, lakonischen Tradition von Element of Crime („Im Schichtdienst des Lebens/ Am Ende wird verreckt/ Kalte Zigaretten und eisiges Gemüt/ Vorwärts, immer weiter/ Nur keinen Schritt zurück/ Hat’s was gebracht/ Tut, was sie kann/ Und legt dann den Kittel der Verdrängung an„). Das Dasein einer Krankenschwester ist selten derart knallhart an der Front der Menschlichkeit geschildert worden. Das tönt edel, zugleich auch schwer verdaulich. Diesen Umstand ahnt wohl auch Tante Doktor, denn mit Death Tango wird die kühle Atmosphäre wieder orchestral aufgelockert, mit der Essenz des Siechens ein Tänzchen gewagt. Unsteril wagt sich an die Tristesse des Endes. Wo die Texte einen Kloß in den Hals zaubern, vermag die Musik mit viel Seele und Stil für ansprechende Erträglichkeit zu sorgen. Nach dem etwas harmloseren Duett Injection of Wealth wird es bei Des Teufels größter Haufen wieder hoffnungslos makaber („Die Sepsis macht die Tore auf„). Solch gesanglich stark dargebotene Medizinerpoesie ist Schlag in die Magengrube, dabei freilich skurril genug, um den Hörer mit einem gewissen Maß an Faszination in den Bann zu ziehen. Just als man weiteren Scheußlichkeiten harrt, sieht man sich mit dem letzten Song der Platte konfrontiert, dem souligen, wunderfeinen Track Waltz of Loss. Spätenstens jetzt sollte man sich mit Unsteril trotz der zugegeben nicht eben fröhlichen Prämisse anfreunden können. Wer einen kultivierten, keineswegs vordergründigen, eher schon tiefsinnigen Grusel bis in die innersten Eingeweide sucht, muss dieser EP das Ohr leihen. Tante Doktor haben ein wunderbar spezielles Kleinod geschaffen, dem selbst hartgesottene Hypochonder eher früher als später auf den Leim gehen. Und ich weiß, wovon ich spreche.

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Unsteril ist am 24.10.2012 im Lemming Verlag erschienen.

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Ein Gedanke zu „Bis in die innersten Eingeweide – Tante Doktor

  1. Da ham wa uns richttich jefreut drüba!

    Vielen Dank für die Blumen und Grüße nach Berlin

    T.D.

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