Release Gestöber 39 (The Moth & The Mirror, Slow Earth, New Found Land)

In den letzten Wochen – sogar Monaten – sind einige Kleinode eingetrudelt, bislang jedoch unerwähnt geblieben. Das soll nun peu à peu nachgeholt werden.

The Moth & The Mirror

Indie-Rock mit folkiger und verträumter Note dringt mit anderthalbjähriger Verspätung nun auch in deutschsprachige Gefilde vor. Die schottische Band The Moth & The Mirror vermag mich mit ihrem Album Honestly, This World nicht gänzlich zu überzeugen. Manchmal hat die Formation Kaugummi auf den Sohlen kleben, wirkt die Chose ein wenig dröge, kommt nicht vom Fleck. Ein paar Tracks jedoch erklären, warum das Album nun hierzulande auf Stargazer Records seine verdiente Veröffentlichung erfährt. Etwa das anfänglich entschleunigte, sich in weiterer Folge dramatisch aufschwingende Oceans & Waves, ein vom Kontrast zwischen quirligem Rhythmus und ätherischer Stimme getragenes Germany oder Fire, dem eingängigsten, schmissigsten Stück dieser Platte. Diese Songs sind es, welche Honestly, This World aus dem Wust der Veröffentlichungen hervorstechen und The Moth & The Mirror zu einer Entdeckung werden lassen.

honestlythisworld

Honestly, This World ist am 26.04.2013 auf Stargazer Records erschienen.

Slow Earth

Wo andere Bands ihre Biografien mit den unnötigsten Detail vollpfropfen, von der Schuhgröße des Sängers angefangen bis hin zur schönsten Kindheitserinnerung des Bassisten, geben sich Slow Earth erstaunlich vage. Sie scheinen einer osteuropäischen Industriestadt zu entstammen. Das ist nun wahrlich kein Makel, zumindest aber nicht schlimmer als den Ruhrpott seine Heimat zu nennen. Der werte Kollege von den Schallgrenzen nennt ihr Album Latitude and 023 eine „Mischung aus progressivem Post-Rock, exaltierter Gesang, verträumten Melodien und vertrackte Rhythmen, Shoegaze und Ambient und ein wenig Pop“. Und tatsächlich zeigt uns diese Debüt-EP eine Band, die bei der Suche nach der eigenen Identität bereits weit fortgeschritten ist, sich prima ausgestaltet hat. Vor allem der Opener Identify vermag mich zu begeistern, weil er sich edel-balladesk gibt, speziell gesanglich über den Dingen schwebt. Auch das melodische und zugleich druckvolle Self-Formed ist keineswegs zu verachten. Wer also auch immer sich hinter Slow Earth verbirgt, solch eine tolle EP schreit förmlich nach mehr. Latitude and 023 sei dem Leser uneingeschränkt empfohlen!

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Latitude and 023 ist am 06.05.2013 erschienen.

New Found Land

Skandinavischen Sängerinnen zu huldigen, das gehört mit zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Dabei bin ich gar kein besonderer Schwedenfanatiker, auch nach Norwegen zieht es mich nicht wirklich. Was ich jedoch bei den Singer-Songwriterinnen auf dem Norden schätze, ist die gewisse emotionale Distanz. Sie trällern sich meist nicht das Kehlchen wund, bleiben oft reflektiert und zurückhaltend, zimmern komplexe Gefühlswelten. Das gilt auch für Anna Roxenholt, die unter dem Namen New Found Land Anfang März ein wirklich feines Werk vorgelegt hat. Das selbstbetitelte Album besticht durch wohldosierte Klarheit und unendliche Schwermut, die den Hörer durchaus elegant um den Finger zu wickeln weiß. Sobald das richtige Maß an Getragenheit in ihren Liedern aufblitzt, schimmern selbige gleich Juwelen. Sweetness & Delight etwa zelebriert einen zwiespältigen Abschied von Gezänk und süßen Wonnen („Put me on a ship that sails early in the morning/ It’s time, time to say farewell, farewell and goodbye/ To all this rambling and fighting/ All this sweetness and delight„). What Is Love versucht das Wesen der Liebe zu erkunden, nur um letztlich in schaler Unkenntnis zu verharren. Solch mit elektronischem Geplucker dargereichte Beklemmung („What is love but a constant lesson/ I am tired of learning/ So I say it will all get better/ But inside I don’t know it„) fährt in Mark und Bein. Roxenholt lässt ihr lyrisches Alter Ego vorwiegend müde vorwärtsschreiten, sich quälen, ohne dabei gleich nach dem erstbesten Strick zu greifen. Als besonders famos entpuppt sich der Electro-Pop-Schleicher Only My Winnings, mit Bildern wie „So I drilled a little hole in my head/ To let out some demons/ That keeps feeding on my brain/ All my mistakes and all my troubles/ Only my winnings would reach through my mouth„. Aller Schmerz wird so schonungslos, mit der gebotenen Kühle offeriert. Neben Resignation regt sich freilich auch eine kämpferische Attitüde, die nicht alle Pein schultern will (The Cross). New Found Land entpuppt sich als keine einfache Scheibe, präsentiert sich jedoch als eine, deren Eindrücke lang und länger nachhallen. Wenn sich verchromte Synthies Mal für Mal in Düsternis spiegeln, verfällt man dem Werk mit Haut und Haar.

Der Wahlberlinerin Roxenholt ist ein ganz besonderes, phasenweise atemberaubend intensivesWerk gelungen, welches sich wohl an reflektierte bis traurige Gefühlsmenschen richtet. Das Album ist in seinem Wesen herrlich skandinavisch. Es bestärkt mich darin, auch weiterhin eine Lanze für liedermachende Nordlicher zu brechen. New Found Land ist schlichtweg großartig!

newfoundland_cover

New Found Land wurde am 01.03.2013 auf Fixe Records veröffentlicht.

Konzerttermine:

08.05.2013 Nürnberg – Club Stereo
09.05.2013 Hannover – Lux
17.05.2013 Stuttgart – Merlin
18.05.2013 München – Milla
03.08.2013 Friedland – Jenseits von Millionen Festival
21.08.2013 Kassel – Kulturzelt Kassel
22.08.2013 Jena – Kulturarena

SomeVapourTrails

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