Sommerliches Intermezzo leichtfüßiger Nostalgie – Cayucas

Eine halbe Stunde kann verdammt lang werden. Beispielsweise am Ende eines langen, enervierenden Arbeitstages, auf dem mehr als unbequemen Wartezimmerstuhl eines Zahnarztpraxis, oder gar im Stau auf dem Weg in den überfälligen Urlaub. 30 Minuten können jedoch auch furchtbar kurz ausfallen, wie im Flug vergehen. Etwa wenn man seine Lieblingsserie im TV guckt, in einer geselligen Runde bei Kaffee und Kuchen tratscht, in einem aufregenden Buch versunken ist. Im besten Falle erweist sich auch Musik als Kurzweil, welche sich zwischen die Längen eines Tages mogelt, ein Intermezzo aus Entspannung und Freude beschert. Mit großer Wonne habe ich das Album Bigfoot genossen. Mit 8 Liedern im Gepäck und nicht einmal 31 Minuten zählend zeigt es sich als kompaktes, unnachahmliches sommerliches Werk, das leichfüßig und besonders nostalgisch zu betören weiß. Cayucas, Projekt des Kaliforniers Zach Yudin, ist ein charmantes Debüt gelungen, welches für 30 Minuten Unbeschwertheit sorgt.

cayucas7
Photo Credit: Cara Robbins

Bigfoot klingt nach einer sorgsam restaurierten, zugleich mit Patina belassenen Erinnerung an die goldenen Zeiten der Sechziger. Es riecht nach Strand, Sonne, wirft ein Echo der Unbekümmertheit zurück in das Hier und Jetzt. Es strotzt vor freudvoller Energie, wie man sie von Halbstarken kennt. Wer noch einen Funken Jugendlichkeit in sich trägt, vermag sich diesen aufgeweckten Rhythmen und der andererseits omnipräsententen Sentimentalität nicht zu entziehen. Sommer muss nämlich nicht aus Party, dreiviertelnackten, sonnengestählten Körper und Cocktails bestehen. Sommer birgt auch das Potential zu verträumtem Lagerfeuern am Strand. Solch Flair versprüht das Album – und speziell der Opener Cayucos [sic!], eine Hommage an ein kalifornisches Küstendorf gleichen Namens, setzt jene erwähnten Akzente. Wuseliger Lo-Fi-Indie-Folk-Pop voll zärtlicher Reminiszenzen! Will „The Thrill“ erwächst zu einem nur anfangs weniger augenfälligen Highlight der Platte. Vielleicht weil es mit dem schläfrigsten Sound der Platte aufwartet, was die Großartigkeit dieses Lieds jedoch nicht trübt! A Summer Thing lässt herrlich altmodischen Liebeskummer hervorblitzen („Now you’re watching the rain fall by yourself from your bedroom window / I’ll be checking the mailbox for the postcards you said you’d send„), zugleich wird das Ende des Sommers eingeläutet. Dieser Song wirkt in seiner Unschuld hoffnungslos vergangenen Idyllen entsprungen. Zeiten, in welchen die einzige Unsicherheit jene des Herzens war. Nach der mit Latin-Flair ausstaffierten Fantasie Deep Sea vermag vor allem der abschließende Titeltrack Bigfoot zu brillieren. Bigfoot schleicht stapfend gen hymnische Gefilde, wirkt gleich einem aus dem Ruder gelaufenen Kinderlied. Liebe auf den ersten Hördurchlauf, ohne Wenn und Aber!

Dieses Album ähnelt einem in Würde vergilbten Farbfoto, das die Höhepunkte eines im Zenit der Jugendlichkeit stattgefundenen Sommers erneut materialisiert. Die hier auftretende Nostalgie kommt jedoch ohne desillusionierten Seufzer aus, schwelgt ganz und gar in Hochgefühl und Liebesleid. Bigfoot verströmt bittersüße Schönheit. Cayucas hat ein virtuos kurzweiliges, retroeskes Album fabriziert, welches die Erinnerung an warme Tage und aufregende Nächte geradezu behutsam in die Gegenwart holt. 30 Minuten Träumerei wurden noch selten besser gesponnen. In diese Platte eine halbe Stunde zu investieren, das ist wahrlich eine feine Idee. Vielleicht die beste dieses Sommers.

Bigfoot

Bigfoot ist am 03.05.2013 auf Secretly Canadian erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

Cayucas auf Facebook

Kostenloser Download von East Coast Girl (Labelseite) und Cayucos (KEXP)

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Sommerliches Intermezzo leichtfüßiger Nostalgie – Cayucas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.