Songs 2003 – 2013 (Ein Leitfaden zum Schaffen Ane Bruns)

Vielen auf diesem Blog besprochenen Künstlern wird in der Regel nie die Ehre einer Werksschau, im Musikjargon gern als Greatest Hits abgetan, zuteil. Im Falle der renommierten norwegischen Singer-Songwriterin Ane Brun gibt es dieser Tage jedoch das Doppelalbum Songs 2003 – 2013 zu vermelden. Wer Bruns Veröffentlichungen im Laufe der vergangenen 10 Jahre verfolgt hat, durfte die Entwicklung einer talentierten Komponistin, Texterin und Sängerin hin zu einer Liedermacherin von Weltformat erleben. Es gibt nichts, was Brun zur Vollendung fehlt. Brun vermag das Publikum live zu begeistern, sie hat sich als großartige Duettpartnerin erwiesen, nachwirkende Coverversionen fabriziert, ihr eigenes Schaffen mit der famosen Platte It All Starts With One (2011) gekrönt. Die mittlerweile in Schweden ansässige Brun ist in skandinavischen Breiten auch kommerziell erfolgreich, Anwärterin auf die Spitzenpositionen der Charts. Am Zenit erfreut uns die Künstlerin nun mit zwei CDs, die sowohl Fan wie mit dem Werk kaum vertrauten Zeitgenossen zu beeindrucken wissen..

Brun ist Beleg, dass die Ästhetik großen Songwritings, gepaart mit einer makellosen Stimme, letztlich doch zu Anerkennung und Lorbeerkränzen taugt. Dabei ist die Norwegerin kein uneingeschränkter Darling der Kritiker, unverständlicherweise. Songs 2003 – 2013 dokumentiert einen Werdegang hin zur Exzellenz. Beginnend mit ihrem Debütwerk Spending Time with Morgan, von dem Humming One Of Your Songs und Are They Saying Goodbye? auf vorliegender Auswahl vertreten sind. Noch vertraut Brun vor allem auf Gitarre und Gesang, doch gibt ersterer Track bereits einen kleinen Hinweis auf die vertrackte Opulenz, auf die streicherische Magie, welche spätere Platten befördern. Das zweite Studioalbum A Temporary Dive war mein persönlicher Einstieg in Brunsche Schaffen. Es ist das Album, welches mit ein wenig Verzögerung Musikconnaisseure weltweit zu überzeugen wußte. My Lover Will Go, To Let Myself Go, Temporary Dive, Rubber & Soul (feat. Teitur) strahlen noch überwiegend eine folkige, akustische Note aus, in ihrer emotionalen Intensität sind sie bereits sehr zwingend. Rubber & Soul findet sich ebenso wie Song No. 6 (feat. Ron Sexsmith) sowohl auf A Temporary Dive wie auf dem binnen Jahresfrist erschienen dritten Album Duets. Song No. 6 zeigt eine überraschend soulige, entspannte Brun. Dem 2007 erschienenen Livealbum Live in Scandinavia ist der Track The Dancer entnommen. Wer die LP To Bring You My Love von PJ Harvey kennt, wird zweifelsohne zustimmen, dass eine Coverversion von The Dancer für jedwede Sängerin das reinste Himmelfahrtskommando bedeutet. Doch Brun zieht sich bemerkenswert aus der Affäre. Mit The Puzzle bewegt sich die Zusammenstellung hin zu Changing of the Seasons, der vierten Studioplatte. Nun zeigt sich die Singer-Songwriterin im Vollbesitz der Finesse. Ihre Kompositionen gewinnen an Eleganz und Vielschichtigkeit. Am Credo ihrer Lyrics freilich ändert sich wenig, so hat der Titelsong Changing of the Seasons die so schlichten wie eindringlichen Zeilen „Restlessness is me, you see/ It´s hard to be safe/ It´s difficult to be happy“ zu bieten. Mit den ebenfalls vertretenen Songs The Treehouse Song, Gillian und dem famosen Don’t Leave nimmt diese Platte einen gebührenden Platz in dieser Compilation ein. Und dennoch sind es die beiden Bonus Tracks von Changing of the Seasons, die Bruns Bekanntheit außerhalb Skandinaviens steigerten. Da wäre zum einen Cyndi Laupers True Colors, dem Piano und Bruns Stimme eine wunderbare Zärtlichkeit und Hingabe einflößen, andererseits wagt sich die Sängerin an Alphavilles Big in Japan. Dieser Titel präsentiert sich als chansonesque Ballade, vom Futurismus befreit. Brillant!

Das kammermusikalisch ausgerichtete Sketches, Album Nummer 5, besorgt den Auftakt des zweiten Teils der Werksschau. Es mag auf den ersten Blick befremdlich wirken, dass Brun wieder einen Schritt zu spartanischer gehaltenen Arrangements macht. Aber die bereits auf Changing of the Seasons vertretenen Ten Seconds und Lullaby for Grown-Ups gewinnen durch diese Art der Darbietung. Speziell letzteres Lied entwickelt eine Gespenstigkeit („So rest your head/ It’s just as well/ You can’t keep the sky from falling/ Anyway„). Auch die Bühnenkünstlerin Brun bleibt in der Folge nicht ungewürdigt. Von Live at Stockholm Concert Hall (2009) werden My Star und The Fall dargereicht. Doch bleibt von dieser Aufnahme vor allem Lift Me (feat. Sivert Høyem) im Gedächtnis. Diese Country-Ballade besticht. Mit Don’t Give Up ist weiters Bruns Zusammenarbeit mit Peter Gabriel, auf dessen Album New Blood, dokumentiert. Kommen wir aber nun ohne Umschweife zu den Liedern von It All Starts With One, ihrem sechsten Studiowerk. Do You Remember verbirgt das Ende einer Beziehung hinter fröhlicher afrikanischer Percussion und einem von First Aid Kit beigesteuerten Hintergrundchor. Nicht minder stark fallen These Days und das theatralisch aufbereitete, Kausalitäten betonende One aus, in welchem Brun Träume zur Keimzelle der Revolution benennt. Worship (feat. José González) bietet als Sahnehäubchen den Sänger der Band Junip auf. Wie sich die klare, kräftige Stimme Bruns um die dezente Verträumtheit des Duettpartners schmiegt, hat große Qualität. Mit Oh Love und Undertow finden sich zwei weitere Songs von It All Starts With One hier vertreten, doch wurde leider auf das wunderbare What’s Happening With You And Him verzichtet. Dafür gräbt Brun nun tief in der Schatzkiste ihrer Raritäten. Du gråter så store tåra war als English Version auf der Deluxe-Edition ihres letzten Albums zu finden, nun schenkt sie uns die norwegische Version. Auch Alfonsina y el Mar ist ebenso der Deluxe-Edition entnommen, während das Cover von Arcade Fire’s Neighborhood #1 (Tunnels) auf der erweiterten iTunes-Ausgabe zu finden war. Bei den letzten zwei Songs haben wir es nun mit speziell für diese Werksschau aufgenommene Tracks zu tun. This Voice (2013) ist eine neu eingespielte, temperamentvoll aufgemotzte Fassung eines auf A Temporary Dive vertretenen Songs, das edle, ohne Fisimatenten feilgebotene Feeling Good stellt eine Hommage an die unvergleichliche Nina Simone dar.

Diese 32 Lieder umfassende, über 2 Stunden dauernde Zusammenstellung erklärte Ane Bruns Schaffen. Songs 2003 – 2013 ist in seiner Chronologie ehrlich und strikt, legt die richtigen Schwerpunkte, schafft die Balance zwischen Raritäten und den stärksten Nummern der Norwegerin. Es ist geradezu vorbildlich akribisch in der Abbildung sämtlicher Facetten dieser begnadeten Musikerin. Doch ehrlich gesagt habe ich von einem Kaliber wie Ane Brun auch nichts anderes erwartet. Chapeau!

anebrun_songs2003-2013

Songs 2003 – 2013 erscheint am 31.05.2013 auf Balloon Ranger Recordings.

Links:

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