Unaufgeregten Träumern unter das Kopfkissen gelegt – Jet Flower

Manch Alben werden nur für einige wenige Liebhaber gemacht. Und diese mögen sich im Überschwang der Gefühle den Mund noch so fusselig reden, der Funke wird auf die Mitmenschen nicht überspringen. Manch Buch, Album, Film ist in seinem Sentiment eben nicht für die breite Masse gemacht. Es ist wirklich nicht schlimm, sich als Teil einer Minderheit zu verstehen, die Musik, Literatur oder Film eben anders wahrnimmt, anders fühlt, sofern man daraus nicht den Status eines elitären Geschmacks ableitet. Und vielleicht gar darauf erpicht ist, dass die eigenen Vorlieben nur ja nicht in den Dunstkreis des Massengeschmacks gelangen. Irgendein Bauchgefühl jedenfalls sagt mir, dass die dänische Formation Jet Flower weder mit ihrem aktuellen Album We Walk Alike noch mit zukünftigen Platten Legionen von Menschen erreichen werden. Vielleicht liegt es an der unprätentiösen Nostalgie des Werks, welches im Ton oft dezent zärtlich und stets kräftig melodisch ausfällt. Dieser pittoreske Indie-Folk-Rock-Sound ist unaufgeregten Träumern unter das Kopfkissen gelegt.

JetFlower-Pressefoto-TZ968

Jet Flower haben keineswegs ein verschrobenes, im Kern unzugängliches Album fabriziert. Eigentlich ist der Band – zumindest in meinen Ohren – sogar das Gegenteil geglückt. We Walk Alike wirkt als Balsam, als nachdenkliche, unschläfrige, mitunter feierliche Melancholie für jede Gelegenheit. Selbst wenn ich mich auf die besten Titel beschränke, komme ich nicht umhin, mindestens sechs davon hervorzuheben. Zunächst den Opener Something To Someone / The World Is Mine, ein in voller Blüte an Britpop erinnernder, sacht euphorischer Song mit zarten, versonnenen Passagen. Das nachfolgende Rainbow Hill hat von den Harmonien und der Instrumentierung einen dezenten Sechziger-Einschlag, vordergründig ist es ein elegant intonierter Track, der vor allem im von Klavier geprägten Zwischenteil eine nostalgische Entschleunigung erlebt. Der Titeltrack We Walk Alike zeigt als wunderbare Ballade Wirkung, erinnert ein bisschen an Mumford & Sons ohne Pathos, christlichen Firlefanz und Schlagzeug. Springtime wiederum lässt den Frühling richtig duften, entwickelt ganz allmählich eine festliche Dynamik, die den Hörer zu umranken weiß. Ähnliches lässt sich auf von Driftwood sagen, das vor allem gegen Ende von einem sachten Plätschern zu einem kompakten Strudel wird, ein von Wärme durchfluteter Malstrom. It’s Gonna Rain bricht mit der Behaglichkeit der vorherigen Stücke, gibt sich skandinavisch kühl, schwermütig dem Piano zuprostend. Einmal mehr ist man von diesem ausnehmend stimmigen Gesang geplättet, von einem Ausdruck, der von subtiler Larmoyanz bis sachter Erhabenheit alle Schattierungen aus dem Effeff beherrscht.

Je mehr ich mir We Walk Alike so anhöre, desto eher bin ich gewillt, mein Urteil zu revidieren. Jene Intensität, die Jet Flower ausstrahlen, mag wohl nicht Hinz und Kunz in eitle Wonnen ekstatieren, aber deshalb sollte diese Scheibe keineswegs ein Schattendasein fristen. Wer Gefühlen Nuancen zugesteht, wer nicht bloß Fröhlichkeit und Traurigkeit zu unterscheiden vermag, wer an Grübeleien Gefallen findet, darf den Dänen durchaus zusprechen. Man muss sich wahrlich nicht als indieverliebter Außenseiter fühlen oder eine einzigartige Fähigkeit zu musikalischem Werturteil besitzen, um diesem Album ein spezielle Schönheit abzutrotzen. Vielleicht sollte man We Walk Alike einfach nur zulassen, das Annehmen kommt von ganz allein – und mit diesem die Verträumung.

wewalkalike

We Walk Alike ist am 19.04.2013 auf Für Records/TimeZone Records erschienen.

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