Das gewisse unvergessliche Etwas – Long Voyage

Es gibt Alben voll gediegener Songs, von Anfang bis Ende einnehmende Klänge, an denen es nicht viel zu rütteln gibt. Und dann existieren Platten, die mindestens einen Moment der Genialität aufweisen, in welchem der Künstler die Seele des Hörers im Innersten berührt. Und genau auf solch Augenblicke aufgeregten Fühlens kommt man immer wieder zurück. Exakt jede CDs kramt man nach Jahren noch regelmäßig aus dem Regal, weil man sich von (mindestens) einem bestimmten Lied Inspiritation und Wohlgefühl verspricht. Im Falle der deutsch-kanadischen Band Long Voyage hat mich speziell der Track Spirit unheimlich berührt. Er gibt einer Indie-Folk-Platte mit Substanz das gewisse unvergessliche Etwas. Mich erinnert dieses Lied an die stärksten Momente der Great Lake Swimmers, einer Formation, die mir ob ihrer Schönheit schon manch Schniefer der Rührung beschert hat. Und ähnliches gelingt Long Voyage auch mit ihrem Debüt Vertical.

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Spirit ist bei Gott nicht der einzige bemerkenswerte Song des Albums, es ist jedoch das starke Stück fragiler Sehnsucht, welches in seiner Intensität an meiner Befindlichkeit rüttelt. Wie die Zeilen „I’m moving slow/ An astro ghost/ Out of my clothes/ A skin of gold/ Spirit, spirit you’re running free/ Spirit, spirit come back to me“ eine Verlorenheit aufzeigen, mit wenigen Federstrichen eine so erhabene wie desperate Stimmung skizzieren, mich als Hörer binnen Sekunden aus dem Hier und Jetzt in eine vertraute Fremde ziehen, das gerät zu der Sekunde, in dem Musik alle ihr innewohnenden Versprechungen einlöst. Generelle versucht Vertical trotz breit gefächerter Instrumentierung meist eine gewisse Übersichtlichkeit zu wahren, die Schlichheit des Folks nicht auszuhöhlen und dennoch eine epische Breite zu entwickeln. Dabei entsteht ein ebenfalls eindringliches Rise / Fall, welches mit großer Bestimmtheit „Whatever rises soon enough will falls“ verkündet, sich von schunkeliger Seemannsseligkeit hin zu einem trompetenschweren, mächtigen Abgesang entwickelt. Zärtlicher, in geordneteren Bahnen dem Höhepunkt entgegensteuernd präsentiert sich Say It Now. Wer eine leichtgewichtigere, lieblichere Note im Folk schätzt, wird der sanften Dringlichkeit und Zuversicht dieses Songs einiges abgewinnen mögen. Nach einem unauffälligeren Mittelteil kann die Platte vor allem gegen Ende wieder zu punkten. Baby Blue sticht einerseits durch schwermütiges Südstaatensentiment hervor, anfangs würde man fast erwarten, dass ein Chris Isaak gleich um die Ecke kommt, ehe die Chose im Verlauf in die Beschwingtheit von Sixties-Pop abbiegt. Welch schöner, fein dargebotener Track! Rocket Science wiederum beschert nicht zuletzt Sänger Nicolas Huart wieder Gelegenheit zur großen Geste. Hier wird eingängier Folk-Pop zelebriert, nochmals das eingelöst, was im Indie-Bereich oft angestrebt, aber selten erzielt wird. Dieser Song hat die Energie, Massen aneinander zu schmiegen, kollektive Faszination zu bewirken, live zu einem Erlebnis zu transzendieren. Das abschließende Displaced gestaltet sich als um Harmonie ringende Ballade, die Instrumente wirken nicht im Einklang und dieser unrunde Zustand scheint zweifelsohne beabsichtigt, wenn man sich die Lyrics ansieht („The right thing to do/ Is often the thing you fear„). Solch Ende gibt Vertical nochmals eine nachdenkliche Nuance, steuert eine zusätzliche Facette bei. Finales Kleinod.

Die in Leipzig ansässigen Long Voyage haben ein Debüt vorgelegt, dem es vielleicht an einem roten Faden mangelt. Zugleich ist Vertical für Überraschungen gut, nie dem Schema F verschrieben. Es entwickelt einen Sound, der oft besonders, erhaben tönt. Und letztlich ist ein Lied wie Spirit schlichtweg überwältigend. Allein schon deshalb wird diese CD von mir noch oft in die Hand genommen werden. Sehr oft.

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Vertical ist am 07.06.2013 auf Thanks for the Postcard erschienen.

Konzerttermine:

20.06.2013 Bayreuth – Glashaus
21.06.2013 Erfurt – Fête De La Musique
22.06.2013 Weimar – Kasseturm
05.07.2013 Stuttgart – Marienplatzfestival

Links:

Offizielle Homepage

Long Voyage auf Facebook

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