Die fröhlichen Junggebliebenen – Sportfreunde Stiller

Wie zerfurcht vom Leben, faltenschwer und unheimlich ernst sehen doch die meisten Leute um die Vierzig aus. Sie mögen ihren Platz im Leben gefunden haben, dafür sind die Ideale und Träume im Seegang des Seins über Bord gegangen. Wie angestrengt missmutig, gelangweilt von der Existenz, konsequent hipsterig geben sich doch viele Mittzwanziger. Sie wollen bereits in jungen Jahren eine ungemein alte Seele hegen und pflegen. Dabei scheint es doch keine Schande zu sein, mit gewitzter Jugendlichkeit durch das Leben zu schreiten. Auch Lebenserfahrung kann mit einer gewissen Agilität einhergehen. Das Leben siecht wohl in jenem Maße, in welchem der Geist seine Gelenkigkeit einbüßt. Auch deshalb vermag ich die Musik der Sportfreunde Stiller zu umarmen. Ihre Lieder klingen so viel frischer, fröhlicher, energiegeladener als das, was jüngere Semester im Köcher haben. Besonders zeigen die Sportfreunde Stiller Leidenschaft und Humor, gehen zum Lachen nicht in den Keller. Sie wirken allürenfrei, die Band ist somit das, was man gemeinhin als ehrliche Haut bezeichnet. All das drückt sich auch in ihrem neuen Album New York, Rio, Rosenheim aus.


Sportfreunde Stiller – Applaus, Applaus on MUZU.TV.

In den Neunzigern gab es noch so etwas wie ein positives, vorwärtsgerichtetes Lebensgefühl. Es hat in seiner Unangepasstheit und notwendigen Portion Rebellion eine Dynamik des Aufbruchs entwickelt. Die Sportfreunde Stiller sind die letzten Relikte dieser musikalischen Epoche. Wo andere längst kapituliert oder erst nach vielen Irrwegen wieder auf den Pfad der Tugend zurückgefunden haben, klingen die Sportfreunde so unbekümmert wie am ersten Tag. Ihr musikalischer Daseinsentwurf kommt ohne Brüche oder Krisen aus. Wohl diese Verlässlichkeit lässt sie noch immer sehr erfolgreich sein. Weshalb Kritiker freilich monieren, dass sich die Band nie wirklich weiterentwickelt hat. Doch wäre dies nur ein Mangel, wenn vermeintliche Weiterentwicklung eine Ambition der Herren Brugger, Linhof und Weber wäre.

New York, Rio, Rosenheim löst somit die Erwartungshaltung der Anhängerschar ein. Bereits das eröffnende Hymne auf Dich klingt wie ein längst liebgewonnener Evergreen. Versprüht positive Schwingungen. Der Suche nach dem Selbst „Selbstkritik will never die, doch du gehst schon ganz gebückt, von vielen Zweifeln fast erdrückt“ wird im Refrain mit einem „Sing doch mal gelegentlich ein Hymne auf Dich“ gekontert. Tatsächlich hat das Album oftmals aufmunternden Charakter, so auch die erste Single Applaus, Applaus. Musikalische Liebeserklärungen sind oft von Versprechungen für die Ewigkeit geprägt, seltener hingegen von der Dankbarkeit für die schiere, praktische Existenz von Liebe. „Will ich mal wieder mit dem Kopf durch die Wand, legst du mir Helm und Hammer in die Hand“ ist vielleicht die anschaulichste Art, die Notwendigkeit des Anderen in einer Beziehung zu verdeutlichen. Dieser Track entpuppt sich als mit das Beste, was die Sportfreunde je aufgenommen haben. Es passt zum bajuwarischen Selbstverständnis, dass der nachfolgende Titel New York, Rio, Rosenheim die bayrische Provinz in eine Reihe mit den Metropolen der Welt stellt. Vielleicht jedoch ist es auch nur eine ironische Brechung, die dieser Weltverbessererhymne ein liebevolles Augenzwinkern verpasst. Wo man jeder anderen Band hoffnungslose Naivität unterstellen würde, kommen die Sportfreunde Stiller damit davon. Man teilt die Zuversicht, auch weil man fühlt, dass sie wirklich so positiv ticken. Es muss was Wunderbares sein (von mir geliebt zu werden) birgt die erste Überraschung des Albums, wenn Schlagzeuger Weber zum Mikro greift. Irgendwie wird man vom Gefühl beschlichen, dass die werten Herren hier Rammstein ein bisschen veräppeln. Rohrstock, Riemen und ein roter Ball im Mund sind normalerweise nicht die Fantasien, denen die Band nachhängt. Doch punktet der Song mit dem Charme des Ausgefallenen. Danach freilich ist mit Clowns & Helden sowie Wieder kein Hit alles in gewohnten, geschätzten Bahnen. Gerade letzteres lässt eine Zufriedenheit des Seins aufblitzen, fünfe gerade sein. Es verrät viel über die ansteckende Zufriedenheit und Gemütlichkeit der Herren, ebenso wie Lederjacke preisgibt, dass Sportfreunde Stiller tief im Inneren pfundige Rocksäue sind.

Natürlich könnte man sich auch auf die nicht ganz so gelungenen Tracks dieser Platte kaprizieren, wie das sicher auch viele Kritiker tun. Let’s did it! zählt nicht zu den Highlights im Schaffen der Band, Festungen & Burgen bestätigt, dass die Sportfreunde mit Balladen weniger am Hut haben. Und das finale Wunder fragen nicht kratzt vielleicht allzu haarscharf am Kitsch. In der Gesamtschau freilich fällt das nicht ins Gewicht. Auch weil die Band nie für sich in Anspruch genommen hat, am Gipfelkreuz des Niveaus herumzukraxeln. Die Sportfreunde Stiller sind die am Boden geerdeten, fröhlichen Junggebliebenen, welche mit Pfiffigkeit und Enthusiasmus zu einer der wenigen Konstanten deutschen Indie-Rocks entwickelt. Und trotz aller Verkaufszahlen ist ihnen das Indie nie abhandengekommen. Den Wurzeln treu zu bleiben, zählt halt oft mehr als jede Weiterentwicklung.

Sportfreunde Stiller Albumcover

New York, Rio, Rosenheim ist am 24.05.2013 auf Vertigo erschienen.

Links:

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