Ein Nachhall von Dauer – Yasmine Hamdan

Wenn die Sprache keine Verständlichkeit birgt, weil man ihrer nicht mächtig ist, erschließt sich Gesang über die Ästhetik des Singsangs oder dank der Knurrigkeit des Ausdrucks, vielleicht auch durch gehauchte Zärtlichkeit oder mittels Stimme gewordenem Stirnrunzeln. Und so kommt einem der Gesang von Yasmine Hamdan zuallererst nicht etwa arabisch vor, sondern er stellt sich vielmehr als eine Palette von Farben und Schattierungen vor, mit denen sie die Lieder des Albums Ya Nass bemalt. Hamdans Stimme vermag mir keine Geschichten zu erzählen, und doch vermittelt ihr Tonfall, ihre Märchenhaftigkeit, ihre Leidenschaft große Faszination. Ihre Musik lässt sich am ehesten als Ethno-Folk-Pop charakterisieren. Hier werden jedoch keine Klischees befördert, kein Weltmusikgedudel mit abgewichstem Pop angerührt. Ya Nass kreiert eine Aura undefinierbar, unschubladisierbarer, stets stilvoller Schönheit.

Die in Beirut geborene und mittlerweile in Paris lebende Sängerin beschert uns ein Kaleidoskop an Intensitäten, die mal puristisch, mal folkloristisch, mal herrlich verspielt und exotisch erschallen. Und eben aufgrund der Sprachbarriere erwächst Hamdans Stimme zu einem zusätzlichen Instrument von großer Charakteristik. Bereits Deny entwickelt seine Sogwirkung, schwankt zwischen sirenesker Elegnanz und düster angehauchtem Sprechgesang. Quasi ein anfängliches Säbelrasseln, welches das ganze Charisma dieser Platte ausbreitet. Konventioneller, mit Feingefühl in eine amerikanische Folk-Tradition versunken fällt das feenhafte Shouei aus. Samar wieder wirkt von süffiger Nostalgie beseelt, birgt zugleich auch wegen der charmanten Aufdringlichkeit der Synthies eine legere Note. Bereits diese ersten drei Tacks machen die Vielfalt der Platte deutlich, stecken das Territorium, in welches sich Hamdan bewegt, ab. Und es wird im weiteren Verlauf keineswegs schlechter, La Mouch etwa fügt die Würze des Pathos in das Werk. Gefühle prickeln gleich Schauern über den Hörer herein, man ahnt, dass es hier nicht um Friede, Freude, Eierkuchen geht, die Verzwicktheit der Emotion wird ruchbar. Nediya glänzt als kühler Synthie-Pop mit folkloristischer Ekstase und schöner Percussion im Refrain. Eine gelungene Kombination, die uns die Sängerin kredenzt. Beirut wirkt wie eine Liebeserklärung an ihre Heimatstadt. Der Song nimmt Züge eines verträumtes Wiegenlieds an, forciert eine Sehnsucht, im Kern auf ein paar Gitarrenakkorde und ein atemberaubendes Timbre bauend. Denn trotz feiner Arrangements ist Ya Nass im Grunde des Herzens eine Folk-Platte, die auch mit wenigen Mitteln Momente der Eindringlichkeit versprüht (Bala Tantanat). Das gespenstische Lied Hal ist nicht umsonst auf dem Soundtrack des neuen Films von Jim Jarmusch, Only Lovers Left Alive nämlich, vertreten. Auf gewisse Weise ist es das an Rätseln reichere Pendant zum eingangs glänzenden Deny. Doch folgt erst mit dem Titeltrack Ya Nass der eigentliche Ausklang des Albums. Er schwelgt in Düsternis und Süße, färbt das Ende in ein Meer an Hell und Dunkel.

Es spricht sich so leicht von einer Magie, die Musik zu entfalten imstande scheint. Doch wenn man hinter solche Phrasen lugt, merkt man schnell, dass ein Zauber zur flüchtigen Angelegenheit wird. Bei Yasmine Hamdan freilich ist die Wirkung, der Nachhall ihrer Lieder, von Dauer. Weil sie mit Bedacht und Geschick einen Ausdruck entwickelt, der sogar jede Sprachbarriere überspringt, den Hörer erreicht, betört, beeindruckt. Selten hat es eine Platte so einfach gemacht, kulturelle Unterschiede zu überbrücken. Ya Nass ist ein – vermutlich sogar das – Must-have dieses Frühjahrs für neugierige und kultivierte Zeitgenossen.

yanass

Ya Nass ist am 31.05.2013 auf Crammed Discs erschienen.

Konzerttermine:

13.06.2013 Hamburg – Turmzimmer
14.06.2013 Bremen – Schlachthof (Mitschnitt von Radio Bremen)
15.06.2013 Berlin – Grüner Salon

Links:

Offizielle Webseite

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