Fanpsychologie am Beispiel der Editors

Fans können launische Diven sein. Wollen mit Komplimenten überschüttet, gewertschätzt werden. Fans nehmen oft für sich in Anspruch, das Objekt ihrer Bewunderung mit Haut und Haar zu begreifen, pochen sogar auf ein Deutungsmonopol. Aber so wie Ehen und Beziehungen mitunter flüchtige Angelegenheiten sind, welche nach ihrem Ende schon mal in der einen oder anderen Verbitterung münden, so ist auch der Fan nicht von Flatterhaftigkeit frei. Man verzeiht Künstlern kaum Fehltritte, lamentiert munter vor sich hin, versteigt sich zur These, der Erfolg habe Stars verwöhnt. Jede Weiterentwicklung wird mit Argusaugen beobachtet, mit dem eigenen Lebensfortschritt verglichen, auf Kompatibilität abgeklopft, dann mit Wohlwollen oder Liebesentzug bedacht. Eine andere Art von Fan kann jedoch auch penetranter Jasager sein, alles abnickend und hysterisch beklatschend, unreflektiert, demütig. Das gegensätzliche Extrem eben. Leider.

In den letzten Tagen habe ich mehrfach die Aussage gehört, dass die neuen Tracks der britischen Band Editors bestens dazu angetan sind, das Fantum umgehend einzustellen. Wie sich also schon bei der letzten Platte In This Light and on This Evening angedeutet hat, ist der Hype um die Editors vorbei. Das brandneue Album The Weight of Your Love wird nun endgültig zur Scheußlichkeit hochgejazzt. Es wurde auch Zeit! Denn eine nicht geringe Anzahl von vermeintlichen Fans grapscht sich eine vielversprechende junge Band, lange bevor die Spatzen den Erfolg von den Dächer pfeiffen. Sie lieben den neuen, noch relativ unbekannten Scheiß. Einige der Anhänger der ersten Stunde erklären die Band bereits für beerdigt, sobald die Band dann Chartserfolge in der Tasche hat. Die Psychologie hinter solch Verhalten lässt sich zweifach erklären. Einerseits wollen sich solche Fans nicht auf das Niveau einer breiteren Masse begeben, den eigenen Geschmack elitär halten. Andererseits ist auch Missgunst ein Motiv. Wenn die Band endlich gutes Geld verdient, macht sich Eifersucht breit. Andere Anhänger wiederum verlassen das Schiff, ehe es zu kentern vermag. Sie gleichen Ehemännern, die ihre Gattinnen beim ersten Anzeichen des Verwelkens verlassen, gegen jüngere Frauen eintauschen. Treue ist ihre Sache nicht.

Doch verdienen die Editors für The Weight of Your Love nun eigentlich Schimpf und Schande? Nicht die Bohne. Wäre diese Platte ihr Debüt, Musikjournalisten und Blogger würden vor Begeisterung ejakulieren, vorzeitig sogar. Es wäre überlebensgroßes Monument der Verehrung. Schon der Opener The Weight und das nachfolgende Sugar zeigen Sänger Tom Smith ausdrucksstark, manifestieren eine Verlustangst, entreißen der Liebe die Süße, erzeugen Beklemmung. Bereits von Anfang an wird deutlich, dass sie die Indie-Bühne verlassen haben und nun bei den ganz Großen mitspielen. Die Platte ist hochseriöser, epochaler, majestätischer Mainstream, nicht einfach nur für Hipster, Geeks, Blogger oder Gesocks gemacht. Sie will Massen erreichen, elektrisieren und faszinieren. Nirgendwo wird dies deutlicher als bei A Ton Of Love, dem wohl eigentlichen Stein des Anstoßes. Der Track beginnt mit der Energie eines Songs von Springsteen, biegt dann in Richtung U2 ab. Das sind Fußstapfen, in die man erst einmal treten muss. Aber diese hymnische Allmacht steht den Editors gut. What Is This Thing Called Love erweist sich als pompöse Ballade, in der Smith vor hohen, reinen Tönen nicht zurückschreckt. Mehr Seele geht nicht. Es ist die Art von Schmachtfetzen, für welche die Charts einmal zurecht gemacht wurden. Honesty betört mit von großem Gestus beseeltem, mitschunkelbarem Achtziger-Pop. Edel! Nothing dagegen lässt sich auf einem Bett aus Streichern nieder, zugegeben, solch Ergriffenheit mag nicht jedermanns Sache sein. Und doch darf gesagt werden, dass die Band nun erst richtig die Puppen tanzen lässt. Formaldehyde etwa ist schon jetzt ein Klassiker, nicht mehr, nicht weniger. Hyena zeigt sich als einer der wenigen Tracks, bei dem sich die Band weniger hoch strecken muss. Er hätte auch auf einem früheren Album Unterschlupf finden können. Two Hearted Spider ist das heimliche Herzstück von The Weight of Your Love, es offenbart die Editors ganz und gar. Abgründigkeit, Schmerz, Smiths charakteristisches Organ, man geht darin auf – wenn man nur will. Ähnliches gilt – in marginal abgeschwächter Form – für The Phone Book. So ein Song, so ein cleveres Gitarrenriff lässt andere Heroen von der Insel, namentlich Coldplay, wie talentfreie Angeber aussehen. Das zurückhaltendere Bird Of Prey darf man als würdigen Ausklang der Scheibe betrachten.

Die Editors haben das Indie aus ihrer Musik getilgt, Musik für das Stadionrund geschaffen. Diesen Schritt darf man wagen, wenn man das Format dazu hat. Die Editors sind reif dafür und können getrost auf diejenigen Fans pfeifen, die Musik als elitären Schnickschnack verstehen und diese Entwicklung nicht mitgehen wollen. Denn Mainstream ist eben nicht zwangsläufig Ballermann-Schlager oder Beyoncé-Geträller. Das werden manch Fans oder Kritiker leider nie begreifen.

theweightofyourlove

The Weight of Your Love ist am 28.06.2013 auf PIAS erschienen.

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SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Fanpsychologie am Beispiel der Editors

  1. Was soll den das bitte? Die Deppen von White Tape schreiben was von Indie-Polizei und ihr fangt mit Fan-Psychologie an? Psychologie? Eifersucht? Das Album ist nicht für Hipster, Geeks, Blogger oder Gesocks (!!!) gemacht? Ach? Da kann sich also eine Band musikalisch um 180 Grad drehen und wer das dann Scheiße findet ist ein Idiot? Ich dachte bisher immer für Musik gibt es nur ein entscheidenes Kriterium. Sie muß gefallen oder eben nicht. Und die Musik von Editors auf ihrem neuen Album gefällt mir JETZT nicht eben nicht. Ich mag es nicht hören. So einfach ist das. Ich muß ja wohl auch nicht jedes Buch eines Autors gut finden. Und ich käme sicherlich auch nicht auf die Idee alle Kritiker für unzurechnungsfähig zu erklären. Beispielsweise hat das Nichtgefallen ganz und gar nichts mit etwaigen Charterfolgen zu tun. Diese stellen sich (Ausnahmen bestätigen die Regeln) erfahrungsgemäß beim Fehlen jeglicher Ecken und Kanten fast wie von selbst ein. Und ich beispielsweise mag Ecken und Kanten. Editors sind nach meiner unmaßgeblichen Meinung nicht mehr und nicht weniger als eine von Millionen Bands auf diesen Planeten.Einen Anspruch das sie Jeder für immer gutzufinden hat haben sie wie ihre Kollegen aber auch nicht.

  2. Man muss eine Platte nicht mögen. Wenn allerdings ein kollektiver Abgesang auf eine Platte erfolgt, kann man durchaus Gründe dafür vermuten. Die im Einzelfall zutreffen – oder auch nicht. Wir sind zu sehr soziale Wesen, um uns in der Rezeption nicht von generellen Stimmungen beeinflussen zu lassen. Nur so entstehen Hypes. Ich habe ja vor allem die kritisiert, die sich als Fan einer Band betrachten, oder als Musikjournalisten selbige hochgeschrieben haben. Nun empören sich viele, dass der Weg, den die Editors eingeschlagen haben, so nicht abgemacht war. Und ziehen deshalb ordentlich vom Leder. Da kam man durchaus nach dem Warum fragen. Und jetzt sag mir nicht, dass es nicht Geschmacksfanatiker gibt, die sich durch Hörgewohnheit ganz bewusst von der Masse abgrenzen wollen, einer Band die Gefolgschaft aufkündigen, sobald sich der Erfolg einstellt. Oder vermeintliche Fans, die mit der immer gleichen Leier sauertöpfisch verkünden, dass früher alles besser war.

    Warum du dich hier angesprochen fühlst, verstehe ich nicht.

  3. Danke für die „freundliche“ Erwähnung, Peter 😉

    Wir sprachen von der Indie-Polizei, weil z.B. die Spex das Album zerrissen hat und man dem Autoren anmerkte, dass er das nun schlecht finden möchte, weil Editors ab sofort uncool sind. Nur eines der Beispiele, bei dem sich die Spex als Indie-Polizei und Organ für Hipster offenbarte.

    Eigentlich ist es aber, wie du es sagst, man darf ein Album gut oder auch scheiße finden, es kommt nur auf den eigenen Geschmack an und darauf. Und man darf ein Album gerne auch kritisieren und schlecht rezensieren, nur sollte man dafür dann auch nachvollziehbare Gründe bringen. Das hast du getan, die „Indie-Polizei“ jedoch nicht 😉

  4. Na gut, dann nehme ich die freundliche Erwähnung wieder zurück. Obwohl, den Beitrag der ansonsten so mega-hippen Spex fand ich so schlimm nicht.

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