Hybris der Jugend, Kind ihrer Zeit – Laura Marling

Am Anfang des Albums Once I Was An Eagle wird man schmerzlich daran erinnert, dass sogar ein Wunderkind in seinem Verlangen scheitern kann, einen auf Joni Mitchell zu machen. Sich die größte Singer-Songwriterin aller Zeiten als Vorbild zu nehmen, ihr in vielen Nuancen sehr nahezukommen, solch Unterfangen ist prinzipiell eine lobenswerte Geschichte. Wäre da nicht die Fallhöhe, der Hybris der Jugend geschuldet. Die Britin Laura Marling ist mit ihren 23 Lenzen – und dieser Erkenntnis muss man sich stellen – schlichtweg zu jung, um jene Intensität des Storytellings zu erreichen beziehungsweise dauerhaft zu leisten. Eine Joni Mitchell erlangte den Zenit erst in ihren Dreißigern, Marling hat also noch Zeit, darf sich noch ausprobieren. Vor allem wenn sie weiterhin alle anderhalb Jahre eine Platte rauspfeffert. Once I Was An Eagle bleibt derweil als respektabler Versuch im Gedächtnis haften, von der Folk-Prinzessin zur poetischen Grande Dame zu mutieren.

Laura Marling 5

Marlings Miniaturen lassen Liebe zur Beschwerlichkeit verkommen. Sie unterfüttert ihr lyrisches Ich mit Altersweisheit, Resignation, der welken Lust am Laster. Es hat etwas von einer postkoitalen Frustration, wenn nach dem Vergnügen alles nur mühsam, kompliziert und banal erscheint. Marlings Figuren leiden an einer Idiosynkrasie, der man kaum Sympathien entgegenbringt. Sie sind vorwiegend sperrig, unendlich um die eigene Befindlichkeit kreisend, nach Eremitentum strebend. So ist die Musikerin letztlich auch Kind ihrer Zeit, wenngleich ihre Lieder dies nicht preisgeben wollen. Wo eine Joni Mitchell vor Empathie strotzt, wirkt Marling abgehoben, ihr Wesen nicht greifbar, an der Grenze zum Misanthropendasein vegetierend. Wo Mitchells Songs auf Reisen gehen, versteckt sich die Britin in einem Elfenbeinturm. Man möge mich nicht falsch verstehen, Once I Was An Eagle ist eine spannende Platte, ein Werk, welches nach den Sternen greift, aber letztlich auch zu Sternenstaub zerfällt.


Laura Marling – When Brave Bird Saved on MUZU.TV.

Wenn man dieses Album mit den genannten Einschränkungen annimmt, wird man es durchaus wertschätzen mögen. Das meine ich keinesfalls als vergiftetes Lob. Denn Marlings Potential wird bei Take The Night Off deutlich, das in seiner Phrasierung, Stimmung und Text eine gelungene Hommage an Mitchell darstellt. Wie überhaupt das erste ineinander verschränkte Drittel der Platte die stärksten Momente aufweist. Das gilt auch für den Track I Was An Eagle, bei dem sie den Vorsatz „I will not be a victim of romance“ mit dem Bild „I was a an eagle and you were a dove/When we were in love/ If we were/ When we were in love/ You were a dove and I rose above you and preyed“ einlöst. In solch Augenblicken nähert sich Marling der wissenden, sinnierenden Wärme in Mitchells Ausdruck an. Auch das ins Chanson gehende You Know zählt zu den Highlights, mit dem anschließenden Breathe setzt dagegen Marlings blasierte Flatterhaftigkeit ein („How cruel I was to/ How cruel things I do/ When you wake you’ll know I’m gone/ Where I’m going there’s no one/ So don’t follow me„). Mit Master Hunter wird dann kurz in Bob Dylans Haut geschlüpft. Es ist der vorletzte absolut überzeugende Song dieses Albums. Danach ergeht sich Marling in Entscheidungsschwäche (Little Love Caster), gibt bei Devil’s Resting Place die trotzige Femme fatale („Any man who can hold my gaze/ Has done his job just fine/ You just sold your life away/ To be with me tonight„). Nach diesen eher unsouveränen Songs gewinnt sie mit dem mythenschwangeren Folk von Undine ihre Contenance ein bisschen zurück, ehe das vor Südstaatensoul strotzende Where Can I Go? wieder alles zunichtemacht. Was wollen mir die Zeilen „She’s just a sweet thing with a curl/ Just about a woman with her clothes on/ You take them off and she’s a girl“ sagen? Once schielt in Richtung Country-Ballade, fängt aber hauptsächlich im Refrain Stimmung ein, während Pray For Me das Motiv der selbstgewünschten Einsamkeit einmal zu oft aufgreift und endlos ausbreitet. Spätestens hier wünscht man sie ein baldiges Ende der Scheibe, doch noch kennt die Britin keine Gnade, auch nicht mit sich. Das ist auch gut so, denn When Were You Happy? (And How Long Has That Been) hat die besten Lyrics von Once I Was An Eagle zu bieten: „We are looking for answers/ Where no answer can be found/ Or is that a concern of mine?/ Because I have the time/ To question my ground„. Hier zeigt sich Reife, in der ruhigen Kraft des Vortrags, in der sachten Reflexion. All diese hat keinen Bestand, wie Little Bird oder Saved These Words belegen. Wenn Marlings lyrisches Ich in letzterem Song darüber nachdenkt, irgendjemanden irgendwann als Liebsten zu wählen, dann wird das Grundproblem der Platte deutlich. Marling erschöpft sich in einem Davor und Danach von Beziehungen, Fluch und Segen von Liebe kann sie (zumindest noch) nicht abbilden.


Laura Marling – Master Hunter on MUZU.TV.

Wenn ich vorher davon gesprochen habe, dass Laura Marling ein Kind ihrer Zeit ist, dann auch weil die von ihr thematisierte Liebesfähigkeit sehr egozentrisch ausfällt. Vielleicht ist dies ein Merkmal unserer Tage, das unendliche Kreisen um das eigene Selbst, das befremdliche Du und spröde Wir. Unter diesem Gesichtspunkt ist die Britin Chronistin unserer Zeit, ihr Tun und ihr Erfolg kein Zufall. Mögllicherweise hat Once I Was An Eagle auch dadurch das Potential, den Zeitgeist dieser, unserer Gegenwart dauerhaft und stilvoll einzufangen. Eine Mitchell jedoch ist Marling (noch) nicht.

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Once I Was An Eagle ist am 24.05.2013 auf Virgin erschienen.

Links:

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