Kein Rückzug aufs Altenteil – Beady Eye

Oasis haben immer und stets an einem Minderwertigkeitskomplex gelitten. Die Gebrüder Gallagher konnten es selbst am Höhepunkt des Erfolges nicht verwinden, dass nicht sie die Musik erfunden haben und es Jahrzehnte zuvor bereits eine Band namens The Beatles gegeben hat. Aus dieser Mulmigkeit heraus mussten sich Oasis immer größer als das Leben geben, Gigantomanie mit flegelhafter Rockstarattitüde unterstreichen. Im Rückblick blieb daher oft der Eindruck hängen, dass die Gallaghers in ihrer kranken zwischenbrüderlichen Chemie eher legitime Erben von The Three Stooges waren, sich nur ab und an nebenberuflich als Beatles-Epigonen betätigten. Derart haben es sich Oasis über kurz oder lang mit Presse, Fans und der ganzen Welt verscherzt. Ihr mit Methode vorgebrachter Wahn hat den Fokus von ihren Songs genommen. Dabei haben Oasis Lieder aufgenommen, die in ihrer Genialität keinen Vergleich scheuen müssen. Keinen. Nun sind Oasis (vorerst) Geschichte und Liam Gallagher versucht mit seiner Band Beady Eye einen neuen Mythos zu kreieren. Sein Album BE verkennt somit einmal mehr Realitäten – und wird vielleicht deshalb auch verkannt.

Seien wir einmal ehrlich, Liam Gallagher hätte sich aufs Altenteil zurückziehen können. Und in 10 Jahren dann vielleicht aus Jux und Tollerei Oasis wiederaufleben lassen mögen. Stattdessen hat er mit seinen Mitstreiter von Oasis, Gem Archer und Andy Bell, eine neue Band aus der Taufe gehoben. Und das erste Album Different Gear, Still Speeding barg tatsächlich feine Momente, wenngleich Kritik und Publikum diese ignorierten. BE möchte nun alles besser machen, etabliert endgültig eine neue Über-Figur, die Beatles sind nicht länger der Mühlstein am Hals, Gallaghers Emanzipation von seinem älteren Bruder soll sich nun endgültig musikalisch materialisieren. So gerät das neue Werk also zunächst zu einer von Archer und Bell tatkräftig unterstützten Selbsttherapie. Mit Dave Sitek wurde ein sehr respektabler Produzent engagiert. Die Beweggründe mögen also noch immer problematisch sein, das Resultat freilich zeigt einmal mehr, dass Liam Gallagher mehr als nur Beiwerk des genialen Noel war und ist. BE will mehr Verve als das Vorgängerwerk vorweisen. Letztlich ist es aber nur marginal anders. Es ist etwas in den Gallagherschen Genen, vielleicht auch nur der Sozialisation geschuldet, dass Liam auf ewig einem von Lennon inspirierten Songwriting nachhängt. Wenn diese Obsession dabei Songs wie die auf BE hervorbringt, spricht gar nichts dagegen. Wäre da nicht Liams Wunsch nach Lichtgestaltigkeit…

Wer einen perfekt produzierten und unverwüstlichen Sound liebt, wird BE zu schätzen wissen. Schon mit Flick Of The Finger wird ein bläserschwerer, rabaukiger Track geschaffen, der jedwede Großkotzigkeit in Musik umwandelt, sich zu einem bedeutungsschwangeren „The future gets written today“ aufplustert. Zurecht. In diesem Moment ist Gallagher der Rockgott, der er stets sein möchte, und merkt es selbst gar nicht. Das macht ihn zu einer tragischen wie unverdrossenen Figur. Denn nach starkem Beginn macht er weiter, – und siehe da! – Face The Crowd fällt in seiner rockigen Dynamik keinen Deut schlechter aus. Das durchaus raffinierte Second Bite Of The Apple fügt sich ins Bild ein und zeigt zugleich, warum Beady Eye doch unglaublich old school sind. „Shake my tree, where’s the apple for me?/ Tickle my feet with the NME“ heißt es da. Mit einer Musikzeitung die Füße kitzeln? Willkommen in den Neunzigern! Eher schon in den Sechzigern findet sich der Mitgrölrefrain von Iz Rite wieder. „When you call my name/ It takes away my pain/ Til only love remains“ trägt eine sonnige Hoffnung in sich, wirkt wie ein nettes Beschwörungsmantra aus einer Hippie-Kommune. Die eine oder andere chemische Substanz rettet sich auch nach I’m Just Saying, wenn Liam ein beschwingtes „I’m feeling fine/ This is my time to shine“ entspannt verkündet. Alle Verbissenheit wirkt wie weggeblasen. Das nachfolgende Don’t Brother Me zeigt freilich wieder den alten Gallagher, der seinem Bruder ein Friedensangebot macht – natürlich nicht ohne zuvor nochmals auszuteilen. Auf ein „I’m sick of all your lying/ Scheming and your crying“ folgt „Come on now, give peace a chance/ Take my hand, be a man„. Der längste Track des Album spielt also auf den Bruderzwist an, gibt sich zu sehr mit Gott, Noel und der Welt im Reinen. Man kann das Grinsen einfach nicht unterdrücken, sieht vor dem geistigen Auge, wie ein zufriedener Schelm Liam im Studio während der Aufnahme feixt. Der Rhythmus von Shine A Light funktioniert in hochgradig ansteckender Form, es fiept und brummt, irrlichtert psychedelisch. Bei den Tracks, in welchen Liam niemanden etwas beweisen will, fühlt man eine spezielle Faszination, eine Gelöstheit, die dem Album verdammt gut zu Gesicht steht. Und darum sollte man den letzten, im Verlauf triumphal anschwellenden Song des Albums durchaus als Versprechen verstehen: Start Anew.

Was soll man als Fazit vermerken? Vermutlich den Umstand, dass sich Liam oft selbst im Wege steht, immer schon, nicht erst seit der Gründung von Beady Eye. Dies hat ihn jedoch nicht daran gehindert, mit BE ein wirklich gelungenes Album zu fabrizieren. Welchen Anteil Archer und Bell daran haben, vermag ich nicht zu beurteilen. Es würde mich nicht aber wundern, wenn es ihr Verdienst ist, dass Liam Gallagher dieses Projekt auch in Zukunft nicht an die Wand fährt.

be_cover

BE ist am 07.06.2013 auf Columbia erschienen.

Konzerttermine:

02.07.2013 Berlin – C-Club
03.07.2013 Hamburg – Uebel & Gefährlich
05.07.2013 München – Backstage Werk
22.08.2013 Köln – Gloria

Links:

Offizielle Homepage

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