Knabbern an der eigenen Existenz – Ian Fisher & The Present

Folk ist eine erdige, bescheidene, unglaublich ehrliche Musikrichtung, die ohne Pomp und Glitter viel von der Essenz von Musik transportiert. Folk erweist sich als Erwachsenenmusik, die keinen Tittenbonus braucht, um einen Reiz zu setzen. Er ist traditionelle Arme-Leute-Musik, bezieht seine Geschichten aus dem Alltag, hat ein Herz für das Scheitern. Ian Fisher & The Present geben diesem Genre ein sehr vorzeigbares Gesicht. Das selbstbetitelte Album präsentiert 9 schnörkellose Folksong für Puristen, die Musik ohne Klad­de­ra­datsch präferieren. Fishers Lyrics zeigen Seelen, die ihren Platz in der Welt verloren und an der eigene Existenz zu knabbern haben. Und dennoch nicht Rotz und Wasser heulen.

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Photo Credit: Jarred Gastreich

Bereits der Opener Change Of Heart führt uns tief in die Verunsicherung. „Try believing in something again/ Try to revive a hope I lost/ Or just go on living oblivious“ heißt es da. Dies kristallisiert sich als Grundmotiv dieses Albums heraus, wird im nachfolgenden Why Do I Go? noch präzisiert. „How little things remain around me/ How little of me remains/ The great big things I once believed/ Now mean little to nothing“ bringt Fisher die Bredouille des lyrisches Egos auf den Punkt, verdeutlicht die Lethargie der Frustration und Verwirrung. „If today were just tomorrow/ Things might be just fine/ But I’ve said those words to myself/ One too many times/ That I know that it’s a lie“ vertröstet wider besseren Wissens auf ein vermeintlich sonnigeres Morgen. Es ist eine lakonische, traurige Grundsätzlichkeit, die diesem Folk fragend aus der Seele spricht. Mit Regret fügt sich ein weiterer Aspekt dieses Seins ins Bild ein, nämlich dass der Stachel allen Zweifels auch die Befähigung zur Liebe zerstört. Zeilen wie „Only skin, only skin you are to me/ Waiting for it to turn into something/ More than skin and a regret in the morning/ And a way to get without ever giving“ belegen dies. All die dargelegten Sentimente lassen eher auf einen Zustand der Geschundenheit und Weltferne schließen, nicht jedoch auf einen verderbten Charakter. A Year And A Little Change unterstreicht all die Reflexe, die in einem desperaten Denken bestens funktionieren. Das Ende einer Beziehung wird dazu verwendet, die Geschichte der Beziehung umzuschreiben, ihre Bedeutung zu entwerten, voll Trotz zu sein („Yeah there are a few things I miss/ But it ain’t nothing I can’t get/ From some other chick„). Deratiges mutet nicht wirklich erbaulich an, zutiefst menschlich jedoch wirkt es allemal. Und solch schonungslose, ungekünstelte Menschlichkeit ist einer der Trümpfe der Folkmusik. Das Genre lebt vom Außenseitertum, romantisiert es jedoch eher selten. Autobiographies besticht als stärkster Track von Ian Fisher & The Present, er behandelt den Abschnitt eines Lebens, welcher lieber ungeschrieben bleiben wollte. Autobiographies sehnt eine versunkene Vergangenheit herbei, bezieht daraus die Kraft für den Aufbruch in ein Morgen. „I’m gonna pack the car and/ Leave while it’s still dark/ And watch the dawn break/ In green and blue/ Over blurred, sleeping cities/ That I pass through“ fächert das stärkste, hoffnungsvollste Bild der Platte auf. Folk pflegt die suchende, klagende Seele, erlaubt sich aber eben auch, in dunker Tristesse noch ein kleines Lagerfeuer zu entzünden. Schimmer der Zuversicht in harten Zeiten, auch in diesem Werk.

Die reine Lehre von Folk wird heutzutage ja gerne mit Blümchen, salbungsvollen Klängen und Naivitität geschönt. Vielleicht sticht deshalb die Knorrigkeit dieses Albums ins Auge. Ian Fishers Vortrag ist ungemein authentisch, kommt ohne gesäuseltes Happy-End aus. Die Instrumentierung fokussiert sich auf Gitarrenbegleitung. Und mehr braucht es auch nicht. Ian Fisher & The Present ist ein feine, mitunter schwerverdauliche Platte gelungen. Das Leben ist ja selten leicht zu goutieren, warum also soll Musik nicht auch ein Grummeln in der Magengegend erzeugen?

ianfisher&thepresent_cover

Ian Fisher & The Present ist am 01.03.2013 auf Seayou Records erschienen.

Konzerttermine:

12.06.2013 Gera – Comma
13.06.2013 Freiburg – The Great Räng Teng Teng
14.06.2013 Tübingen – Café Haag
15.06.2013 München – hauskonzerte.com
17.06.2013 Wien (A) – Fluc

Links:

Offizielle Homepage

Ian Fisher auf Facebook

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