Stippvisite 20/06/2013 (Mehr Seele bitte!)

Was macht einen guten Musikblog aus? Ich habe unlängst über die Psyche des Bloggers gegrübelt, auch dafür pädiert, dass man es mit der Professionalisierung der Bloggerei nicht übertreiben soll. Das gilt natürlich auch für Musikblogs. Ich stolpere quasi täglich über mir unbekannte deutsche Musikblogs, erkunde sie mit Interesse. Manche hegen und pflegen den eigenen Musikgeschmack, andere wieder sind von einem Servicegedanken geprägt, indem sie im Minutentakt kostenlose Downloads oder brandneue Videos empfehlen, einige Blogs verstehen sich als journalistisches Angebot, rezensieren mit mehr oder weniger Unbestechlichkeit. Aber vielen Musikblogs fehlt die Seele, zumindest meiner Beobachtung nach. Ein Blog kann und soll sich den Luxus leisten, einen Blick hinter die Musik und Musikbegeisterung zu werfen, auch viel über den bloggenden Menschen verraten. Das nämlich ist der Trumpf der Bloggerei. Aber es existieren meines Erachtens nur wenige, die ein wirkliches eigenes Profil schärfen. Oftmals haben wir es mit sich unheimlich wichtig nehmenden studentischen Mittzwanzigern zu tun, die in ihrer jugendliche Narretei die eigene Limitation nicht wahrnehmen. Oder aber mit solchen Menschen, die als Kinder Tiere misshandelt haben und diesen Sadismus im Erwachsenenalter nun eben schriftlich ausleben. Welche Schreibe hat denn wirklich Esprit? Welcher Stil hebt sich vom 08/15 merklich ab? Wer macht sich noch wirklich Mühe, sucht und fahndet nach Talenten, verlässt sich nicht nur auf die Promomails im Postfach? Wie differenziert man musikalische Eindrücke, presst sie nicht einfach in ein Schulnotenkorsett? Wer lebt und fühlt Musik und schubladisiert sie nicht einfach nur? Blogger kann jeder. Ob Laie oder Profi, ob profitorientiert oder idealisitisch, ob laut oder leise, besonnen oder polemisch, vieles ist möglich, alles erlaubt. Aber was den Blogger letzlich vom Musikjournalisten trennt, ist doch der Umstand, dass hier hemmungslos die Privatperson hinter den Posts durchschimmern darf. Der Musikblog lebt von den Marotten und Eigenheiten des Betreibers. Er eifert keinen Magazinen nach, schreibt nicht nur Waschzettel ab, will über die Information hinausgehen, keine Objektivität vorgaukeln. Das klingt nun pathetisch, aber es ist letztlich das Alleinstellungsmerkmal. Wer danach handelt, wird aus der Musikbloggerei dauerhaft Zufriedenheit schöpfen. Denn letztlich sind es doch die Musikblogs mit Seele, die der Versuchung widerstehen, nach höheren Weihen zu streben. Gut so!

Antipodentipp:

Neuseeland liegt für uns Europäer auf der anderen Seite der Welt. Dennoch tönt ein neuseeländisches Electro-Pop-Duo soeben aus den Boxen meiner völlig hitzeverseuchten Berliner Wohnung. Das ist die Magie des Internets, die man durchaus ab und an noch bestaunen sollte. Die Black City Lights veröffentlichen im August ihr Album Another Life. Als erste kostenlose Single vermag der astrale, düstere Song Give It Up durchaus den Mund zu wässern. Bleibt zu hoffen, dass die gesamte Platte vor solch bizarrer Schönheit strotzt. Die Gratis-Mp3 ist über das obige SoundCloud-Widget oder alternativ bei Bandcamp verfügbar. (via Schallgrenzen)

Rückblicktipp:

Der sehr geschätzte Bloggerkollege Nico von Nicorola bricht seine Zelte in Berlin ab und zieht nach Österreich. Ein Schritt, den auch die werte Co-Bloggerin und ich in absehbarer Zeit ins Auge fassen. Auf Nicorola gibt es aus besagtem Anlass gerade einen mehrteiligen Rückblick, der all das einlöst, was ich zu Beginn von Musikbloggern gefordert habe: Man lernt nämlich den Menschen hinter dem Musikfan kennen, vermag Berlin als Stadt des Wandel zu begreifen. Das ist uneingeschränkt lesenswert, wie ich meine. Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5.

Retrogeschrammeltipp:

In dem Maße, in dem man sich als Ü30-Mensch von den schönen Flausen der Jugend verabschiedet, in diesem Maße verändert sich auch der Sprachgebrauch. Coole Wörter sind plötzlich gar nicht mehr angesagt. Man lässt den Bildungsbürger raushängen. Lediglich die ewigen Proleten dürfen auch mit Fünfzig noch ein Wort wie geil benutzen. Mitunter freilich sollte sich auch der gesetzte Mitdreißiger noch zu einem spontanen Ausruf der Bewunderung hinreißen lassen. Die kanadische Formation Hooded Fang mit ihrem windschiefen Retrogeschrammel treibt mir durchaus Freudenrufe auf die Lippen. Ich habe bereits die Vorgängerplatte Tosta Mista sehr genossen und hätte nun um ein Haar das neue Album Gravez ganz und gar verpennt. Das wäre schade gewesen, denn so ein lässiger Track wie Bye Bye Land ist – es muss raus – einfach geil! (via Exclaim!)

gravez_cover

Gravez ist am 31.05.2013 auf Full Time Hobby erschienen.

Sommertipp:

Wann, wenn nicht jetzt, böte es sich an, ein paar Worte über eine Band namens Summer Hours zu verlieren? Das US-Trio hat bereits im Februar das Album Closer Still veröffentlicht. Einer Besprechung auf PopMatters entnehme ich, dass die bereits seit einigen Jahren werkende Formation nach diesem Album aufhören möchte. Weil sich Lebensumstände geändert haben und sich mit ihrer Musik kein Geld verdienen lässt. Das ist das Schicksal, welches 99 Prozent der Indie-Bands ereilt. So traurig wie wahr. Dabei ist Closer Still ein charmantes, liebliches Indie-Pop-Rock-Album mit Hang zum Understatement. Besonders die erste Hälfte hat ein paar Highlights zu bieten. Etwa Blanks, das an eine Edie Brickell erinnert. Oder On My Own, welches von der Platte And Then Nothing Turned Itself Inside-Out beeinflusst scheint. Yo La Tengo waren nie besser als auf eben jener Platte. Das von kräftiger Gitarre getragene Georgia wiederum wirkt in puncto Gesang stilistisch an eine Liz Phair zu ihrer Blütezeit angelehnt. Darin wurzelt auch das Problem der Platte, dass sie immer Vergleich herausfordert, der nicht immer zugunsten von Summer Hours endet. Nichtsdestotrotz hat Closer Still zarte, träumerische Momente erster Güte zu bieten (Small Exchanges), die dies Werk durchaus zu einer Entdeckung machen. Denn auch wenn PopMatters der Sängerin Rachel Dannefer eine sirupige Stimme attestiert, so sei darauf hingewiesen, dass das ab und an mangelnde Charisma der Stimme durchaus mit sympathischem Songwriting austariert wird. Wer nach einer lieblichen Note des Sommers giert, ist mit diesem Album gut bedient. Es wäre bedauerlich, wenn es das letzte der Band wäre. (Das Album ist auf Bandcamp unter dem Motto „name your price“ erhältlich.)

Konzerttipp:

Ärgerliche Vögel kennt man ja, aber ein Terror Bird war mir bislang kein Begriff. Die kanadische Formation nimmt für sich in Anspruch Shadow Pop zu machen. Vielleicht ist damit der Schatten gemeint, welchen man wirft, wenn man sich unter ein Neonleuchte befindet. Das Album All This Time taucht jedenfalls tief in den Glitzer und das Dunkel der Achtziger ein. Das ist spannend und gut und dieser Tage auf live zu bewundern. Auf Coast Is Clear gibt es für das Konzert in Bielefeld sogar Karten zu gewinnen.

Konzerttermine:
21.06.2013 Köln – King Georg
22.06.2013 Frankfurt – Klapperfeld
23.06.2013 Bielefeld – Bunker Ulmenwall

SomeVapourTrails

3 Gedanken zu „Stippvisite 20/06/2013 (Mehr Seele bitte!)

  1. Jeder Text verrät etwas über den Schreiberling, auch wenn er nicht seine gesamte Lebensgeschichte erzählt! 😉 Man entwickelt schon ein Gefühl dafür, was für ein Mensch dahinterstecken könnte!

    Musikblogger, die lediglich ein Video einstellen und einen Satz dazu schreiben, die lese ich nicht. Das ist mir viel zu öde. Da macht es sich jemand sehr einfach. Man muss ja keine Romane schreiben, aber sich zumindest fünf, sechs Sätze abringen, warum man diesen Track gut findet, ist doch nicht zu viel verlangt.

  2. Ach gucke mal da. Auch ich habe die Beiträge von Nico mit Interesse gelesen. Und auch ich vermisse oft den kleinen aber feinrn Unterschied zwischen einem Blog like a Magazine und einrm eher persönlichen Dingens. Erstes interessiert mich rein Null, letzteres gibt es zu selten. Und ihr wollt auch dem wunderbaren Berlin den Rücken kehren, womöglich ins Provenzielle? Landluft und so?

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