Auf, auf in die Plattensammlungen dieses Landes! – Almut Klotz & Reverend Dabeler

Frauen über 50 sind Kassengift. Im Fernsehen, im Film und natürlich auch in der Musik scheinen Frauen dieser Alterskategorie schlichtweg nicht gern gelitten. So selbstverständlich es für uns ist, Musik von Udo Lindenberg (67), Konstantin Wecker (66), Marius Müller-Westernhagen (64), Wolfgang Niedecken (62), Peter Maffay (63), Herbert Grönemeyer (57), Sven Regener (52), Campino (51) zu kaufen, so gibt es bei den Frauen – abgesehen von den Humpe-Schwestern und Nena – kaum Musikerinnen, denen Musikhörer voll Applaus um den Hals fallen. Frauen sollen gefälligst faltenfrei auf der Bühne stehen. Alte Schabracken, nein danke! Wenn ich mir jedoch das Album Lass die Lady rein von Almut Klotz & Reverend Dabeler so anhöre, dann spricht viel dafür, die Musik vieler Hipstergören einfach in die Tonne zu treten und diese Platte auf Dauerrotation zu setzen. Almut Klotz hat sich in den Neunzigern als Mitglied der Lassie Singers durchaus einen Namen gemacht. Ich war nie ein großer Fan der Band, ich habe auch das vor wenigen Jahren so hochgelobte Album Songs of L. and Hate von Christiane Rösinger, der anderen Ikone der Lassie Singers, nicht besonders gemocht. Lass die Lady rein dagegen ist ein ganz wunderbares Werk, dem ich große Anerkennung gönnen würde, weil Klotz als Vertreterin der Ü50-Fraktion hier wahrlich nicht auf dem Krückstock dahinsiecht.

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Photo Credit: Robin Hinsch

Lass die Lady rein ist ein abgeklärtes, lakonisches Album mit Pep, das Augenzwinkern und Emotion fein austariert. Coverversion prägen die Platte mit. Da wäre zunächst einmal Oh, wann kommst Du?, im Original von Daliah Lavi gesungen. Es ist eine Version, die auf gewisse Art auch das Original rehabilitiert. Man hat Lavi oft zu Unrecht als Schlagerinterpretin abgestempelt. Wie sich Klotz voll nachdenklicher Sehnsüchtigkeit in dieses Lied hineinsteigert, hat große Klasse. Tausendschön wiederum heißt ursprünglich Im Grunde und wurde von Jan Plewkas Band Zinoba dargeboten. Nun ist dies ein Lied, wo Klotz und Dabeler eigentlich keinen Blumentopf gewinnen können. Plewka ist ein überragender Sänger mit einzigartigem Sentiment in der Stimme. Aber das Duo macht aus diesem Stück ein Duett der Erkenntnis, wo Plewka noch Verbitterung versprüht. Auch die Eigenkompositionen können sich freilich sehen lassen. Mylord beispielsweise verrenkt sich voll schlaksigem Charme, kommt angeheitert vom Weg ab. Dieser klamaukige Track ist so verdammt radiotauglich! Königin dagegen erinnert in seiner Hinwendung zum Electro-Pop an 2raumwohnung. Auch hier darf man ruhig Bauklötze staunen! Der Bruch könnte stärker nicht ausfallen, das nachfolgende Tanzen nämlich ist ein altmodischer, mitreißender Rock-Feger. Geh in das Licht zählt ebenfalls zu den deftigen Nummern der Platte, vor allem der gospelhafte Refrain ist ein echter Ohrwurm („Geh in das Licht und verirre dich nicht dabei.“). Dabeler macht am Mikro eine sehr gute Figur, ist mehr als nur Lückenbüßer. Zwei Chansons beschließen die Platte. Zunächst das poppige Welt retten als ungewöhnliche Liebeserklärung  („Aber ich bin für dich da. Und wenn es hart wird, erinnere ich mich, dass die Beschissenheit der Dinge und die ganzen Hässlichkeiten ohne dich noch viel schlimmer sind. Und die ewig sich ereigenden Tage manchmal nur nur mit Streit und Unsinn erträglich werden.„), ehe Reverend Dabeler bei Rache + Gerechtigkeit über die Nachteile eines Lottogewinns philosophiert, wenn man dann von der Tippgemeinschaft auf einer Bootstour umgebracht wird. Diese lakonische Abrechnung mit der Gefährlichkeit des Lebens ist ein passender Ausklang eines umwerfenden, nuancenreichen Albums.

Wenn ich eingangs davon gesprochen habe, dass Frauen über 50 nicht ausreichend in den Plattensammlungen dieses Landes vertreten sind, dann liefert Almut Klotz mit Lass die Lady rein einen sehr stichhaltigen Grund, das schnellstmöglich zu ändern. Wer oberflächliches Girlietum verabscheut und lieber intelligente Erwachsenenmusik mit Pfiff erleben möchte, wird Almut Klotz & Reverend Dabeler lieben. Versprochen!

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Lass die Lady rein erscheint am 23.08.2013 auf Staatsakt.

SomeVapourTrails

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