Der Porno des Lebens besteht halt nicht aus zappeliger Girlie-Zuckerwatte – The Toten Crackhuren im Kofferraum

Wie bitter nötig war noch vor 30 Jahren jedweder Tabubruch, um eine verknöcherte Gesellschaft in die Moderne zu holen. Heutzutage wirken damals hochgradig wirkungsvolle Tabubrüche überwiegend albern. Man hat alles schon gesehen, vieles Geschmacklosigkeiten ertragen. Die Zeiten ändern sich freilich, neue Dogmen entstehen. Und damit sind auch neue Tabus zum Abschuss freigegeben. Die allgegenwärtige politische Korrektheit schreit förmlich danach. Doch mit provokantem Nonsens, wie er etwa vor 30 Jahren durch die NDW mitpropagiert wurde, lockt man heute niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Das sollten sich The Toten Crackhuren im Kofferraum auch hinter die Ohren schreiben. Gequirlte Scheiße möglichst aktionistisch vorzutragen, das verlangt jede Menge Talent – wie ein Helge Schneider seit Jahr und Tag beweist. Asoziales Gedudel mit verrotzer Punk-Attitüde dagegen ist so abgedroschen und langweilig, dass gegen die Crackhuren jede Scripted Reality auf RTL noch als Trashfeuerwerk angesehen werden kann. Das neue Album Mama, ich blute ist nicht etwa deshalb übel, weil es furchtbar schlecht wäre, sondern weil es um jeden Preis hundsmiserabel sein möchte und es einfach nicht gebacken bekommt.

The Toten Crackhuren im Kofferraum wären gerne die Sorte Trash, über die sich Leser des Boulevards tagelang hemmungslos und ohne Hirn und Verstand entrüsten können. Aber die Lieder der Formation sind derart plump gestrickt, dass sich höchstens Mitleid regt. Nehmen wir beispielsweise den Track Dreckige Wäsche. Hier wird also von hartnäckigen Flecken bedeckte Wäsche gewaschen, mit einem Waschmittel, welches nach Gosse riecht. Wie witzig. Das Potential des durchaus zweideutigen Titel wird keine Sekunde lang ausgeschöpft. Auch das Lied Du fehlst mir schafft es trotz eines hochkarätigen Gastes (Bela B.) nicht aus den Puschen zu kommen. Du fehlst mir eifert in seiner nervigen Bockigkeit fraglos Tic Tac Toe nach, hat aber keine Sekunde lang das schon legendäre Fremdschämpotential des simpel gestrickten Originals. Bela B. hätte den Damen von The Toten Crachhuren im Kofferraum sicher einige Ratschläge geben können, wie man sich über Jahrzehnte die Authentizität eines Bürgerschreckdaseins bewahrt. Aber sind Damen, die sich allen Ernstes Luise Fuckface, Kristeenager und Netja Triebeltäter nennen, tatsächlich zu fantasievoller Provokation imstande? Das der NDW nacheifernde Geniale Asoziale offenbart die Crux der Platte besonders deutlich: „Geniale Asoziale, so smart und arbeitsscheu./ Geniale Asoziale, wir haben immer frei.„. Arbeitsverweigerung wird bereits als geniale Lebenskünstlerei aufgefasst, da würde sich jeder gestandene Asoziale dagegen verwehren. Eine Saufhymne darf auf diesem kümmerlichen Album natürlich auch nicht fehlen. Wir werden nicht nüchtern taucht eine Nacht in ballermannesken Rausch, ohne dabei die Dekadenz mallorquinischer Abende zu erreichen. Dazu ist dieser Electro-Pop zu vergessenwert. Auch Verrückt bleiben, bitte versucht möglichst roh und verdorben zu sein: „Hosen runter, Hände hoch, wir stampfen uns die Füße rot. Crazy, crazy abgefahren, verrückt bleiben, bitte.„. Aber der Porno des Lebens besteht halt nicht aus zappeliger Girlie-Zuckerwatte. Auch musikalisches Tourette will gelernt sein. Nur ein einziges Mal sind die Hipster-Gören auf dem richtigen Dampfer. Im Hidden Track der Platte geht es zur Sache, wird Kindesmissbrauch mit dem Abzählreim „Eine kleine Mickey Maus zog sich ihr Höschen aus, zog sich wieder an und du bist dran.“ thematisiert. Wenn Papa den dicken Schlauch rausholt und alle nassspritzt, ist es das einzige Mal, dass die Band den Hörer tatsächlich übertölpelt, mit Widerwärtigkeit reüssiert. Aber auch hier sind The Toten Crackhuren im Kofferraum dann letztlich Hipster-Spießerinnen und verstecken das Lied am Ende des Albums.

mamaichblute

Ich hatte mir diese Jahr vorgenommen, sämtliche Alben der Teilnehmer am Bundesvision Song Contest 2013 anzuhören. Mit Mama, ich blute habe ich mir gleich eine spezielle Herausforderung ausgesucht. Und obwohl ich mich durchaus öfter mit musikalischem Bockmist befassen muss, bin ich im Falle von The Toten Crackhuren im Kofferraum doch ein wenig konsterniert. Die Band möchte gerne ein musikalisches Schreckgespenst sein und wirkt einfach nur gekünstelt, bemüht vulgär. Wenn ein als Geist verkleideter kleiner Knirps vor die Eltern trippelt und die Arme beschwörerisch hochstreckt, werden diese pflichtschuldigst Entsetzen vorgaukeln. Vielleicht empfiehlt sich diese Reaktion auch für den Hörer einer solchen Platte. Man will ja schließlich keine Crackhuren kränken, tote schon gleich gar nicht.

Mama, ich blute ist am 26.07.2013 auf Destiny Records erschienen.

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SomeVapourTrails

4 Gedanken zu „Der Porno des Lebens besteht halt nicht aus zappeliger Girlie-Zuckerwatte – The Toten Crackhuren im Kofferraum

  1. Man man man, seit es das Internet gibt, denkt auch jeder er muss seine Meinung jetzt frei äußern und sinnlos irgendwo hinposten. Dabei wird auch gleich mal der Versuch gestartet, ein wenig hochnäsig und abwertend zu schreiben, was aber ehrlich gesagt, voll nach hinten los geht.

    Ich hab mir diesen Beitrag nun durchgelesen und muss sagen, ich habe mich köstlich amüsiert. Also anders ausgedrückt, wenn die CD schon so schlecht sein soll wie sie jeder beschreibt, dann ist dieser Beitrag hier einfach ein Beitrag von vielen, der eigentlich auch nur in den Papierkorb gehört.

    Kurzum kann man eigentlich nur eines sagen: an alle die dieses Album zerreißen, macht es doch mal besser!!! Besonders ohne jemand der euch dabei mal locker Geld in den Arsch steckt.

    Ich kann die ganzen Meinungen von unbekannten, wildfremden Menschen – die scheinbar selbst noch nie was hinbekommen haben – einfach nicht mehr lesen.

  2. Manchmal muss man richtig miese Musik hören und auch auseinanderklamüsern, um gute Musik wieder schätzten zu können. Dafür, und nur dafür, taugt die Platte ausgezeichnet – und deshalb soll das Album nicht unerwähnt bleiben. Es gibt tatsächlich jeden Tag unzählige Musiker, die es besser machen. Dass Fans der Band mit dieser Kritik nichts anzufangen wissen, überrascht mich nicht wirklich. Wer in plumper Albernheit Witz – oder gar Satire – vermutet, ist ohnehin diskursresistent.

  3. „Der Porno des Lebens besteht halt nicht aus zappeliger Girlie-Zuckerwatte“ .. allein die sinnbefreite Überschrift legt den Verdacht nahe, dass hier jemand versucht, „gequirlte Scheiße möglichst aktionistisch vorzutragen“, eine Sache, bei der „jede Menge Talent“ hilft, aber nunmal nicht „verlangt“ wird.

    Bei der Wahrnehmnung der TCHIK helfen drei Dinge: die Loslösung von eigenen Erwartungshaltungen, von vermeintlichen Absichten der Künstler und – Humor (vgl. HGich.T oder auch Scooter).

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