Ein kleiner Kloß im Hals – John Vanderslice

Mitunter verstehe ich, wenn Max Musterhörer die Flinte ins Korn wirft. Man muss schon ein findiges Trüffelschwein sein, um im Wust an Veröffentlichungen die Schätze zu heben. Wir bekommen ja nicht unbedingt wenig Newsletter von Musiker, Labels, Promo-Firmen. Aber sogar bei dieser Fülle an Infos, taucht so manch interessante Platte schlichtweg nicht auf. So habe ich erst mit ein paar Wochen Verspätung wahrgenommen, dass der von mir sehr geschätzte Singer-Songwriter John Vanderslice ein neues Album veröffentlicht hat. Vanderslice ist ein Haudegen alter Schule, in der Vergangenheit immer wieder politisch pointiert, gerne auch provokant (etwa mit dem Titel Bill Gates Must Die). Sein jüngstes Album Dagger Beach dagegen gerät ungemein reflektiert, introspektiv in der Erkenntnis. Es tönt von den Melodien her weniger erhaben als beispielsweise Romanian Names von 2009, bezieht die Faszination aus anderen Quellen.

Wie auch schon bei früheren Aufnahmen zieht es Vanderslice in die Natur. („In the deep dark woods/ Alone with my fears/ Under the jackpine/ The sky was galvanized„) singt er auf Raw Wood. In dieser plastisch geschilderten Einsamkeit schwelgen die Songs in Erinnerung und Schmerz. Nur Harlequin Press fällt ein wenig aus der Rolle, erzählt eine Geschichte mit zynischer Pointe. Das lyrische Alter Ego des Songwriters lernt eine junge Frau kennen, die ein Buchmanuskript an einen Verlag senden möchte. Er brüstet sich mit Kontakten, reicht das Manuskript an einen befreundeten Lektor weiter. Nicht uneigennützig natürlich, denn er hat sich Knall auf Fall in die Autorin verliebt. Doch der Lektor weist das Manuskript zurück („My friend rejected it outright, not enough sex and too much talking„) und damit enden vorerst auch sämtliche Hoffnungen auf eine Liaison. Ein Jahr später jedoch steht die junge Frau mit einer neuen Fassung des Buches wieder vor seiner Tür: „She replaced the songbirds with pornographers/ The love scenes with brutal murders„. Vanderslice ist generell zu gutmütig, um sich in Sarkasmus und Misanthropie zu verkriechen. Er neigt auf dieser Platte zu einer brüchigen Zärtlichkeit, Verbitterungen sind die Ausnahme. How The West Was Won bietet den vielleicht gelungensten Abschiedsmoment des Albums („You asked me when’s the last time I stared into/ Your sharp black jeweled eyes/ Even then you knew we were through/ I didn’t know I didn’t know/ Then you got up to go„). Dagger Beach zeugt von Reminiszenzen, die erst vergegenwärtigt werden müssen, ehe man sie ad acta legen kann. Ein unbehaglicher Traum, den es auszuträumen gilt (Sleep It Off). Vielleicht auch deshalb wirkt die Platte im Verlauf textlich fragmentarisch, doch ist es die Musik, welche alles auffängt. Sleep It Off etwa ist stark von Marimba, Surdo, Shaker und Windspiel geprägt. Aus der Fülle jeder erdenklichen Percussion entsteht ein geradezu ritueller, peinvoller Rhythmus. Song for David Berman hingegen gönnt sich Streicher, Bläser und Keyboards, die die akustische Gitarre sacht umgarnen. Erschallt in dichtem und andächtig melancholiebeseeltem Sound. So mancher der Songs entwickelt eine zarte Hoffnung, wenn vertrackte Drums und effektgeladenes Keyboard den schwermütigen, zurückgenommenen Gesang aufrichten (Damage Control). Der Sound von Dagger Beach ist bis ins Detail ausgetüftelt, spielt eine unpathetische Trauer in den Vordergrund. „In the last known photograph/ Of you and me sprawled on the grass/ You looked off frame/ You were through with this stupid play“ gewährt einen letzten Einblick in eine angeschlagene Gefühlswelt, North Coast Rep gerät zu einem offenen Ende, das keine plötzliche Heilung vom Trennungsschmerz anbietet. Auch darum bleibt mir als Hörer ein kleiner Kloß im Hals zurück.

Wir erwarten uns von Musik auch eine gewisse Auflösung. Dass sie Schmerz skizziert und ihn letztlich überwindet, alternativ an ihm ganz und gar zugrunde geht. Weil Dagger Beach im Verlauf kaum einen Stimmungswandel anzubieten hat, wird dieses Album wohl einige Hörer ratlos zurücklassen. John Vanderslice vermag uns das Mysterium von Liebeskummer nicht aufzudröseln, Weh und Würde des geplagten Indiviums kann er zweifelsohne beeindruckend vermitteln. An der Qualität wahrhaftigen Empfindens sollte man deshalb auch nicht rütteln. Dagger Beach ist eine kleine, feine Trüffel im Morast der Neuerscheinungen. Man sollte es ausbuddeln!

daggerbeach

Dagger Beach ist am 14.06.2013 erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

John Vanderslice auf Facebook

Kostenloser Download von How The West Was Won auf KEXP

SomeVapourTrails

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