Eine Idee jagt die nächste und alle sind aus Gold – Human Pyramids

Die wahren Abenteuer sind im Kopf und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo.“ sang einst André Heller. Und ich glaube fest daran, dass der werte Herr hier nicht irrt. Damit jedoch überbordende, entfesselte Imagionation erreicht wird, sollte man auf Sprache verzichten. Sprache ist ein Verständnisfilter, der die Fantasie einengt, in gewisse Bahnen lenkt. Wohl auch deshalb gerät Instrumentalmusik zum großen Geschenk an jedwede Vorstellungskraft. Man lauscht, während sich vor dem geistigen Auge die tollsten Purzelbäume abspielen. Denn hier entstehen Abenteuer, Freudenfeuer, Ungeheuer, die bunt, bizarr oder begehrlich ausfallen können. Als besonders farbenfroh, Wonne für jedwedes Einbildungsvermögen, sticht das Album Planet Shhh! hervor. Hinter dem Projektnamen Human Pyramids verbirgt sich der Multiinstrumentalist Paul Russell, dem mit dieser Platte ein großer Wurf gelungen ist. Durchwoben von einer freudvollen Launigkeit ist diese Mischkulanz aus Post-Rock, Math-Rock und Electronica und Kammermusik ein schlichtweg überwältigender, sonnenerfüllter Traum, den es mit Bildern zu dekorieren gilt. A Closter Listen bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt: „You’ll begin to understand this album’s pedigree: barbecues and beach balls, carnivals and calliopes, fireworks and holiday parades. Planet Shhh! sounds like a world on vacation, a wide-open summer stuffed with possibility and hope.„.

Planet Shhh! ist eine Aneinanderballung von Glückshormonen, Esktase in Reinkultur, frenetischer Lebendigkeit. Leinwand für das eigene Märchen eines Sommers. Dieser Musik sachlich zu begegnen, fällt schwer. Dazu ist sie zu freudvoll, geradezu im Taumel. Zwölf Tracks lang, pausenloses Wunder, verspielter Schnörkel. Eigentlich ist bereits mit dem Eröffnungstitel Tall Tales alles gut. Man fühlt sich an die hymnischen Momente von Sigur Rós, an eine aufbrausende Verklärung voller Wohlbehagen erinnert. Und dies ist gar erst der Anfang. The Bubble zeigt zunächst etwas von der frickeligen Verträumtheit der frühen múm, ehe das federleichte, quirlige Stück plötzlich von einer deftige Gitarre heimgesucht wird, mit einem Mal voll im Saft steht, unter flirrenden Klängen gen Post-Rock-Sonnenuntergang galoppiert. Cafe Hawelka, benannt nach dem legendären Kaffeehaus in Wien, schunkelt sich auf, wirkt fast so, als hätte sich Russell Beirut an den Tisch geholt. Das folgende Alphabet City ist dreiteilig aufgebaut, einem wunderbar melodischen, zugleich hektischen Teil folgt ein kontemplatives Ambient-Intermezzo, ehe schließlich das zärtliche Gefühl von Erhabenheit keimt. Es ist vielleicht das heimliche Meisterstück des Album, doch könnte man dies gut von allen Tracks behaupten. So auch von Relapse, wo ein jubilierender Chor von einem zackigen Rhythmus vereinnahmt wird, bevor auch hier der Bruch erfolgt, eine kurze Prog-Rock-Sause steigt, nur um den fast wie auf Drogen wirkenden Choral wieder die Bühne zu überlassen. Nach der gelungenen Fingerübung Skimming Stones entwickelt sich das zunächst von einem schelmischen Glockenspiel getragene Singing Sands zu einem flotten Triumphzug, der mit göttlichen Bläserfanfaren endet. So muss Musik sein, die einem ein Grinsen auf die Visage zaubert! An Duvet Day beeindruckt einmal mehr die Stückwerkigkeit, eine Idee jagt die nächste und alle sind aus Gold. Tinfoil Stars vermag die Faszination des Album auf knapp zweieinhalb Minuten besonders offenzulegen. Wie einer Schicht schrillender Post-Rock-Gitarren noch ein fingerdicker Belag Bläserkrümel draufgeschmiert wird, gerät beeindruckend. Port Charlotte dagegen ist eine süffige Melancholie, Idyll der Verzückung, zelebrierte Seligkeit, die im nachfolgenden A Town Called Malaise von ungeahnt lärmiger Aggressivitiät konterkariert wird. Der Track reißt alle Mauern ein, ficht die Party an. Man läuft gegen eine betonharte Klangmauer, torkelt sirenenumwölkt. Und während der Schädel noch brummt, pirscht sich Bus Stop Polka heran, versichert dem Hörer, dass das nur ein Jux war, sprüht wieder vor guter Laune, feuert das finale, raketenmegageile Feuerwerk ab. Druckvoller Schlußpunkt eines schier unfassbaren Sommers, nicht mehr, schon gar nicht weniger.

Musik darf abseits von Stimmungsuntermalung, Erkenntnistiefe und Gefühlsschmeichelei auch gerne ein großes, überwältigendes Abenteuer sein. Und als solches entpuppt sich der hoffnungslos anregende Sound von Human Pyramids. Wir werden dieses Jahr sicher noch viele tolle Alben erhören, aber derart heiter, frohgemut und aufgekratzt wird keine Platte tönen. Planet Shhh! ist in vielfacher Weise ein Gegenentwurf zum althergebrachten Post-Rock, befördert die Entdeckung des Übermuts. Auch darum ist die Chose Kopfkino de luxe!

planetshhh

Planet Shhh! ist am 15.07.2013 auf Oxide Tones erschienen.

Links:

Offizielle Webseite

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SomeVapourTrails

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