Feuchter Traum eines jeden wackeren Kulturinteressierten – Aino Venna

Das Chanson imponiert als großartige musikalische Errungenschaft. Es versöhnt Poesie mit dem Populären, schlägt eine Brücke zwischen künstlerischem Anspruch und Massengeschmack. Das Chanson kennt Schwermut, Schmachtereien, Sozialkritik und Spaß. Es ist das essentielle Vermächtnis Frankreichs. Die Grande Nation ist nämlich längst auf dem Abstellgleis gelandet. Die Tage, in denen sie in Film, Musik, Literatur und Philosophie geradezu Maß aller Dinge war, sind längst vorbei. Das Chanson jedoch bleibt. Und wie sinnig, modern und prägnant es auch 2013 zu tönen vermag, das beweist ausgerechnet die Finnin Aino Venna. Dass sie ihr Album als Hommage an Marlene Dietrich verstanden wissen will, ist ein Fingerzeig. Auch in Deutschland existierte zeitweise eine unantastbare Virtuosität in diesem Genre. Auf die im April endlich hierzulande erschienene Platte Marlene hatte ich bereits im Februar – nach einer Empfehlung auf dem Polarblog – hingewiesen. Dennoch fühle ich mich bemüßigt, die Großartigkeit dieses Werks nochmals zu unterstreichen. Auf gewisse Art ist Marlene der feuchte Traum eines jeden wackeren Kulturinteressierten, der sich einen Funken Emotionalität bewahrt hat und eben noch nicht alles auf staubtrockene Intellektualität herunterbricht. Dieses überragende Reife verströmende Debüt ergründet unermüdlich Gefühle, hat eine Händchen, allerlei Stimmungen in Melodien einzufangen, und bietet eine dunkle, wissende, leidende, zärtliche Stimme, die sich keine Sekunde vor den großen Vorbildern des Chansons zu verstecken braucht.

Waltz to Paris ist ein zeitlos eleganter Walzertraum voll Melancholie. Man schmeckt Paris in jeder Note. „Silence in the air, silence is rare/ In the city of constant romance/ Silence in the air, silence and despair/ It’s a point of no return baby“ sinniert Venna, ehe sie in ihrem Liebesabgesang auf Französich fortsetzt. Ein Chanson, welches hervorsticht! Das nachfolgende Lied Electric Soul zeigt eine weitere Facette Vennas. Es ist beschwingter French Pop, der vor allem im Refrain verspielt tänzelt. Eine Auflockerung eben, die es auch braucht, denn bereits das zart ins Rockabilly gleitende Hail Mary wirkt durch die schmirgelige Stimme Vennas nicht einfach wie all diese überkanditelten Retroleien, die ohne viel Sinn und Verstand alte Zeiten aufleben lassen wollen. Hier zu vernehmendes Songwriting schmeichelt nicht etwa dem Gestern, es erzählt ein Heute mit unvergänglichen Mitteln. Folk mit Hang zum Blues steht bei Trouble of the World im Vordergrund, I’m not here wiederum ist ein in Schwarzweiß gehaltenes Klagelied, das für die Chanteuse zu einem Triumph an Ausdrucksstärke gerät. Doch spätestens jetzt muss man auch ihrer Band, den stimmigen, zurückhaltenden Arrangements Tribut zollen. Und die Messe ist noch lange nicht gelesen, denn der Titelsong Marlene ist ein weiteres Glanzlicht dieser Platte. „How can you trust someone new/ If the one you thought you knew/ Broke your heart and stole the air/ Around you everywhere“ wirft eine essentielle Frage des Lebens und Liebens auf. Lässt uns der Drang nach Liebe nicht oft ins offene Messer laufen? Ist eine neue Liebe nicht bloß Hoffnung wider besseres Wissen? Leichtfüßiger gibt sich Suzette, bei dem Venna wieder französich singt. Welch süffiger Track! Zum Ausklang der Platte kommt es jedoch mit War Song nochmals knüppeldick. Dieser Titel marschiert mit trommelwirbelndem Pathos in die Magengrube, will den Geliebten nicht allein an die Front ziehen lassen. In diesen 5 Minuten entfaltet sich eine Geschichte, die in ihrer emotionalen Wucht ganze Hollywood-Filme tragen würde.

Ich möchte nochmals auf die sehr irritierende Ausgangslage verweisen. Eine Finnin namens Aino Venna schenkt uns ein Werk, dass das klassische Chanson nicht etwa nachäfft, sondern mit bis ins Detail formvollendeter Stilsicherheit ein neues Kapitel hinzufügt. Das Album Marlene ist für großes Staunen gut. Eigentlich müsst ein jeder Feuilletonredakteur dieser Musik zu Kreuze kriechen, denn sie mutet wie der Karrieregipfel einer Grande Dame an, die Hallen wie das Olympia oder Konzertsäle der gehobenen Kategorie dominiert. Venna ist fraglos aus einem besonderen Holz geschnitzt, das würde wohl auch die Dietrich so sehen. Großartig, bravo!

marlene_cover

Marlene ist am 26.04.2013 auf Beste! Unterhaltung erschienen.

Links:

Offizielle Homepage

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