Release Gestöber 42 (Anna von Hausswolff, JAN, White Hills)

Anna von Hausswolff

Wenn eine Singer-Songwriterin opernhafte Gravität ausstrahlen will, sich in weltentsagenden Sound kleidet, dazu ein wenig auf Kate Bush schielt, dann kann das entweder großer Stuss sein – oder ganz und gar fabelhaft anmuten. Der Schwedin Anna von Hausswolff gelingt das Kunststück weder bizarr noch albern zu wirken. Die meisten Lieder ihres Albums Ceremony versprühen eine völlig gekünstelte Gothic-Aura, die über weite Strecken schlichtweg langweilt. Das ist durchaus eine kleine Heldentat, denn die majestätischen Klänge einer Kirchenorgel muss man erst einmal in die Belanglosigkeit zwingen. Ceremony strotzt vor Ambition, will sich extraordinär geben, ist dabei jedoch ausgesprochen nichttsagend. Die Platte ist voller Theaterdonner und zugleich erstaunlich ereignislos. Warum das bereits vor einem Jahr erschienene Werk damals von Lobeshymnen bloggender Kollegen begleitet wurde, vermochte ich schon damals nicht zu verstehen. Warum Ceremony nun eine Wiederveröffentlichung auf dem renommierten Label City Slang spendiert bekommen hat, begreife ich erst recht nicht. Denn von Hausswolff ist bestenfalls ein Versprechen für die Zukunft, die mit pathetischen Titeln wie Funeral For My Future Children kalkuliert zu verstören vermag. Wobei gerade dieser folkige Walzer noch eher überzeugen kann. Viele der Lieder beginnen mit einer repetitiven Orgel, wie man sie etwa bei den Glassworks von Philip Glass findet, ehe die Chose auch mal gen Cocteau Twins driftet. Dieser „Funeral Pop“, wie die Schwedin diesen Sound auf ihrer Facebook-Seite vorstellt, ist letztlich viel dramatische Attitüde ohne besondere songwriterische Güte. Schade.

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Ceremony ist am 14.06.2013 auf City Slang erschienen.

JAN

Ich weiß ja nicht, wie es dem geneigten Leser so ergeht, aber ich persönlich tue mir mit den Begriffen Indie-Rock und Indie-Pop zunehmend schwer. Von DIY-Geschrammel über aufgetakelte Rotzigkeit bis zu überkanditelter Süßlichkeit tummelt sich in diesen Genres vieles, was weder Rang noch Namen hat. Wenn es nach Kraut und Rüben klingt, darf man es auf Verdacht in diesen Schubladen beheimaten. Wie Indie-Rock der gewiefteren Sorte aussehen sollte, meint uns die hinter dem doch eher nichtssagenden Namen JAN steckende Sängerin Kim Talon mit der Scheibe abandon/amalgamate zeigen zu können. Sie zitiert Einflüsse querbeet durch die Musikgeschichte – und tut dies mehr als nur ordentlich. Sowohl mit an Power Pop orientierten Tracks wie Work for the City und Some Bite / Some Bitten, wobei vor allem letzteres schön aggressiv tönt, als auch mit den Songs Ailing Ale und Red Crust Ow, die sich zweifelsohne PJ Harvey als Vorbild nehmen, kann JAN dem Hörer Wohlwollen entlocken. Speziell Ailing Ale ist ein wunderbar gebrochenes, verkrachtes Lied, das nur durch die empfindsame Stimme Talons zusamengehalten wird. JAN entgeht einer Verschematung im F, gewinnt mit jedem Hördurchlauf an Profil. Diese Eigenschaft ist bemerkenswert, weil gerade Indie-Rock bei näherer Betrachtung oft rasch an Elan verliert, sich abnützt. Ein rhythmisch nervöser Track wie All of These Iglos ist dagegen gut inszeniert, baut immer wieder Spannung auf, um sich hernach in einem rabiaten Refrain zu entladen. Nahezu alles auf abandon/amalgamate zeigt sich wuchtig, lärmig, mit dem Händchen für eine Hintergründigkeit, die diesem Genre einfach guttut. Deshalb: Anhören!

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abandon/amalgamate erscheint am 19.07.2013 auf Popup Records.

White Hills

Dabei klingt „So You Are… So You’ll Be“ wie ein flammendes Totem des Rock & Roll mit Wille zu Macht, errungen von Nietzsche in Lederhose und einer Flying V um den Hals gespannt.“ sind Zeilen aus einem Promotext, die mich tatsächlich mal auf eine Band neugierig machen. Das passiert eher selten. Denn im Grunde bin ich gegen alles werbliche Geschwurbel schon längst sehr immun. Den Nitzsche in Lederhose samt Flying V habe ich mir dennoch angehört – und das nicht bereut. Die New Yorker Formation White Hills kredenzt uns schrägen, irgendwie herrlich gestrigen Rock, eine krude Mischung aus Space-, Kraut-, Lo-Fi-, und psychedelischem Stoner-Rock nämlich. Auch das verrät mir die Pressemitteilung. Recht hat sie. Das im August erscheinde So You Are… So You’ll Be ist ein echtes Spektakel, welches selbst hartgesottenen Fans Freudentränen ins Auge treibt. Viel pralle Energie des Undergrounds saust hier aus den Boxen, gebärdet sich so, als hätte Musik auch heutzutage noch eine gesellschaftliche, visionäre Relevanz. Und angesichts solch nonkonformistischer Klänge will ich das liebend gerne glaube. Ein Pflichtalbum! (Den Track In Your Room gibt es im obigen SoundCloud-Widget als kostenlosen Download.)

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So You Are… So You’ll Be wird am 16.08.2013 auf Thrill Jockey veröffentlicht.

SomeVapourTrails

Ein Gedanke zu „Release Gestöber 42 (Anna von Hausswolff, JAN, White Hills)

  1. Bei Anna von Hausswolff hatte ich exakt die gleichen Gedanken.Erst habe ich auf ein Album a la Rachel Zeffira, Cat’s Eyes oder (auf die Orgel bezogen) Three Monks gehofft, wurde aber sehr schnell ernüchtert. Was Indierock/pop betrifft stimme ich auch zu. Das ist wie mit dem Label „Chanson“: Es muss herhalten, um teils richtigen Mist zu beschönigen.

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