Release Gestöber 43 (Arthur Beatrice, Barbarossa, Farewell Dear Ghost)

Arthur Beatrice

Der britische Guardian beschreibt die Musik der Londoner Formation Arthur Beatrice als „pillow-soft, nocturnal post-indie“. Damit ist der Sound der Debüt-EP Carter meiner Meinung nach sehr gut beschrieben. Was diese EP jedoch durchaus speziell macht, sind die wirklich wunderbaren Stimmen von Ella Girardot und Orlando Leopard. Manch Band würde bereits für eine charismatische Stimme über Leichen gehen, Arthur Beatrice sind in der glücklichen Lage gleich zweifach zu entzücken. Girardots Stimme ist matt ätherisch, durchaus auch ladylike unterkühlt, zugleich vollmundig sinnlich. Dies verleiht dem Electro-Pop von Butcher’s Hook eine ungemein reife, faszinierende Note, während der Titeltrack Carter in seiner Souveränität durchaus an Goldfrapp erinnert. Vielleicht mangelt es der Musik noch an dem einen oder anderen Kniff, gesanglich spielen die Londoner jedoch fraglos in der Oberliga. Vandals nämlich lässt Orlando Leopard – was für ein Name übrigens – glänzen. Leopard hat eine soulig-samtene, mit sanfter Zurückhaltung wirkende Stimme. In der Summe gibt Carter vor allem ein gesangliches Versprechen ab. Ich für meinen Teil würde mich von Arthur Beatrice gern auf Plattenlänge verzaubern lassen.

Carter ist am 19.07.2013 auf Vertigo erschienen.

Barbarossa

Dem treuen Leser dieses Blogs mag schon aufgefallen sein, dass wir keine Soul-Klitsche sind. Aber die Art der Souligkeit, mit der sich James Mathé aka Barbarossa das Herz aus der Seele singt, können wir guten Ohres goutieren. Dem Londoner gelingen auf dem Album Bloodlines fragile Melancholien, die völlig unaufgeregt und oftmals dezent inbrünstig zu begeistern wissen. Die Besonderheit der Platte liegt auch in den diversen Spielarten, mit den Barbarossa immer neu zu überzeugen weiß, begründet. Aber schauen wir uns die Tracks mal der Reihe nach an. Der titelgebende Opener Bloodlines scheint auf den ersten Blick ein unspektakulärer, formatradiotauglicher Soul-Track, doch ist es hier eine dunkle Orgel, die sich einer Säuselseligkeit entgegenstemmt. Turbine dagegen glänzt funky bis zum Abwinken, trumpft mit einem kräftigen Gitarrenriff auf, lässt Mathé stimmliche Höhen erklimmen. Und dennoch lastet auf diesem Song eine gewisse Düsternis, es ist keiner dieser Titel, der vor lauter Coolheit die eigenen Eier schaukelt. Butterfly Plague schlägt wieder einen Haken, ist ein sehnsüchtiger, in einem elektronischen Orbit kreisender Track, der die stimmliche Ergriffenheit in einem sphärischen Sound entschweben lässt. Pagliaccio gerät zu einer Hommage an die Achtziger, vor allem dank fiebrig-jaulenden Refrain punktend, das nachfolgende S.I.H.F.F.Y. gibt sich gesanglich lieblich, richtiggehend faserschmeichelnd, dabei freilich nie verkitscht. Battles klingt nach einem spirituellen Stoßseufzer („God is my witness, God is my guide„), was manchen Hörer vielleicht irritieren kann. Als Song freilich ist er makellos, von der eingangs erwähnten Unaufgeregtheit beseelt. Wer das vor wenigen Monaten erschienene Meisterwerk von Junip gehört hat, mag beim Lied The Load sehr hellhörig werden. Hier schimmert Junips José González als Vorbild durch. Wenig verwunderlich, war Mathé doch Bestandteil der Live-Band. The Load ist mit seinen Trip-Hop-Anleihen und einem wuchtigen balladesken Charme eine unglaublich beseelte Nummer. Saviour Self dagegen pirscht sich schleichend an, gefällt als altmodisch-schwermütiger Pop. Stimmungsmäßig in eine ähnlich Kerbe schlägt The Endgame, welches fast schon schwindsüchtig winselt, zugleich bedrohlich hallt. Erst mit dem letzten Song Seeds geht Barbarossa die Puste aus, wollen die elektronischen Puzzleteilchen nicht mehr zum Gesang passen, läuft die Chose aus dem Ruder.

Wer Soul lediglich als exaltiertes bis weichgespültes Herz-Schmerz-Gedöns versteht, wird mit diesem ideenreichen und gefühlsversunkenen Werk nichts anzufangen wissen. Die Zärtlichkeit der Vortrags und die Dunkelheit des Sounds sind durchaus gewöhnungsbedürftig, doch bleibt unterm Strich die Erkenntnis, dass Bloodlines ein spannendes Werk eines hochtalentierten Singer-Songwriters ist. Es lohnt, in die soulige Tiefe Barbarossas hinabzusteigen.

bloodlines_cover

Bloodlines erscheint am 09.08.2013 auf Memphis Industries.

Farewell Dear Ghost

Zuletzt soll noch auf ein junges österreichisches Projekt namens Farewell Dear Ghost hingewiesen werden. Im Juni ist die überaus gelungene Debüt-Single Cool Blood als Vorbote des für Herbst angekündigten Albums We Colour The Night erschienen. Wenn es eines Beweises bedurft hat, dass Musik aus Österreich ansprechend klingen kann, dann liefert ihn Farwell Dear Ghost. Denn Cool Blood ist eine kräftige Pop-Hymne, die der Sänger Philipp Szalay mit Leidenschaft trällert. Dieser Song traut sich die große Geste zu und wirkt dabei keineswegs schmalbrüstig. Auch der Track Fade Out beschert uns impulsiven, melodischen Gitarren-Pop. Das alles ist blitzsauber, eingängig und schmissig, kurzum tadellos. Da freue ich mich doch schon sehr auf das Debütalbum!

Cool Blood ist am 03.06.2013 erschienen.

SomeVapourTrails

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