Subtile Erinnerung – Lightning Dust

Die Fantasie des Menschen ist ein Schutzwall gegen die Wirklichkeit. Musik stimuliert jene Fantasie, sorgt dafür, dass unsere Seele nicht dauernd in Runzeln liegt. Das kanadische Duo Lightning Dust hat ihr mittlerweile drittes Album schlicht Fantasy getauft. Und wenngleich die ästhetische Finesse dieser Platte unser Vorstellungsvermögen zu streicheln vermag, so wirkt der Synthie-Pop samt sacht unterschwelligem Drama in der Stimme doch eher als eine Art Erinnerung an die bittersüße Unschuld der Achtziger. Damals gab es im Glanz der Synthie-Klänge oft auch eine Fiebrigkeit des Sehnens. Lightning Dust ähneln in ihrem Zugang ein wenig an das letztjährige Album Kill For Love der US-Formation Chromatics, wenngleich Fantasy luftiger, reduzierter schwingt. In der Gesamtschau ist es somit ein Werk, welches die Achtziger nicht einfach – wie oft üblich – auf Posertum reduziert.

Der Eröffnungstrack Diamond definiert diese Platte. Auf das dumpfe Wabern der Synthies und einem monotonen Beat ist der verzehrende und zugleich von einem zerbrochenem Herzen kündende Gesang von Amber Webber gebettet. „Whisper to me that you’ve had enough/ Apologize that you’re not in love/ If it’s just the chemicals in our brains/ Love stains“ wirkt als bittere, geradezu ungläubige Enttäuschung. Ähnlich abschiedsschwer, abgesanglich traurig tönt Reckless And Wild. In dieser Fasson sind Lightning Dust ergreifend, unpathetisch formidabel. Webbers Schmerz zeigt sich als gedämpfte Ruhe nach dem Sturm. Mit Fire Me Up kommt ein noch verhaltener Elan, ein melodisches Brodeln in die Platte. Loaded Gun wummert dann unvermittelt drauflos, lässt oben genannter Fiebrigkeit dramatisch freien Lauf. Mit diesen Liedern wird diese Achtziger-Gedächtnisplatte erst richtig rund, wenngleich die ruhige Schwermut, die zarte Klage Webber schlichtweg besonders zu Gesicht steht. Sie durchdringt auch einen eher unauffälligen Track wie Fire, Flesh And Bone. Das vom Wurlitzer-Piano getragene und von Streicher ausstaffierte Agatha wirkt ebenso wie die Folk-Ballade Moon zunächst noch wie ein Fremdkörper, doch wo letzteres auch nach mehreren Hördurchläufen auf dieser Platte einfach nicht Fuß fassen möchte, steigert sich Agatha nach und nach zu einem Highlight von Fantasy.

Webber und Joshua Wells lassen mit dieser Scheibe einen klugen, von Übertreibungen freien Synthie-Pop auferstehen. Fantasy birgt feingesponnene Reminiszenzen an eine oft fehlinterpretierte Dekade. Lightning Dust instrumentieren subtil, manchmal minimalistisch. Den Rest erledigt Amber Webbers ausdrucksstarker Gesang, liefert die Fantasie einer edlen Erinnerung aus. Ich bin begeistert.

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Fantasy ist am 28.06.2013 auf Jagjaguwar erschienen.

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