Wie bei Hempels unterm Sofa – O Emperor

Es mangelt ja nicht an Fürsprechern, die gute Musik aus der Unbekanntheit holen wollen und sich dafür schon mal den Mund fusselig reden. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Feuilleton voranprescht, sich die Koryphäen des Musikjournalismus ein enthusiastisches Lob abringen oder der kleine Blogger von nebenan nicht mit Empfehlungen geizt. Manch Album bleibt ein Minderheitenprogramm. Was wirklich ins Gesichtsfeld einer breiten Masse vordringt, ist eben immer noch ein großes Geheimnis. Ich für meinen Teil vermute ja stark, dass auch die Platte Vitreous der irischen Formation O Emperor den Weg nahezu allen Irdischen gehen und der Vergessenheit anheimfallen wird. Das ist bedauerlich, aber gerade in diesem konkreten Fall ein Stück weit nachvollziehbar. Denn so fantastisch O Emperor auch phasenweise anmuten, so clever und vielfältig der Sound ausgestaltet ist, treibt es dem Hörer dennoch oftmals die Augenbrauen in die Höhe. Vitreous ist in sich nicht konsistent, es wirkt zusammengeflickt. So folgt etwa auf psychedelischen Rock eine eher pusteblumige Indie-Folk-Ballade. Wohl deshalb verkommt dieses Werk zu einer Kritikerplatte. Denn Rezensenten mögen es eben, wenn die Experimentierfreude nur so kreucht und fleucht.

Mit unter 30 Minuten Spielzeit ist Vitreous nicht sonderlich episch angelegt. Dennoch scheint sich die Band zu verzetteln, regiert das Chaos, sieht es auch wie bei Hempels unterm Sofa: Prog-Rock, wonniger Sixties-Pop, Psychedelisches, Falsetto-Choräle, Indie-Folk. Für sich genommen sind nahezu alle neun Songs faszinierend, wenngleich in ihrer Kürze gestaucht. Man hätte dem einen oder anderen Track zumindest vier Minuten lauschen wollen. Schon Grandmother Mountain gibt einen Vorgeschmack auf diese absolut seltsame Scheibe. In eine feierliche, balladeske Piano-Nummer wiehert plötzlich verschrobener Siebziger-Rock hinein. Spannend, aber dann doch nur lächerliche 3:15 lang. Holy Fool dagegen erinnert an Power Pop in seiner Usprünglichkeit, wird jedoch vom einem übersanften Gesang konterkariert. Auch das abrupte Ende nach zweieinhalb Minuten kommt völlig unvermutet, zufällig wie ein Stromausfall. Whitener (Part 1) schießt auf andere Art den Vogel ab: Falsetto-Seligkeit meets nervöse Rhythmussektion meets ein auf Murks gebürstetes Gitarrensolo. Spätestens jetzt begreit man die gewollte Groteske, welche O Emperor hier auftischen. Brainchild ist eine tirilierende Folk-Pop-Parodie, die es fast endgültig übertreibt, ehe man sich gänzlich überraschend mit einem spleenfreien, rauen Contact konfrontiert sieht. Es ist der überragende Moment, in dem das Album neben dem Hirn auch das Herz erreicht. Nach diesem Betriebsunfall wird mit Minuet und Land of the Living wieder an Versponnenheit gebastelt, speziell letzteres klingt nach einem Beatles-Track, der mit Synthies verunglimpft wird, gegen Ende von Pop auf Rock umschwenkt. Das zunächst unscheinbare Soft in the Head dagegen lebt von der Asynchronität, die Gesang und Piano offen ausleben. Mit dem opulenten, auf Sperenzchen verzichtenden This Is It endet dieses Werk für den Hörer dann mit einem wohligen, fast versöhnlichen Brummen im Bauch.

O Emperor wollten mit diesem Album Dinge wagen, von denen viele Bands nur reden. Die Iren haben sich Experimente und Vielfalt zugetraut. In solch Ballung und Unberechenbarkeit wird Vitreous freilich zu verschrecken wissen. Es ist ein eigenwilliger Schatz, den wohl nur die Musikkritik zu heben vermag. Dem Durchschnittshörer wird Vitreous leider nicht zu vermitteln sein. Manch Album bleibt trotz größter Originalität ein zu anspruchsvolles, übertrieben irritierendes Minderheitenprogramm. Wer viel will, verlangt auch viel, und manchmal sogar zu viel. Schade und Hurra!

vitreous

Vitreous ist am 21.06.2013 auf K&F Records erschienen.

Konzerttermine:

30.08.2013 Schaffhausen (CH) – TapTab
31.08.2013 Dresden – The Sound of Bronkow Music Festival
01.09.2013 Berlin – Privatclub
03.09.2013 Hamburg – Astra Stube
04.09.2013 Leipzig – NaTo
05.09.2013 Hannover – Feinkost Lampe

Links:

Offizielle Homepage

O Emperor auf Facebook

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