Zelebrierter Triumph – Pet Shop Boys

Viele Musiker sind als Mittzwanziger überaus erfolgreich, doch bereits nach ein paar Jahren fallen ihre Aktien und für den Rest ihres Schaffens tingeln sich durch die Lande, wiederholen ihre Hits von anno dazumal. Veröffentlichungen bestehen lediglich noch aus Best-Of-Zusammenstellungen. Andere Künstler wieder entfalten sich erst in reiferen Jahren, rücken in einem Alter ins Rampenlicht, wo viele Musiker schon längst im Abseits stehen. Über ein paar Jahrzehnte Qualität mit Erfolg zu verbinden, dieses Dauerbrennerdasein ist die absolute Ausnahme. Solch Acts sind aus dem Stoff, aus welchem Musiklegenden gestrickt scheinen. Im Falle der Pet Shop Boys lässt sich sogar konstatieren, dass sie ihr Werk nicht mit privaten Exzessen oder Allüren zieren. Sie lassen vielmehr ihr wunderbar durchgestyltes Werk für sich sprechen. Das jüngste Album Electric präsentiert sich als der Disco frönende Platte, mutet trotz des Rucksacks einer Veröffentlichungshistorie auffallend frisch an. Die Pet Shop Boys sind auch nach 30 Jahren im Geschäft noch immer auf der Höhe der Zeit, tönen nach wie vor sophistiscated.

Photograph by John Wright

Vielleicht sollte man in der Einschätzung sogar noch einen Schritt weitergehen. Mit Electric erreicht das Duo einen neuen Zenit. Dieses Dance-Album begegnet einem zu überwiegender Hirnlosigkeit verkommenen Genre mit Köpfchen. Schon der fantastische Opener Axis lässt bezüglich der Einflüsse tief blicken. Auf Allmusic wird der Track als „Kraftwerk-meets-Giorgio Moroder“ charakterisiert. Die Worte „Plug it in/ Charge it up/ Electric energy“ geraten zum Motto einer perfekten Mischung aus Gefälligkeit und Ambition. Love Is A Bourgeois Construct verdient bereits aufgrund des Titels Beachtung. Es ist ein cleverer Popsong mit wunderbar sarkastischen und larmoyanten Zeilen wie „While the bankers all get their bonuses/ I’ll just get along with what I’ve got/ Watching the weeds in the garden/ Putting my feet up a lot/ I’ll explore the outer limits of boredom/ Moaning periodically„, getarnt als opulenter Discostampfer der gewieften Sorte. Dieser Track greift ein Motiv aus der Oper King Arthur des Barockkomponisten Henry Purcell auf, wie ich einer Besprechung auf The Quietus entnehmen konnte. Und tatsächlichen findet man Purcell in den Credits aufgelistet. Fluorescent bietet den unheimlichsten Moment des Albums – und dies nicht etwa nur wegen dem eindeutigen Gestöhne einer weiblichen Stimme, welches den Rhythmus des Songs vorgibt. Auch die über staubsaugendes Gewimmer gestülpten, glänzenden Melodiefetzen bescheren Fluorescent eine obskure, nächtliche Ekstase. Mit dem nächsten Lied führen die beiden Briten eine weitere Tradition fort, die der unerwarteten Coverversion nämlich. The Last To Die stammt im Original von Bruce Springsteen höchstpersönlich und wird hier mit Haut und Haar in das Universum der Pet Shop Boys überführt. Jener Moment ist nur auf dem ersten Blick ein seltsamer. Denn die Fragen „Whose blood will spill? Whose heart will break?/ Who’ll be the last to die for a mistake?“ sind bei Neil Tennant and Chris Lowe gut aufgehoben. Die Pet Shop Boys haben im unpolitischen Pop immer schon die Fahne der Überzeugung hochgehalten. Wenn es jedoch eines letzten Beweises der Qualitäten des Duos bedarf, dann wird dieser bei Thursday geliefert. Hier setzt sich großer Achtziger-Pop durch, vermengt mit dem Rap des Gastes Example. Im Nomalfall schreit ein Pop-meets-Rap nach einer Bruchlandung, auf Electric freilich geschieht dies eben nicht. Thursday wird zum vordergründig wochenendverrückten Partylied („Thursday then friday/ It’s soon gonna be the weekend/ Let’s start it tonight, babe„), dahinter freilcih steckt die Beschwörung einer Liebe, der die Freizeit neuen Glanz einhauchen soll. Mit dem abschließenden Vocal feiert man schließlich die Magie und Energie von Musik. Der Track huldigt dem Pop in ähnlicher Weise, wie es Madonnas Song Music tut. „And everything about tonight feels right and so young/ And anything I’d want to say out loud will be sung“ ist eine geradezu andächtige wie euphorische Liebeserklärung an die Popmusik.

Die Pet Shop Boys haben mit diesem Album ihre Karriere auf unbestimmte Zeit prolongiert. Speziell Tennant scheint nicht zu altern. Diese unterschätzte Stimme klingt nicht so, als habe sie 59 Jahre auf dem Buckel. Auch deshalb erweist sich Electric als Jungbrunnen, der eine ohnehin große Karriere nochmals mit einem Ausrufezeichen versieht. Wo andere längst den Löffel der Kreativität abgegeben haben, stehen die Pet Shop Boys noch voll im Saft, sind relevant wie eh und je. Das wissen die beiden Herren auch, deshalb gerät ihr neues Werk auch zum zelebrierten Triumph.

electric_cover

Electric ist am 12.07.2013 auf x2 erschienen.

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SomeVapourTrails

2 Gedanken zu „Zelebrierter Triumph – Pet Shop Boys

  1. Tja, sorry, aber ich finde das neue PSB-Album sehr, sehr, um nicht zu sagen SEHR schwach. Also vor allem auch langweilig. Wäre das eine neue, junge Band, könnte man vielleicht sagen, dass da in dem einen oder anderen Song Potential schlummert, aber von einer so etablierten Band erwarte ich dann doch etwas mehr. Also mehr Melodie und weniger Gewummer. Aber vielleicht werde ich auch nur alt… 🙂
    „Vocal“ ist das einzige Lied, dem ich noch ein bisschen was abgewinnen kann.

  2. Nach dem ersten Anhören dachte ich mir, dass es gar nicht übel klingt, besser als erwartet. Nach dem zweiten Durchlauf dämmerte mir, dass die beiden Herren da nochmals Anlauf genommen haben und vor allem auch spannende Messages in die Songs gepackt haben. Eine Dance-Platte mit Substanz und Botschaften, das finde ich mit jeder Wiederholung immer spannender. Und Tennant singt ganz stark, der Mann wird nächstes Jahr 60 und klingt sehr frisch. Alles Gründe, die Electric – zumindest für mich – sehr interessant machen.

    SVT

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