Ästhetiker des Alltags – Travis

Auf gewisse Weise sind Travis jene Sorte Kumpel, von denen man nie genug haben kann. Bescheidene, verständnisvolle, feinfühlige Menschen, Ästhetiker des Alltags, Zelebranten kleiner Glücksmomente, behagliche Grübler. Vielleicht taugen sie nicht für Saufgelage oder ausgelassene Partys, eher schon für die Tage, Stunden, Minuten zwischen höchsten Höhen und tiefsten Tiefen. Travis sind keine Clowns, die Tränen wegjuxen, Travis sind keine feisten Motivatoren, welche das Leben schön reden. Die Schotten stehen für eine geradezu unscheinbare Verlässlichkeit, für eine sanfte, meist wohlige Emotion. Es gibt Personen, deren positive Ausstrahlung noch nachwirkt, obwohl sie den Raum schon vor Stunden verlassen haben. Travis sind die musikalische Entsprechung dazu, wie das jüngste Werk Where You Stand unterstreicht.

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Bereits der eröffnende Track Mother hält einen dieser speziellen Momente bereit, wenn die Worte „Why did we wait so long?“ eben nicht voll Bedauern über verschwendete Zeit tönen, sondern so freudvoll und erwartungsreich anmuten. Fran Healys Gesang ist von sonnenbeschienener Klarheit, nach all der Zeit noch immer mild und zugleich erhaben. Der Song Moving erzählt uns viel vom derzeitigen Seelenleben der Band. Von einer Ausgeglichenheit, von einem Vorwärtsstreben voller Vertrauen in die Zukunft („Another day/ Another place where I can find my way/ Take the Avenue A/ And I know/ Exactly where to go/ Home is anywhere you stay„). Doch wir hätten es wohl nicht mit Travis zu tun, wenn nicht gleich Reminder daran erinnern würde, dass das Sein kein Selbstläufer ist („Why does time move so fast? Precious things never last„), man sich „All of the things you never noticed/ All of the lines you cling to that don’t mean a thing/ All of the dates that you were late for/ All of the rounds you should’ve paid for“ vergegenwärtigen sollte. Wer nach diesen drei Liedern vergnügt anmerkt, dass Travis noch immer wie Travis klingen, hat vielleicht vergessen, dass die Schotten keine chamäleoneske Ader besitzen. Sie sind, was sie sind, zutiefst in ihrem Sound verhaftet, die zarteste Ausformung, die der Britpop je hervorgebracht hat. Ein faszinierender Gegenentwurf zu all den aufregenden Krawallmonstern der Bewegung! Travis haben sich über die Jahre als feingeistige Alternative zu Coldplay etabliert. Der Titeltrack Where You Stand gleicht einem dezenten Versprechen, das geradezu auf Beiläufigkeit setzt und keine Spur der Tränen oder pathetische Ergriffenheit des Herzens beschwört. Doch es wird noch besser. Warning Sign ist mit seinem choralen Touch ein Konsensohrwurm, zweifelsohne die Erweckungshymne des Albums. Erst das nachfolgende Another Guy fällt ein wenig ab. Wer im Frühjahr diesen ersten Vorgeschmack auf Where You Stand erhascht hat, mag die Erwartungshaltungen an das neue Werk heruntergeschraubt haben. Als Lückenfüller auf einem starken Albums mag dieser Titel aber eventuell sogar seine Berechtigung haben. Schon Different Room erlaubt wieder schiere Begeisterung. „Let’s just pretend/ Our numbered days won’t end/ Infinity/ This endless space and time for you and me/ And yours and mine, forever we“ ist wie zur Schwärmerei gemacht. Doch weicht die Illusion einer schmachtenden Bitte („Hold me close/ Don’t leave so soon/ Let all the flowers bloom/ And don’t let go or I will blow/ Away into a different room„). Wem die Platte bislang zu sehr nach eitler Wonne dünkt, wird hier Zeuge der für Fran Healy größtmöglichen Inbrunst. Nach dem soliden Wohlfühlsong New Shoes geht es bei On My Wall rockiger zur Sache. Das schöne an dieser Nummer ist die Unschuld, welche sie versprüht. On My Wall klingt so, als hätten die Neunziger nie wirklich geendet, als hätten Travis das Stück schon ewig im Repertoire. Mit dem anschließenden Boxes kommen wir zum letzten Highlight dieses Albums. Es scheint sich nicht zwischen balladesker Note und melodischem Tänzeln entscheiden zu können, doch ist es textlich tiefsinnig, geradezu traurig („The heart is a box/ Which the soul has fled„). Es hat diesen Anflug von Schwermut, die sich bei vielen Songs der Formation findet, die man jedoch fast übersieht, wenn man an den zärtlichen Lippen Healys hängt. Eindeutiger fällt die finale Pianoballade The Big Screen aus, die sich zu Traurigkeit hinreißen lässt, das Taschenbuch dabei nicht verbirgt. Das Ende der Scheibe gerät zu einem Kontrapunkt, der dem Optimismus zu Beginn der Platte nun eine getragene Note entgegenstellt.


Travis – Moving on MUZU.TV.


Travis – Where You Stand on MUZU.TV.

Ich möchte nochmals den eingangs geäußerten Gedanken aufgreifen. Travis sind Ästhetiker des Alltags, da ihre Sentimente keine epischen Ausnahmesituationen beschreiben, keine Geschichten aufbauschen. Sie fächern normale, existentielle Sehnsüchte auf, ohne Patentrezepte im Gepäck. Ihre Songs wirken angenehm konkret, mit offenen Armen und offenem Ausgang. Auch deshalb ist Where You Stand eines der sanftmütigsten, sympathischsten Alben dieses Jahres. Es zeitigt die Erkenntnis, dass die fünfjährige Schaffenspause dem Zauber der Band nichts anhaben konnte. Womöglich sind die Herren Healy, Andy Dunlop, Dougie Payne und Neil Primrose sogar gereift, stehen da, wo sie jetzt stehen, auch berechtigterweise. Welch Glück!

whereyoustand

Where You Stand erscheint am 16.08.2013 auf Red Telephone Box / Kobalt Label Services.

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