Dem Damoklesschwert von der Schippe gesprungen – Babyshambles

Im Falle von Pete(r) Doherty will man gerne vom Glauben abfallen, den Club 27 nur noch als schiere Zufälligkeit erachten. Doherty schien für ein frühes Ende geradezu prädisponiert. Dohertys Genie stand mit Torheit und Ungezügeltheit auf Du und Du, das konnte nicht gut ausgehen, nicht wahr? Mittlerweile jedoch ist Doherty 34 und dem Damoklesschwert jugendlicher Narreteien hoffentlich endgültig von der Schippe gesprungen, sogar seinem Vornamen hat er seit ein paar Jahren einen zusätzlichen Buchstaben spendiert. Der erwachsene Herr ruht sich jedoch keineswegs auf dem Meriten wilder Zeiten aus und lässt mit seiner Band Babyshambles jetzt ein unvermutetes, kräftiges Lebenszeichen erschallen. Sequel To The Prequel ist großartig. Da mögen Lästermäuler noch so spotten, dass die Songs der Babyshambles immer danach klingen, als wären sie im Halbsuff auf einem versifften Kneipenklo oder auf dem Rücksitz eines vor Paparazzi flüchtenden Taxis hingekotzt worden. Das stimmt wohl auch, aber in diesem Guerilla-Songwriting steckt die Achtlosigkeit eines überragenden Talents. Doherty ist schlichtweg Meister des Moments, kein akribischer Arbeiter. Man sollte somit den Anteil, der Gitarrist Mick Whitnall und Bassist Drew McConnell für das überraschende Zustandekommen dieser Platte gebührt, keinesfalls unterschätzen.

Photo Credit: Kevin Westenberg

Doch sehen wir uns die Songs ein wenig näher an. Schon bei dem Opener Fireman klingt Doherty zugedröhnt wie eh und je, was sich auch in den Lyrics niederschlägt („Every Brits abroad/ Looking for an easy score/ Talk about North Korea/ And think about your career„). Fireman ist Punk der urtümlichen Sorte, Zeugnis einer stolzen Wildheit. Nothing Comes To Nothing ist ein sofortiger Klassiker, Doherty glänzt in Höchstform, auch weil er die eigene blasierten Lässigkeit immer mit Traurigkeit, Verletzlichkeit drapiert („And the music sways, it forays and surges amd says I’ll break you heart in two„). Nothing Comes To Nothing hält die Tradition der Ohrwurm-Singles hoch, wie man sie bereits von Down in Albion (Fuck Forever) oder Shotter’s Nation (Delivery) kennt. Mit dem nachfolgenden New Pair ist dann gleich der in jeder Hinsicht unauffälligste Song des Albums abgehakt, nach diesem kurzen Intermezzo im Mittelmaß nimmt die Platte erneut Fahrt auf. Farmer’s Daughter nämlich ist ein nach den Maßstäben der Band gesetzter, reifer Song, welcher sperenzchenfrei klassischem Britrock nacheifert. Doherty wirkt hier gesanglich so, als hätte er für ein Lied lang die Fluppe aus dem Mundwinkel gespuckt, sich am Riemen gerissen. Es würde mich nicht überraschen, wenn in dieser Manier die songwriterische Zukunft der Band liegt, falls die wilden Zeiten irgendwann vielleicht endgültig verabschiedet werden. Farmer’s Daughter erschallt ausgesprochen massenkompatibel, von einem geradezu zärtlichen Refrain geprägt. Mit der sympathisch-schunkeligen Verliererballade Fall From Grace kommen auch die besten Lyrics der Platte zum Vorschein: „So take it from the man who surfed the sorrow/ Who spilt the salt into the sea/ Who stole the whiskey from the bottle/ Who sold his soul to destiny„. Solch Larmoyanz macht Sinn, zumal sie mit ehrlichem Understatement vorgetragen wird. Das anschließende Maybelline führt uns anschaulich vor Augen, dass Doherty aus ein wenig Geschrammel und Worten wie „Bang, bang I’m gone“ einen markigen Track zu formen vermag. Wie der Name Maybelline mit ein bisschen Schalk im Nacken von der Zunge geschnalzt wird, das ist fortgeschrittenes Rockstartum. Doch kommen wir nun zu einem Lied, das durchaus so tönt, als versuche sich Doherty in einem spleenigen Pub an einer Vaudeville-Nummer, während im Hintergrund Monty Python abtanzen. Der Titelsong Sequel To The Prequel gerät zu einer Groteske, die mit jedem Hördurchlauf an Charme gewinnt. Ähnliches lässt sich auch für das mit Karibik-Flair behaftete Dr. No sagen. Was bislang bereits eine vor Abwechslung berstende Platte ist, wird jedoch mit dem nun anstehenden Penguins endgültig geadelt. Es ist ein Medley aus dreißig Jahren Musikgeschichte, ein Best-of von Melodien, voller Brüche, voller Rhythmuswechsel, mal entwaffend liebeserklärerisch („I wanted to thank you for just being you„), mal brutal besitzergreifend („I really don’t like your boyfriend’s face/ And I am going to try and take his place„). Wer dem Mythos Doherty auf die Schliche kommen möchte, sollte sich Glanz und Gloria von Penguins zu Gemüte führen. Man muss dem werten Sänger zu einer vielleicht überraschenden Selbstironie gratulieren, denn angesichts dieser Vita einen Song tatsächlich Picture Me In A Hospital zu titulieren, das ist frivol, sehr sogar. Der Song selbst nimmt Anleihen bei The Smiths, bietet zweimal ein kurzes Oasis-Aha, fällt stupend aus! Zu schnell neigt sich das Album dem Ende zu, doch wissen Seven Shades und Minefield nochmals zu erfreuen. Letzteres ist für die Babyshambles ungewohnt dramatisch, da werden Gitarren theatralisch gemolken. Weisheiten wie „If you’re pissing in the wind, watch your feet, watch where you tread“ wissen den grungemäßigen Pathos der Nummer jedoch zurückzudrängen.


Babyshambles – Nothing Comes To Nothing on MUZU.TV.

Ich halte in der Regel nicht viel von diesen Super-Deluxe-Special-Limited-Editions, im Falle der Babyshambles mache ich jedoch gerne eine Ausnahme und führe mir auch die Bonus Tracks zu Gemüte. Auch weil der gute Pete(r) ja beinahe jedes Lied allein schon dadurch adelt, dass er sich überhaupt zum Singen anschickt. Der erste Track Cuckoo erinnert stark an Dr. No und hat es wohl deshalb nicht auf das reguläre Album geschafft, weil Dr. No einfach der bessere Track mit spannenderem Refrain ist. Cuckoo freilich zählt als solide B-Seite. Stranger In My Own Skin ist ein doch markiger Titel, der auch deshalb Erwartungshaltungen schürt, weil man sehr gerne einmal in Herrn Doherty hineinschlüpfen würde. Aber auch hier gilt: B-Seiten-Niveau. Anders verhält es sich bei dem sehr guten Old-School-Track The Very Last Boy Alive, den übrigens Bassist McConnell allein fabriziert hat. Warum sich mit After Hours ein Song aus der Feder Lou Reeds auf die Bonus-CD eingeschlichen hat, bleibt auch deshalb ein Rätsel, weil After Hours schon bei The Velvet Underground nicht über einen skurrilen Charakter hinauskommt. Mit der Demo-Version von Dr. No ist es dann auch mit den Zugaben getan, sie sind überwiegend unspektakulär und eher Hardcore-Dohertyanern empfohlen.

Der Lebenskünstler Doherty hat in der Vergangenheit den Musiker Doherty oftmals überschattet. Wie schade das ist, belegt Sequel To The Prequel Song für Song. Dass die Babyshambles diese Platte gleich einem Kaninchen aus dem Hut gezaubert haben, ist schon jetzt eine der tollsten Geschichten dieses Musikjahres. Eine, die schon jetzt nach einer baldigen Fortsetzung schreit.

sequeltotheprequel

Sequel To The Prequel ist am 30.08.2013 auf Parlophone erschienen.

Konzerttermine:

07.12.2013 Fribourg (CH) – Fri-son
08.12.2013 Zürich (CH) – X-Tra
10.12.2013 Wien (A) – Gasometer
14.01.2014 Esch Sur Alzette (LUX) – Rockhal
27.01.2014 Köln – Live Music Hall
28.01.2014 Berlin – Huxleys Neue Welt
29.01.2014 Hamburg – Docks

Links:

Offizielle Webseite

Babyshambles auf Facebook

SomeVapourTrails

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