Geister, die jeder beschwört, aber kaum jemand zum Leben erweckt! – White Lies

Die britische Formation White Lies haben in den letzten vier Jahren drei Platten veröffentlicht, sind durchaus mit dem Potential gesegnet, endlich aus der zweiten Reihe der Indie-Rock-Bands auszuscheren und vollends durchzustarten. Auf die Unterstützung der Kritikerzunft dürfen sie dabei nicht zählen, sowohl To Lose My Life (2009) und Ritual (2011) erhielten in der Summe eher durchschnittliche Kritiken. Ein Schicksal, das vermutlich auch dem neuen Werk Big TV blühen wird. Warum? Da bin ich leider überfragt. Ich für meinen Teil vermisse zwar trotz des großformatigen Albumtitels einen Wunder-Hit wie das auf Ritual hervorstechende Bigger Than Us, aber sonst kann man diesem retroesken Leckerbissen rein gar nichts ankreiden.

WhiteLies_02

Die White Lies sind mit ihrem Album voll sythieschwangerer Eleganz tief in die Achtziger eingetaucht. An dies Unterfangen wagt sich dieser Tage gefühlt jede zweite Band. Post-Punk-Fantasien muss man wirklich nicht mehr beklatschen. Die Briten um Sänger Harry McVeigh gehen jedoch einen ganz bewundernswerten Schritt weiter, sie statten ihre Rückwärtsgewandtheit mit Seele aus, tauchen in die archaische Schönheit einer Epoche ein, die von Nachgeboren oftmals falsch gedeutet wird. Natürlich könnte man sich in den Schmollwinkel zurückziehen und gleich Erbsen die musikalischen Zitate zählen, die Big TV im Köcher hat. Der eigentliche Wert dieses phasenweise hymnisch-eingängigen Werks besteht jeodch vor allem darin, einer heutzutage oft blutleer glitzernden Ära neues Leben einzuhauchen. Big TV weckt Geister. Geister, die jeder beschwört, aber kaum jemand zum Leben erwecken vermag.


Zehn Lieder und zwei Interludien umfasst Big TV. Und man könnte wahllos drei Tracks herausgreifen und würde, wenn man sich denn auf den Spirit der Platte einlassen möchte, keineswegs enttäuscht werden. Der ausladende Titeltrack und Opener Big TV etwa kommt den Sphären von Depeche Mode sehr nahe. Von allen gegenwärtigen Nacheiferern von New Order und Konsorten sind die Londoner spektakulärer, leinwandbreit und mit der Gabe zu erfüllenden Refrains gesegnet. There Goes Our Love Again gerät zum schmissigsten Song des Albums, ist ein zum Mitgrölen einladender Track voll Radio-Verve. „She said I was a first time caller/ But a long time listener/ I’ve been waiting a while to talk to you/ I want you to love me/ More than I love you“ sind bestrickende Lyrics aus First Time Caller. Zunächst wirkt diese Synthie-Pop-Ode noch im entspannten Midtempo angesiedelt, ehe die Band gegen Ende der Hafer sticht und den Track mit einer rockigen Note ausklingen lässt. Auf das bombastisch angelegte, von einem mächtigen Refrain getragene Mother Tongue folgt mit Getting Even gleich ein weiteres Glanzlicht. Der Song trauert und schmachtet, verabschiedet und verzeiht. McVeighs Stimme strotzt vor Inbrunst, umgeben von einem Feuerwerk des Flehen. Den vielleicht schönsten Moment findet man in der resignativen Bridge „It’s the worst part of the best of me, best of me/ Love and trying so hard to be free/ Worst of the best of me, best of me/ Love and trying so hard to be free/ Lonely but free/ And out of love„. Mit der mittlerweile längst überfälligen Ballade Change äugen die White Lies kompositorisch ein wenig in Richtung von Jean Michel Jarre und Vangelis, während der Gesang an und zu an den seelenvollen Ausdruck eines Freddie Mercury erinnert. Auch hier wird Liebeskummer wieder großgeschrieben: „I‘m gonna miss the way I kissed you/ But I’ll be brave if you’ll be brave/ And this is only the beginning/ Although it feels just like the end/ If you need to take some time/ I’d surrender, love of mine„. Das nachherige Be Your Man sinkt erstmalig ein wenig ab, doch schon Tricky To Love rückt den überragenden Eindruck wieder zurecht. Das Magazin Clash sieht bei diesem Track Ähnlichkeiten mit Echo And The Bunnymen gegeben, die zumindest mir nicht ins Auge springen wollen. So heutig und wuchtig die Produktion auch klingt, man liegt eigentlich nie daneben, wenn man Parallelen zu den Größten der Achtziger zieht. Mit Heaven Wait kommen wir gegen Ende noch in den Genuss einer weiteren Ballade, die vielleicht nur auf dem ersten Blick ein bisschen kraftlos wirkt. Doch im Refrain breiten die White Lies ihre Schwingen aus. Das ist eines der Geheimnisse dieses Albums, ja der Band an sich, dass sich Hörer auf einen emotionalen, oft schweißtriefenden Höhepunkt verlassen dürfen. Das finale Goldmine freilich leidet an einem kleinen Makel, es setzt nämlich einen eher unaufdringlichen Schlusspunkt. Hätte die Band den Track in die Mitte der CD gepackt und Big TV stattdessen mit Mother Tongue oder Getting Even zum Ausklang gebracht, wäre man verdattert vor Freude verblieben.

Gefühlt sind die White Lies bereits Dinosaurier im Business. Bereits vor dem Erscheinen ihres Debüts wurden sie mit Erwartungshaltungen konfrontiert, als das nächste große Ding eingeschätzt. Für viele Fans hat sich dies auch längst bewahrheitet. Die Londoner haben binnen fünf Jahren ihren Sound zur Perfektion gebracht und sind nun an eine Punkt angekommen, an dem die große Bühne ihre einzige Bestimmung scheint. Mit dieser markanten Mischung aus Synthies und Gitarren taugen sie als die Vorzeigehelden eines retroesken Sounds. Big TV ist das ganz große, beseelte Kino, von dem man immer schon geträumt hat!

bigtv

Big TV erscheint am 09.08.2013 auf Polydor.

Links:

Offizielle Homepage

White Lies auf Facebook

SomeVapourTrails

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.