Kehraus des Herzens – Hjaltalín

Isländische Musik ist folkiger Elfenzauber, aus dem Geysir entsprungene Verstörung, episch angelegter Post-Rock oder sanftes Electronica-Gefrickel. Man ist allerlei gewöhnt und schielt auch deshalb nur mit höchsten Ansprüchen im Augenwinkel auf das Eiland im Atlantik. Doch selbst wenn die Erwartungshaltung die Latte derart hochlegt, dass sogar ein langer Lullatsch locker untendurch schlendern könnte, wenn man also kein langweiliges Larifari erwartet, sondern sich nach Feingeistigkeit in Musikgestalt verzehrt, wird man bei der isländische Formation Hjaltalín mit andächtigem Stauenen fündig. Das jüngste Werk Enter 4 erfüllt das, was man zu oft und leichthin als facettenreich bezeichnet. Es wagt sich an Ausgeschmücktheit, an Reduktion, an Intimität und Libido, an Hilflosigkeit und Leiden, an stilistische Eigenheiten, an die Negierung von Genres. Vor allem das Zusammenwirken der Stimmen von Högni Egilsson und Sigríður Thorlacius ist von geschmeidiger Eleganz geprägt.

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Bereits der soulige, unterkühlt loungige Track Lucifer/He Felt Like a Woman gleicht einer Odysee des Verstoßenen, eines aus dem Himmel gefallenen Suchenden. Der Titel wirkt einem Gemälde entsprungen, welches zwischen irdischer Sinnlichkeit und einer allgegenwärtigen Einsamkeit schwankt. Solch dunkel-untertönige Aura durchzieht die gesamte Platte, hält trotz Sehnsüchteleien auf Distanz. Forever Someone Else ist ebenso verstörend wie verlockend. Diese Regungen sind der stimmlichen Makellosigkeit von Thorlacius geschuldet, mit der sie die Zeilen „I wanna be touched/I wanna be found/I wanna be seen/ I just want you to hit me/ Don’t wait/ Just hit me“ durch die Boxen haucht. Enter 4 gerät in solch Momenten zu einem stylischen Film noir, dessen Protagonistin so verführerisch wie verdammt scheint. Ungesunde Begierden allerorten, cinemaskopisch dargereicht. I Feel You birgt ein Veränderung der Szenerie. Wo die vorangegangen Lieder noch in einer engen Kulisse spielen, durchschleicht Egilsson nun von Sehnsucht getrieben das Erdenrund. Der unantastbare elektronische Chic weicht getragenem Bombast. Doch schon mit Crack In A Stone kommt Land in Sicht. Es ist der flauschigste Song des Albums, der bislang vorherrschende dunkle Schimmer weicht Pastelltönen, eine gewisse Beschwingtheit kehrt ein, auch weil Egilssons brüchige Eleganz von einer so grazilen Thorlacius umspielt wird. Hier sind Hjaltalín für vier Minuten Pop, zugänglicher, kurzfristig umschmeichelnd. Schon die ersten von Piano und Streichern durchsetzten Takte der Ballade On The Peninsula stellen jedoch wieder eine symphonische Getragenheit her, durch die sich Thorlacius mit ätherischem Zungenschlag leidet. Wie ist dieser Track doch skandinavisch geprägt, mit einem Bein in der Schönheit verhaftet, mit dem anderen in den Fesseln der Tristesse verheddert. Letter To […] dagegen ist schwerer fassbar, weil es zunächst ein bisschen nach Lighthouse Family mit Chiffren und Subtilität klingt, nur um mittendrin das Licht zu dämpfen, dahinzuwogen und im blechernen Herzschlag einen Ozeans aufzugehen. Myself ist wieder desillusioniertes, reduziertes Drama, ein einsames Lamento, das Erlösung ersehnt. We geht in Richtung Opern-Pop, lässt dem Pathos freien Lauf. Es erlangt die theatralische Entfaltung dieses Werks, erwächst zu einem Track, der Hjaltalín endgültig in andere Sphären hebt. Der Nachklapp Etheral besticht als klaviereskes Wiegenlied samt einem Hauch Antony Hegarty, funktioniert als zurückhaltender Gegenentwurf zu der vorangegangen Fülle, zum traurigen Sinneskitzel. Etheral mutet nackt an, ein Kehraus des Herzens.

Enter 4 ist eine sehr nachdenklich fühlende Platte, deren Zärtlichkeit mitunter auch trügerisch scheint. Weil die Emotionen vorwiegend Distanz wahren, weil die gewählte Ästhetik auch bitter schmeckt. Durch diesen Ansatz ist Hjaltalín allerdings das bis dato spannendste, delikateste Album der Bandgeschichte gelungen. Da sich die Gefühle offensichtlichen Sterotypen verweigern, entsteht ein Wirbel von Geheimnissen, welcher den Hörer vor Rätsel stellt. Isländische Musik mag folkiger Elfenzauber, aus dem Geysir entsprungene Verstörung, episch angelegter Post-Rock oder sanftes Electronica-Gefrickel sein, was Hjaltalín sind, beantwortet die Platte nicht. Das Werk bleibt auf den ersten, zweiten und dritten Blick ein Mysterium. Ein ausgesprochen erquickliches jedoch!

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Enter 4 erscheint am 23.08.2013.

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