Am Puls der Metropole – Seams

Metropolen sind stets Sehnsuchtsorte, an denen Träume auf Wirklichkeiten treffen. Es ist diese starke Spannungssituation, jene emotionale Fallhöhe, die eine Metropole von einer stinknormalen Stadt unterscheidet. Metropolen leben vom Zuzug, sind offen und feindselig zugleich. Denn wer sich hier einen Platz erobert hat, will diesen nicht von Dahergelaufenen angegriffen wissen. Metropolen sind daher Horte des Misstrauens, wo Zuwanderer und Eingeborene sowie die Durchsetzungfreudigsten vorangegangener Besiedlungswellen um die Vorherrschaft streiten. Aus diesen Gründen ist eine lederbehoste Auster wie München einfach nur Stadt, während Berlin eben Berlin ist. Metropolen können Hort der Kreativität und Jugendlichkeit sein oder aber vor geldlichen Verlockungen strotzen (Frankfurt!). Es gäbe genug über Reiz von Metropolen zu sagen. Und doch braucht es dazu nicht immer Worte. Auch elektronische Musik vermag den Puls der Weltstadt zu erfühlen. Das Album Quarters des in Berlin lebenden Briten James Welch schafft dies vorzüglich. Unter dem Namen Seams hat er einen feinen Berlin-Soundtrack vorgelegt.

Quarters macht Berlin zu einem tänzelnden, minimalistisch skizzierten Märchen. Schon ClapOne stürzt sich lautmalerisch in die Hektik dieses Seins. Ein irritiertes Gesangssample wird von Claps, einer dumpfen, gnadenlosen Bassdrum und nevösen Synthies umzingelt. Es wirkt als Sturz in die Unruhe, ehe mit Constants gleich ein fast heimeliger, melodischer Gegenentwurf erfolgt. Das tönt verspielt, lässt Berlin quasi in Legosteinen erstehen. Sitcom Apartment scheint aus der Vogelperspektive ersponnen, wie es wuselt und flirrt, vom Puls der Stadt immer weiter in die Eingeweide hineinzoomt, mit Fortdauer die Energie einer erwachenden Metropole schimmernd abbildet. Iceblerg dagegen haften die Moden der Moderne an, Beats und zerhackte Synthies glitzern und glamourn. Der Track stolziert auf einem vibrierenden Laufsteg, wie dies auch das nachfolgende Rilo tut. Rilo freilich scheint zunhemend ein Ballett der Hochhäuser zu sein, welches ungelenk und schwerfällig durchs Panorama stolpert, während rundherum Ameisenhorden gleich Popcorn in alle Richtungen davonspritzen. Die widersprüchliche Dynamik Berlins lässt sich schwerlich besser darstellen. Das finale TXL benutzt nicht umsonst den Flughafencode von Berlin-Tegel. Es lebt vom Kontrast zwischen blechernem Percussion-Gefiepe, luftigem Entschweben und einem knallharten Beat. TXL gleicht einer Landung in eine gerafften Zeit, in eine mechanisch pochende Metropole.

Quarters ist weder Klanggemälde noch elektronische Tanzmusik. Seams siedelt diesen Soundtrack zur Hauptstadt in einem Energieniveau dazwischen an. Das Album kribbelt und reflektiert, es puzzelt sich das Funktionieren einer Metropole zurecht, mengt natürlich Faszination und Ekstase bei. Dadurch wird es Berlin gerecht – und das ist im Grunde eine fast schon unlösbare Herausforderung.

Quarters_cover

Quarters ist am 20.09.2013 auf Full Time Hobby erschienen.

Konzerttermine:

26.11.2013 Hamburg – Uebel & Gefährlich
27.11.2013 Leipzig – Conne Island
28.11.2013 Frankfurt – Zoom
29.11.2013 Berlin – Gretchen
01.12.2013 Wien (A) – Flex
03.12.2013 München – Rote Sonne
04.12.2013 Zürich (CH) – Mascotte

Links:

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